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Design: Christophe de la Fontaine über Dante Goods and Bads

Gestaltung : Gutes Design und Humor? Passt!

Ihre Formen haben das Zeug zum Klassiker: Der in Luxemburg geborene Industrie-Designer Christophe de la Fontaine und die Münchner Künstlerin Aylin Langreuter sind das kreative Duo hinter „Dante Goods and Bads“.

Christophe de la Fontaine und Aylin Langreuter leben und arbeiten in einem Schloss im Bayerischen Wald und entwerfen von dort aus Design für ihre Firma „Dante Goods an Bads“ und den internationalen Markt. Aber das reicht ihnen nicht: Um den Menschen einen leichteren Zugang dazu zu verschaffen, betten sie ihre Kollektionen in einen Gesamtauftritt. Ein anspruchsvolles Konzept, umgesetzt mit Humor, erklärt in einem gut gelaunten (Telefon-)Gespräch.

Sie arbeiten in Deutschland, Ihre Entwürfe werden in Italien gefertigt, in vielen Ländern verkauft, sind auf internationalen Messen präsent. Überwindet gutes Design kulturelle Grenzen? 

Christophe de la Fontaine: Design muss wie alle Güter international gesehen werden – dazu gehört natürlich auch die Art, wie wir uns damit auseinandersetzen. Einerseits geht man immer sehr stark von sich selber und den Menschen und Themen aus, an denen man sich gerade misst, aber man betrachtet alles natürlich von einem globalen Level aus.

Aylin Langreuter: Ganz gleich, ob es Design ist oder für welche Typologie man sich entscheidet, die Auseinandersetzung damit geht natürlich mit dem einher, was die Welt gerade bewegt. Es gibt immer Themen, die gerade in der Luft liegen, und die man in seiner Arbeit selbstverständlich aufgreift.

 Christophe de la Fontaine und sein Barwagen „Come as you are“.
Christophe de la Fontaine und sein Barwagen „Come as you are“. Foto: Dante Goods and Bad
 Aylin Langreuter auf dem Chaiselongue „Charlotte“.
Aylin Langreuter auf dem Chaiselongue „Charlotte“. Foto: Foto: © Dante Goods and Bads

Welche Themen liegen denn gerade in der Luft?

Langreuter: Covid-19, Klimawandel, Umweltschutz … Natürlich setzen wir uns wie die meisten Firmen mit umweltfreundlichen Materialien und ihrer Verarbeitung auseinander. Wir sind zum Beispiel immer auf der Suche nach neuen Verpackungsmaterialien. Es geht auch um Einfachheit, wenige Hersteller zu haben, die nicht weit voneinander entfernt sind, um sich lange Wege zu sparen.

 Neu bei „Dante Goods and Bads“: das Sofa „Serpentine“ — hier bei Nacht.
Neu bei „Dante Goods and Bads“: das Sofa „Serpentine“ — hier bei Nacht. Foto: Foto: © Dante Goods and Bads

Lassen sie deshalb in der Brianza in Norditalien fertigen?

de LA FONTAINE: Das hat mehrere Gründe. Bevor wir in den Bayrischen Wald gezogen sind, haben wir zehn Jahre in Mailand gelebt. Nach meinem Studium habe ich dort für Patricia Urquiola gearbeitet und viele Jahre davon ihre Designabteilung geleitet. Außer einer tollen Erfahrung habe ich aus dieser Zeit den Zugang zu den Herstellern der Firmen mitgenommen. Es ist ja für selbstständige Kreative nicht damit getan, einer Firma einen Entwurf zuzuschicken. Es geht zum Beispiel um Kommunikation, Themen, die Ausrichtung der Firma und wir kümmern uns zudem noch um die Auslieferung bis zum Kunden. Das gelingt uns nur, weil wir in der Brianza Partner an unserer Seite haben, die genau wissen, um was es geht. Dort wird für das „Who is who“ des Designs weltweit gearbeitet. Wir sind ein sehr kleines Unternehmen, und in der Brianza werden nicht nur unsere Zeichnungen reproduziert, sondern bei diesen Spezialisten liegt quasi unsere Entwicklungsabteilung.

