Der Popp-Concerts-Chef Oliver Thomé im Portrait

Serie Die Kulturmacher : Meister der Vielfalt und ein Traum vom Club

Der Popp-Concerts-Chef über positive Überraschungen, erschwerte Bedingungen und was er sich noch in Trier wünscht.

Ausnahmezustand im Trierer Norden: Neun Sattelschlepper parken rund um die Arena, dazu sechs Nightliner für die Crew, allein 50 Abbauhelfer sind abends im Einsatz. Nach einer ausverkauften Show vor 7000 Fans, viele davon ziemlich jung. Von Bonez MC und RAF Camora mögen viele Leser noch nie etwas gehört haben. Auch nicht von der 187 Straßenbande, die vor knapp drei Jahren noch in der Tuchfabrik im viel kleineren Rahmen aufgetreten war. Aber die Show der Hip-Hopper im Februar in Trier war „eine der größten Produktionen seit langer Zeit in Trier“. Das sagt Oliver Thomé – und der Chef von Popp Concerts muss es wissen. „Das lag in den Dimensionen von den Ärzten und den Toten Hosen bei ihren Konzerten in der Arena. Die Show von Peter Maffay mit Orchester war von der Größe her ähnlich. Und auch das Schlagerfest ist eine sehr große Produktion“, sagt er.

Musikalisch liegen Welten dazwischen. Aber dafür steht Popp Concerts bei rund 120 Veranstaltungen im Jahr – mit Schwerpunkt auf Trier und dem Saarland. Mit einem Repertoire vom Bibi-Blocksberg-Musical bis zur Basketball-Show der Harlem Globetrotters und von Flogging Molly bis zu den Amigos. Wer da für alle Shows Karten hat, ist ziemlich breit aufgestellt.

Die Vielfalt gehört zum Konzept, sie hat natürlich auch wirtschaftliche Gründe. In Metropolen könne man sich spezialisieren. Auf Rock, Alternative, Punkrock. „Das würde bei uns in der Region nicht funktionieren“, sagt Thomé. „Aber das hält den Job auch extrem spannend. Man erlebt manchmal wirkliche Überraschungen.“ Beispiel? Für Oliver Thomé, selbst Punkrock-sozialisiert, war zum Beispiel Chris de Burgh eine Entdeckung. „Bei seinem ersten Mal in der Arena dachte ich mir: Okay, das wird wohl nicht so spannend. Aber dann habe ich mich selbst ertappt, wie ich mitgesummt habe, wie viele Songs ich von ihm kenne – und wie gut das auch live war.“

Seit 20 Jahren ist der gebürtige Saarländer in Trier, mit kurzer Unterbrechung. Damals studierte er in Künzelsau BWL mit Schwerpunkt Kultur- und Freizeitmanagement – und er brauchte ein Praxissemester. „Ich habe auf meine gesammelten Konzertkarten geschaut: Bei welchem Veranstalter habe ich die meisten Konzerte besucht? Und das war bei Popp Concerts. Ich habe mich beworben – und die Chemie mit Ingo Popp hat gleich gestimmt.“ Er hing noch ein zweites Praxissemester dran. Nach dem Diplom blieb er in Trier. 2007 beteiligte sich Thomé an der Firma, Firmengründer und Namensgeber Ingo Popp zog sich ab 2013 zurück – und zum 31. Dezember 2016 hat Thomé Popp Concerts komplett übernommen. Der Kontakt zu Ingo Popp ist noch freundschaftlich. „Wir telefonieren noch regelmäßig und sehen uns öfters.“ Ihre Herangehensweise war unterschiedlich. „Ingo hat beim Booking viele Bauchentscheidungen getroffen, ich bin eher der Kopftyp“, sagt Thomé. „Aber wir sind oft zu ähnlichen Ergebnissen gekommen.“

