Gesellschaft / Kultursommer Rheinland-Pfalz : Heimat ist Kindheit

Anmerkungen zu einem problematischen Begriff, den der Kultursommer Rheinland-Pfalz im nächsten Jahr zum Thema gewählt hat.

Die Engländer haben es einfacher. „Home is where I hang my hat“ sagen sie, oder, den Jägerzaun im Blick, „My home is my castle“. Ob die Heimat tatsächlich dort ist, wo der Hut hängt, oder Heimatgefühle nur in der eigenen Burg möglich sind, geschützt vorm Rest der Welt, sei dahingestellt. Wobei, auch dies gilt zu bedenken, das Wort „home“ eher zu Hause als Heimat bedeutet, ohne das Vertraute, Warme, Anheimelnde zu vermitteln, das dem deutschen Wort im besten Sinne innewohnt – ein Begriff, der nicht eins zu eins in andere Sprachen übersetzt werden kann und lange darunter litt, dass er hierzulande in einst unseligen Nazi-Zeiten völkisch eingefärbt war und wieder darunter zu leiden beginnt, dass er aktuell durch ebenso unselige AfD-Zeiten in eine peinlich tümelnde Ecke gerückt wird, in der vor allem Ausgrenzung praktiziert wird.

Ein Bollwerk gegen alles Fremde und Undeutsche – das verstanden Nazis und verstehen zahlreiche Mitglieder der aktuellen Rechtsaußen-Partei unter dem Begriff Heimat. Ein durchaus problematisches Wort mithin. Dessen sei man sich bewusst gewesen, erklärt Markus Nöhl, Pressesprecher im Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur in Rheinland-Pfalz, das sich im kommenden Jahr der Heimat widmet – verfremdend klein geschrieben und, noch verfremdender, in den nicht existenten Plural gesetzt: „heimat/en“. Zumindest inspiriert diese irritierende Neubildung zum Nachdenken über „die Identität in diesem Zweistromland zwischen Rhein und Mosel“, hofft Nöhl, dessen Vielfalt, bedingt durch jahrhundertelange Völkerwanderungen „einmalig sei“.

Der rheinland-pfälzische Kulturminister Konrad Wolf begründet das Programm in seiner Grußbotschaft folgendermaßen: „Es wird wieder so viel über Heimat geschrieben, diskutiert, auch gestritten, sie wird aber auch wieder bewusster gelebt, gefeiert und wieder neu entdeckt, so dass wir uns gedacht haben: Wir müssen unbedingt die Kulturszene des Landes fragen, was ihr dazu einfällt.“ Man habe daher den Begriff „Heimat“ bewusst in den Plural gesetzt, denn das Thema lasse sich ja in vielem finden: „Als Heimweh und Heimatlosigkeit, als das Heimelige und das Unheimliche, als Geschichte und Geschichten, als Sehnsüchte und Erinnerungen, als Herkunft und Utopie, als Landlust und Landflucht, als Muttersprache und Mundart, als Regionalität und Identität, als Geborgenheit und Enge, als Heimkehr und Heimsuchung. Verlorene, verlassene, alte, neue und wiedergefundene Heimaten.“ Vor allem wolle man den Begriff „mit den Mitteln von Kunst und Kultur innovativ, klug und weltoffen – nicht ,tümelnd‘ gestalten“. Womit auch gleich den Kritikern der Wind aus den Segeln genommen werden soll. Denn von denen dürften manche den Begriff als gestrig, altertümelnd, verstaubt und – nun ja, eben „nationalsozialistisch verseucht“ abtun.

Dabei ist ein Wort, ganz nüchtern betrachtet, erst einmal unschuldig; befrachtet wird es nur von Ideologen und deren verquaster Weltanschauung. Daher wurde er in der Nachkriegszeit nur mit spitzen Fingern angefasst – etwa, wenn es um den „Heimatfilm“ ging, Eskapismusstreifen, die den Deutschen eine Idylle vorgaukelten, die sie selbst zerstört hatten. Es gab die „Heimatvertriebenen“ mit ihren zum Teil grotesk überzogenen Ansprüchen an ihre „neue Heimat“ im Westen. Beides sind typisch deutsche Wortkombinationen, die im Kino der wirklichkeitsfremden Verharmlosung das Wort redeten und in der Realität die Leiden der Entwurzelung in den jeweils individuellen Biografien einschloss.

Erst einem Mann aus der Region gelang es, den Begriff „Heimat“ wieder stubenrein zu machen: Der aus Morbach stammende Regisseur Edgar Reitz exkulpierte 1984 mit seiner weltweit beachteten und preisgekrönten Fernsehserie „Heimat“ das schuldlos schuldig gewordene Wort. Heimat, das bedeutete in seinem Film Zugehörigkeit und Familie, Sicherheit und Zuverlässigkeit, Beziehungen und Emotionen – und die Wohnküche, in der stets ein wärmendes Feuer im Herd brennt.

So ist es nur folgerichtig, dass Edgar Reitz Schirmherr eines „Heimatfilmfestivals“ wird, das in Simmern stattfindet und bei dem europäische Regisseure ihre Vorstellung von Heimat vorstellen. „Der Förster im Silberwald“ dürfte damit endgültig in den Ruhestand geschickt sein.

Auch literarisch ist die Heimat inzwischen wieder salonfähig – nicht zuletzt durch einen Schriftsteller, der ebenfalls in der Region lebt und das Dorf, in dem er lebte, zu seinem Künstlernamen gemacht hat: Michael Preute, gebürtig aus Duisburg, wurde als „Jacques Berndorf“ (bei Hillesheim) weit über den Eifelort hinaus bekannt. Er gehörte zu den ersten, die den Heimat-Krimi populär machten und mit dafür sorgte, dass heute zahlreiche Dörfer und Kleinstädte in ganz Deutschland über einen eigenen Kriminalkommissar verfügen, der Verbrechen direkt vor der Haustür aufklärt.

Vielleicht ist Heimat nur ein „Sehnsuchtsort“, nicht wirklich existent, sondern nur als Gefühl. Möglicherweise beschwört der Begriff eher eine goldgerahmte Vergangenheit, die eine einmalige Erfahrung bleibt. So sieht es jedenfalls der Journalist, Schriftsteller und Dokumentarfilmer Georg Stefan Troller. Der 1921 in Wien geborene Sohn eines jüdischen Pelzhändlers, den die Nazis aus seiner Heimat vertrieben und der nach zahlreichen Auslandsstationen in Paris sesshaft wurde, ist davon überzeugt: „Eine neue Heimat, das gibt es nicht. Ich bin zufrieden, habe meine Kinder hier, kenne die Viertel, die Straßen, viele Leute. Man kann auskommen mit der Stadt. Man kann sie sogar lieben. Eine Heimat ist etwas anderes. Heimat ist Kindheit.“

Rainer Nolden

Mehr von Volksfreund