Langreuter: Vielleicht muss man das kurz erklären: An Mailand ist die berühmte Brianza angegliedert. In diesem Gebiet sitzt ein produzierendes Unternehmen am anderen. Es gibt dort alles: Glasverarbeitung, Holz, Metall, Leder, Spezialisten für Marmor … Es ist ein professioneller Zirkel, der lange nicht jedem offensteht. Deshalb waren Christophes Kontakte aus seiner Zeit bei Patricia Urquiola ganz besonders wertvoll, als wir damals in München begonnen haben. Das unterscheidet uns von anderen Firmen und wir können gar nicht oft genug betonen, dass wir nur in der Brianza produzieren lassen.

Ihre Entwürfe haben für mich das Zeug zum Klassiker. Sie tragen besondere Namen. Sie beide legen nicht nur Wert auf das Design, sondern schaffen, wie es scheint, Gesamtkunstwerke.

Langreuter: Meine Motivation ist es, durch einen Gesamtauftritt vielen Menschen einen Zugang zu unseren Entwürfen zu verschaffen. Ich komme aus der konzeptuellen Kunst und baue mir zunächst ein theoretisches Gerüst. So ist unser Name entstanden. „Dante Goods and Bads“, also „Güter und Böser“. Er bezieht sich auf eine Schrift von Vilém Flusser (Philosoph und Kommunikationswissenschaftler, 1920-1991, Anm. der Redaktion), in der er fragt, wenn es Güter gibt, warum gibt es dann keine Böser? Wir haben diesen Begriff uminterpretiert und haben in fast jeder unserer Kollektionen auf einer humorvollen Ebene ein „Bad“ integriert – einen Entwurf, der nicht unbedingt funktionieren muss. Unsere Möbel-Kollektionen tragen Titel und wir laden immer einen Gast ein, etwas zu designen. Wir würden nie sagen, wir schaffen Klassiker, das wäre vermessen, aber natürlich ist das unsere Intention. Ich finde, wir haben das Glück, dass alle Gegenstände die Christophe und unsere Freunde entwickelt haben, so viel Individualität haben, einen Raum mit ihrer Präsenz zu füllen.

de la Fontaine: Bei dem Schritt, eine eigene Marke zu gründen, ging es natürlich nicht darum, zu machen, was alle anderen Unternehmen machen, und genau so wenig darum, als kreatives Paar eine Mischung aus Kunst und Design zu schaffen. Dafür ist Aylin viel zu sehr Künstlerin, und ich hänge viel zu sehr am Industrie-Design. Es geht aber auch nicht nur darum, ein einmaliges Produkt mit einem einmaligen Wert zu schaffen, sondern auch um seine serielle Herstellung, und dass man es mit Glück noch in 20 Jahren kaufen kann. Wir versuchen, in Themenwelten zu denken, die Typologie der Objekte in einen Kontext zu setzen, mit dem man sich bis zum Messeauftritt auseinandersetzen kann.

 Die Form des Bücherturms „Babel“ ist aus einer Hutschachtel abgeleitet.
Die Form des Bücherturms „Babel“ ist aus einer Hutschachtel abgeleitet. Foto: Foto: © Dante Goods and Bads
 „Babel“ gibt es in verschiedenen Farben und Höhen.
„Babel“ gibt es in verschiedenen Farben und Höhen. Foto: Foto: © Dante Goods and Bads
 Detailansicht des Bücherturms „Babel“.
Detailansicht des Bücherturms „Babel“. Foto: Dante Goods and Bads

Ihre Arbeiten haben also den Anspruch, zwar individuell, aber dennoch praktisch zu sein, aber Sie bauen eine Geschichte drumherum?

de la Fontaine: Wir versuchen, Narrative zu schaffen, die sich durchziehen. Aber wenn man unsere Objekte am Ende ansieht, sprechen sie für sich selbst. Wenn die Formensprache unserer Möbel in einem Laden einen Käufer überzeugt, dann braucht es diesen ganzen Aufbau, den wir „mitliefern“, nicht. Aber wir sind davon überzeugt, dass er sich in jedem einzelnen Objekt widerspiegelt.