Der 41-Jährige kennt beide Seiten des Showgeschäfts bestens, auf und jenseits der Bühne. Vor 20 Jahren gründete er gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Alex die Punkrockband Pascow. Die hat gerade ihr sechstes Album „Jade“ veröffentlicht – eine vielschichtige, überzeugende Platte mit Überraschungen wie der Pianonummer „Wunderkind“. Und die Band, die noch in Gimbweiler (bei Birkenfeld) probt, ist gefragt wie nie: So ist zum Beispiel der Auftritt in Hamburg Ende April in den „Docks“ – von der Kapazität etwa so groß wie die Europahalle – schon ausverkauft. Das ist sein „second life“, sagt Thomé, der längst mit seiner Familie in Trier heimisch geworden ist. Stressfreier – und auch ein Stück weit Luxus. „Als Musiker bin ich keinem finanziellen Druck ausgesetzt, wir haben da absolute Kunstfreiheit, weil wir nicht davon leben müssen. Ob also 100 oder 1500 Leute kommen, ist für uns nicht existenzrelevant.“ Für hauptberufliche Musiker sei die Situation aber ganz anders.

„Ich habe noch kürzlich an die Pascow-Anfänge gedacht – da gab es kein Myspace, kein Facebook, kein Instagram. Wir sind damals zum Saarländischen Rundfunk und haben uns 200 Demo-Tapes kopieren lassen“, erinnert sich der Schlagzeuger. „Davon haben wir 120 verschickt – und daraus hat sich ein Konzert ergeben. Aus dem dann vielleicht noch ein weiteres, so ging es dann los. Ohne Label, ohne Booking-Agentur.“

Popp Concerts ist nicht nur örtlicher Veranstalter in Arena, Europahalle, lange Zeit im seit kurzem gesperrten Exhaus („Ich hoffe, dass es das auch in Zukunft geben wird, sonst sehe ich schwarz für die Subkultur in Trier“) oder in Clubs wie der „Garage“ in Saarbrücken: Die größten Veranstaltungen sind Open Airs, etwa am Losheimer See oder Bostalsee, im Trierer Amphitheater oder – in Kooperation mit der Trier Tourismus und Marketing GmbH (ttm) – vor der Porta Nigra .

Porta3 ist eine tolle neue Reihe, die das Wahrzeichen unserer Stadt gut in Szene setzt“, sagt Thomé. „Meine Vorstellung von Porta3 ist: Alle zwei, drei Jahre soll für jeden Trierer was dabei sein. Egal, ob er Pop, Rock, Indie oder Hip-Hop hört.“ In diesem Jahr (19. - 22. Juni) ist Porta3 so international wie nie – ausnahmsweise gibt es zudem vier Konzerte in Folge. Mit dabei sind Midnight Oil, Flogging Molly, Tom Odell und Samy Deluxe.

Leicht werde es kommerziellen Veranstaltern nicht gemacht – im Gegensatz zu gemeinnützigen Vereinen dürften sie in Trier etwa nicht ihre Veranstaltungen auf Plakaten bewerben (außer auf privaten Flächen). „Wir erhalten keinerlei Subventionen. Gerade bei großen Open Airs liegt man schnell mal bei 300 000, 400 000 Euro Risiko. Da muss man schon genau durchrechnen, ob man sich das erlauben kann oder will.“ Die Verdienstmöglichkeiten bei Konzerten seien schlechter geworden in den letzten zehn, 15 Jahren – wegen gestiegener Infrastrukturkosten und höheren Gagen. Oliver Thomé ist aber niemand, der pessimistisch denkt. Im Gegenteil. „Ein Traum von mir wäre eine eigene Location für maximal 800 bis 1000 Leute in Trier, ein klassischer Liveclub eben – das fehlt hier.

Oliver Thomé, Chef von Popp Concerts, kennt beide Seiten des Musikgeschäfts. Als Schlagzeuger von Pascow spielt er selbst in großen Hallen (wie hier in der ausverkauften Gebläsehalle Neunkirchen). Foto: Andreas Langfeld (2) und privat

Andreas Feichtner

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