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Trier
Karl-Marx-Städte, vereinigt Euch!

Galerist Mathias Lindner aus Chemnitz unterhält sich mit Ausstellungsbesuchern in Trier.
Galerist Mathias Lindner aus Chemnitz unterhält sich mit Ausstellungsbesuchern in Trier. FOTO: Eva-Maria Reuther
Trier. Mit Arbeiten von DDR-Künstlern aus dem früheren Karl-Marx-Stadt leistet die Galerie Junge Kunst in Trier einen gelungen, sehenswerten Beitrag zum 200. Geburtstag von Karl Marx. Von Eva-Maria Reuther

Einen pfiffigen Beitrag zum Jubiläumsjahr hat sich die Junge Kunst einfallen lassen. Der Trierer  Kunstverein hat sich mit derjenigen Stadt kurzgeschlossen, die eine Zeit lang den Namen des Kapitalismus-Kritikers führte. Von 1953 bis 1990 hieß das sächsische Chemnitz Karl-Marx-Stadt. Nach dem Willen der damaligen DDR-Regierung sollte die Stadt eine „sozialistische Musterstadt“ werden. Auf wen man sich dabei berief, ist bis heute nicht zu übersehen.

Der über sieben Meter hohe und rund 40 Tonnen schwere  Karl-Marx-Kopf im Zentrum (mit Sockel über 13 Meter) soll die zweitgrößte Porträtbüste weltweit sein. Natürlich blieb der Kopf  in  Sachsen. (In Trier besitzt man den Philosophen ja schon in Gänze). Stattdessen wurden in Zusammenarbeit mit der Neuen Sächsischen Galerie und deren Leiter Mathias Lindner Druckgrafiken von DDR-Künstlern aus der Zeit vor der Wende ausgeliehen. Als Schau ist so ein interessanter Beitrag zur deutsch-deutschen Erinnerungskultur entstanden.

Zu sehen sind  druckgrafische Blätter aus Mappen, die zum 100. und 165. Geburtstag von Karl Marx  in Auftrag gegeben wurden, vorwiegend Radierungen, aber auch Lithografien und Holzschnitte sowie Herbert Sandbergs Zyklus „Bilder zum Kommunistischen Manifest“. Unter den 17 Künstlern, die hier mit Einzelarbeiten vertreten sind, dürfte der bekannteste Willi Sitte sein. Sein Farboffset ( die einzige Arbeit hier  in dieser Technik)  mutet trotz des modernen Verfahrens  gewohnt altmeisterlich an. Überhaupt scheint  in diesen Arbeiten  der berühmte Formalismus-Streit nachzuwirken, der sich gegen den „westlich-dekadenten Kunstbetrieb“ und seine abstrakten Ausdrucksformen richtete („Wir brauchen keine abstrakten Bilder“ befand Walter Ulbricht), und der die Kunst für den Aufbau des sozialistischen Staates in Dienst nahm. In Trier geläufig ist der hier als Lithograf auftretende Bildhauer Fritz Cremer, von dem die Karl-Marx Büste im Garten des Karl-Marx-Geburtshauses  stammt. Zu den interessantesten Künstlern gehören zudem Volker Stelzmann und Bernhard Heisigs Meisterschüler Hubertus Giebe.

Den Schwerpunkt der Ausstellung bildet Herbert Sandbergs Zyklus zum „Kommunistischen Manifest“. Die 24 Blätter sind sogenannte Decelithschnitte, ein Verfahren, bei dem das Decelith, ein Weich-VC, als Platte dient. Der 1908 geborene jüdische Grafiker, Karikaturist und Leiter der satirischen Zeitschrift „Ulenspiegel“, der als Kommunist von den Nazis verhaftet wurde, blieb bis zu seinem Tod 1991 ein systemkritischer, politisch engagierter  Widerständiger. Im Formalismus-Streit reklamierte er unerschrocken eine moderne zeitgenössische Bildsprache. Seine in Trier ausgestellten  grafischen Arbeiten sind reduziert und plakativ  in der Bildsprache. Absolut sehenswert als Ausstellung.

Die Ausstellung ist bis 9. September samstags und sonntags, jeweils von 14 bis 17 Uhr zu sehen sowie nach Vereinbarung unter Telefon 0651/9763840.

Eine der Arbeiten von Herbert Sandberg zum „Kommunistischen Manifest“.
Eine der Arbeiten von Herbert Sandberg zum „Kommunistischen Manifest“. FOTO: Eva-Maria Reuther