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Der Film „Moselfahrt aus Liebeskummer“ zeigt die Region im Jahr 1953

Regionale Fimgeschichte : Der Film „Moselfahrt aus Liebeskummer“ zeigt die Region im Jahr 1953

Der Heimatfilm „Moselfahrt aus Liebeskummer“ entstand 1953, als die Mosel noch nicht begradigt war und das „Saufbähnchen“ noch fuhr. Warum der Klassiker die damalige Gegenwart totschweigt und dennoch alles verrät.

Als Erstes fällt auf, was man nicht sieht. Nur acht Jahre nach Kriegsende gibt es weder Trümmerlandschaften noch Barracken. Selbst in Trier sind die Folgen des Bombenteppichs unsichtbar. Der einzige Hinweis auf das unlängst geschehene Grauen ist das Schicksal der Hauptakteurin; sie ist Witwe. Doch ihr Mann starb nicht etwa beim Russlandfeldzug, sondern bei einem Lawinenunglück nach dem Krieg – man muss ja nicht unnötig an Wunden rühren. Das Zweite, das auffällt, sind die Berufe der Akteure. Die Witwe leitet einen Buchverlag, ihr Verehrer ist Kunsthistoriker, und seine Expartnerin singt an der Oper. Und dann ist da noch ein „Großvater“, der seit 25 Jahren malt und dichtet. Es scheint, als widme sich eine ganze Nation den schönen Künsten – und nicht dem Wiederaufbau eines zerstörten Landes.

Plackerei und Fron finden in „Moselfahrt aus Liebeskummer“ ohnehin nicht statt. Die einzigen Menschen, die überhaupt arbeiten, sind Winzer, Kellermeister, Weinausfahrer und Kellner. Und die werden dringend gebraucht, weil an der Mosel ständig getrunken und gefeiert wird. Ja, selbst der Bürgermeister von Bernkastel füllt sich – so legt es der Film nahe – jeden Abend in der Weinstube ab, bis ihn die Gattin telefonisch nach Hause zitiert.

Es ist eine seltsam berauschte Welt, die sich hier präsentiert. Als hätte die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 nicht stattgefunden. Und was die „Moselfahrt aus Liebeskummer“ angeht, hat sie das auch nicht. Denn der Roman, der dem Film zugrunde liegt, erschien bereits 1932. Dessen Autor Rudolf G. Binding ist keine unumstrittene Figur. Er gehörte zu jenen 88 Schriftstellern, die nach der Machtergreifung der Nazis öffentlich ein „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ gegenüber Hitler ablegten. Doch privat lebte er mit einer Jüdin zusammen, über die er bis zu seinem Tod 1938 seine schützende Hand hielt. Vermutlich hätten sich nicht wenige seiner Landsleute in dieser verwickelten, widersprüchlichen Biografie wiedererkannt.

 Eine Schülergruppe läuft im Film über den Platz vor der Porta Nigra. Vor dem Simeonstift war 1953 wohl noch ein Parkplatz.
Eine Schülergruppe läuft im Film über den Platz vor der Porta Nigra. Vor dem Simeonstift war 1953 wohl noch ein Parkplatz. Foto: TV/moviepilot

Doch sind solche Gedanken hypothetisch. Nichts hätte den Machern der „Moselfahrt“ ferner gelegen, als die Wirtschaftswunder-Deutschen mit ihrer nicht ganz so wunderbaren Vergangenheit zu konfrontieren. Regisseur Kurt Hoffmann hatte bereits im Krieg die Bevölkerung mit Komödien wie „Quax, der Bruchpilot“ und „Kohlhiesels Töchter“ aufzuheitern vermocht. Nach 1945 setzte er diesen Kurs konsequent fort. Filme wie „Ich denke oft an Piroschka“ oder „Das Wirtshaus im Spessart“ wurden auch deshalb ein Erfolg, weil sie in einer lang zurückliegenden, noch schuldlosen Vergangenheit spielen. Selbst in der „Moselfahrt“, die im Jahr 1953 stattfindet, entdeckt man die Gegenwart allenfalls auf Weinetiketten.

Und im Straßenverkehr. Der heimliche Star des Films ist ein Käfer Cabrio, das – wie in einem Werbespot – immer wieder die Serpentinen der Mosel entlangkurvt. Man kann sich vorstellen, wie diese Szenen auf Menschen gewirkt haben müssen, die nur Mofa, Bus und Bimmelbahn kannten. So weckte der Film die Sehnsucht der Zuschauer, eines schönen Tages mit dem eigenen Auto eine Moselfahrt unternehmen zu können.

 Vergessen, was war Warum die „Moselfahrt aus Liebeskummer“ die Gegenwart totschweigt und dennoch alles verrät.
Vergessen, was war Warum die „Moselfahrt aus Liebeskummer“ die Gegenwart totschweigt und dennoch alles verrät. Foto: TV/moviepilot

Die Zukunft, so viel stand fest, konnte nur besser werden. Bis die Kinder des Wirtschaftswunders anfingen, sich für die Vergangenheit ihrer Eltern zu interessieren. Aber das ist eine andere Geschichte. Die der 68er.

„Moselfahrt aus Liebeskummer“ läuft heute im Moselkino Bernkastel-Kues sowie am 18., 22., 24. und 27. Dezember im Broadway Trier.