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AUFGESCHLAGEN – NEUE BÜCHER: Der Roman zur aktuellen Katastrophe

AUFGESCHLAGEN – NEUE BÜCHER : Der Roman zur aktuellen Katastrophe

Kritik zu Der Anfang von Morgen Jens Lilestrand

Schweden geht in Flammen auf. Und die Zivilisation den Bach hinunter. Dieses Bild ist schon deshalb schief, weil die alle ausgetrocknet sind. Und die Ostseeküste ist eine dreckige, stinkende, algenverseuchte Brühe. Vier Geschichten vom Ende der Welt, so wie wir sie kennen, erzählt der Schwede Jens Liljestrand in „Der Anfang von Morgen“ aus der Perspektive von vier Betroffenen, die mehr oder weniger lose Handlungsfäden verbinden.

PR-Berater Didrik will mit seiner Familie vor dem Waldbrand aus dem Sommerhaus zurück nach Stockholm fliehen, schafft es jedoch nur mit dem Baby in die Hauptstadt, wo die beiden bei seiner Ex-Geliebten Melissa Unterschlupf finden. Diese arbeitet als Influencerin, die sich von den Ereignissen nicht beirren lässt, während sie die Wohnung eines ehemaligen Tennisstars hütet, der mit seinem Sohn Anders einen Segeltörn durch die Schären macht. Während der Vater sich im Glanz seiner verblichenen Erfolge sonnt, hegt der 19-Jährige Mordgedanken gegenüber seinem Erzeuger und schließt sich einer Truppe von eher chaotischen Umweltaktivisten an, die ihrerseits eine Spur von Zerstörung hinter sich herziehen. Im letzten Teil steht Vilja, Didriks 14-jährige Tochter, im Fokus, eine zickige Pubertierende, die im Chaos ihre soziale Ader entdeckt.

Dass das Klima kippt, dürfte inzwischen jedem klar sein. Was das zur Folge hat, bleibt für die meisten vorerst noch abstrakt. Liljestrands apokalyptischer Zustandsbericht, der die Konsequenzen in seinen krassesten Dimensionen beschreibt, zeichnet eine Gesellschaft, die alle Regeln der Zivilisation über Bord geworfen hat. Jeder kämpft für sich allein, bestenfalls noch für die ihm oder ihr Nahestehenden.

Die Erzählweise ist sprunghaft, erratisch, wechselt zwischen Orten und Zeiten, manche Handlungsfäden werden wieder aufgenommen, manche bleiben unverknüpft. Das ist mitunter ermüdend, verwirrend ist es sowieso, und verlangt dem Leser einiges an Konzentration ab. Die Szenen sind zusammengefügt wie die Bilder eines hektisch geschnittenen Katastrophenfilms (man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor dieses Medium beim Schreiben bereits im Kopf hatte), wobei sich der real existierende Horror der Ereignisse dabei auf direktem Weg vermittelt. Figuren treten auf und verschwinden sofort wieder, manche zeigen sich vor dem Hintergrund der Ereignisse in ihrer ganzen Erbärmlichkeit, andere wachsen über sich selbst hinaus.

Und für einige von ihnen gibt es tatsächlich eine Art Happy end. Doch das hinterfragt der Autor umgehend, indem er Vilja resümieren lässt „… dass hier weder happy noch das Ende ist. … Glaubt ja nicht, dass das hier vorbei ist. Glaubt ja nicht, dass ihr zu Hause angekommen seid. Niemand wird nach Hause kommen.“

Fazit: Diesen Umweltthriller kann man als Quintessenz der inzwischen täglichen Nachrichten über den Zustand der Erde lesen. Dass der Roman einen eher entmutigt zurücklässt, weil sich viel zu wenig viel zu langsam ändert, dürfte dabei durchaus in der Absicht des Autors gelegen haben.

Rainer Nolden

Jens Lilestrand, Der Anfang von Morgen, aus dem Schwedischen von Thorsten Alms, Karoline Hippe, Franziska Hüther und Stefanie Werner, S. Fischer Verlag,541 Seiten, 24 Euro.