Das neue Buch von Arundhati Roy "Das Ministerium des äußersten Glücks"

Literaturkolumne : Unter der Oberfläche

Wenn der Erstling bereits 20 Jahre alt und bis heute kaum aus dem zeitgenössischen Literaturkanon wegzudenken ist, dann verspürt ein Autor wohl einen gewissen Druck beim Verfassen des Nachfolgers. Nicht so Arundhati Roy – oder wie ist sonst zu erklären, dass sie ganze zehn Jahre an „Das Ministerium des äußersten Glücks“ schrieb? Mit seiner Komplexität möglicherweise, mit der überraschenden Tiefe, mit der sie indische Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts aufarbeitet.

In beiden Werken sind ihr die Unterdrückten unter den etwa 1,3 Milliarden Menschen Indiens eine Herzenangelegenheit. Galt es in „Der Gott der kleinen Dinge“ noch, die tragische Liebesgeschichte zwischen Unberührbaren – einer geschiedenen Frau und einem Angehörigen der untersten Kategorie im indischen Kastensystem – zu erzählen, widmet sich Roy mit ihrem zweiten, weit umfangreicheren Roman dem scheinbar ewig schwelenden Konflikt zwischen Hinduisten und Muslimen in Indien. Etwa 80 Prozent der Menschen gehören heute dem hinduistischen Glauben an, mit 13,4 Prozent bilden Muslime die zweitgrößte Religionsgruppe. „Hindus und Muslime scheinen einigermaßen friedlich miteinander auszukommen. Doch unter der Oberfläche friedlichen Zusammenlebens schwelt das Misstrauen“, schrieb Holger Christmann zu Beginn des Jahrtausends in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Roy taucht mit „Das Ministerium des äußersten Glücks“ sehr tief unter diese Oberfläche. Sie zeichnet durch die Jahrzehnte hindurch all die Konflikte nach, die großen wie die kleinen. Die Ghettoisierung der muslimischen Bevölkerung in Delhi beispielsweise, gezeigt in großflächigen Fotos in nationalen und internationalen Zeitungen: „Manche Leser betrachteten diese Bilder als Beweis für Indiens erfolgreichen Säkularismus und religiöse Toleranz. Andere waren erleichtert, dass ­Delhis muslimische Bevölkerung in ihrem pulsierenden Ghetto zufrieden schien.“

Die tausend überwiegend muslimischen Toten der Ausschreitungen im Bundesstaat Gujarat 2002, der seit Jahrzehnten andauernde Konflikt in Kaschmir, der Grenzregion zwischen Indien, Pakistan und China. All das schildert Roy schonungslos, lässt ihre Figuren die Gewalt miterleben und mit den Folgen weitermachen so gut es eben geht. Das Misstrauen zwischen beiden Gruppen wächst über die Jahrzehnte, dem sonstigen Aufschwung Indien zum Trotz.

20 Jahre liegen zwischen beiden Büchern. 20 Jahre, die auch Roys Stil offenbar verändert haben. „Der Gott der kleinen Dinge“ war sprachlich verspielt, zum Beispiel setzte Roy damals auf endlose Wiederholungen und Pars pro Toto. Noch Jahre nach dem Lesen bleiben „Elvis Pelvis“ und „Love-in-Tokyo“ (ein Haargummi) als Begriffe, hinter denen sich ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen verbergen, ins Gedächtnis eingebrannt.

Auf den 543 Seiten von „Das Ministerium des äußersten Glücks“ hat der exzessive Gebrauch altbewährter Stilmittel kaum Platz. Stattdessen hält in weiten Teilen eine klarere Sprache Einzug – kombiniert mit lyrischen Episoden. Keine Zeit für Spielereien, es gibt zu viel zu erzählen, von dort – unter der Oberfläche. „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ein wahrhaft guter Grund, in diesen Teil der Geschichte endlich einzutauchen.

  Lisa Bergmann

Arundhati Roy, Das Ministerium des äußersten Glücks, S. Fischer Verlag, 556 Seiten, 24 Euro