Langreuter: Die Dinge sind auch ohne das Drumherum valide. Aber man spürt, die Gedanken, die dahinter stecken. Dabei spielen die Namen natürlich auch eine Rolle. Man kann damit sehr viele Assoziationen wecken.

Nehmen wir als Beispiel den Bücherturm „Babel“. Wie sieht die gemeinsame Arbeit des Paares Langreuter/de la Fontaine aus?

de la Fontaine: Uns fragen die Leute oft, wo unsere Inspirationen herkommen. Ich würde sagen, einerseits aus dem täglichen Bewusstsein – Augen offen halten und sich für sehr viele Sachen interessieren. Anderseits haben wir Typologien, die uns besonders interessieren, und die nicht unbedingt sehr verbreitet sind. Als wir zusammen mit Charles Schumann (Münchner Barkeeper und Gastronom, Anm. der Redaktion) die „Admit-One-Gentlemen“-Kollektion gemacht haben, …

Langreuter: … lag der Bar-Wagen „Come as your are“ auf der Hand …

de la Fontaine: … ja, es ging um diese gesamte Themenwelt von Bartender, von Ausgehen, 1980er-Jahre und auf einmal stand er da. Aber um auf „Babel“ zurückzukommen: Eigentlich ging „Babel“ von einem so banalen Objekt wie einer Hutschachtel aus. Weil man so viel wie möglich unterbekommen möchte, ist stapeln die Lösung. Aber warum soll ich unbedingt eine Hülle drumherum machen? Also spare ich mir das und nehme nur die Essenz, das Tablett, auf das ich etwas drauf stellen kann und führe eine leichte Borte außen herum, damit nichts herunterfallen kann. Das Ganze wird mit Hilfe von Stäben so aufeinander gestapelt, dass es eine gewisse Dynamik bekommt, die wiederum dadurch unterstützt wird, dass Babel drehbar ist.

Langreuter: Ich bin auf den Namen gekommen, weil der Turmbau von Babel auf allen Bildern, die wir von ihm kennen, wie unser Bücherturm aussieht. 

Sie arbeiten assoziativ. Aus der Beschäftigung mit Dingen entstehen neue Betrachtungsweisen und Ideen. Wie viele bleiben in der Prototyp-Phase stecken?

Langreuter: Nicht sehr viele. Wir sind eine kleine Firma und überlegen uns ganz genau, was wir machen. Außerdem haben wir festgestellt, dass ein Objekt zuerst ein wenig in der Welt sein und man ihm ein wenig Zeit lassen muss, damit es angenommen wird. Aber letzten Endes hat es auch viel mit Glück und Zufall zu tun. Wer schreibt darüber, wer bildet es ab? Es gibt sehr viele Firmen, die zum Beispiel in Italien auf der Messe ihre neuen Entwürfe zeigen. Aber durchkommen werden davon nur etwa 40 Prozent, weil es mit enormen Kosten verbunden ist, die Produktion für einen neuen Gegenstand anzufahren.

de la Fontaine: Wir können uns diesen Luxus nicht leisten und sagen, schaut mal, wie kreativ wir sind und sechs Monate später ist unser Entwurf nicht im Laden zu haben, weil es beim Prototypen bleibt. Das würde uns unglaubwürdig machen. Wir sind eine kleine Firma, deshalb bringen wir drei bis fünf Produkte im Jahr heraus, die später aber auch erhältlich sind.

Sie leben und arbeiten in einem Schloss im Bayerischen Wald. Das klingt für selbst Homeoffice erfahrene Menschen nach Idylle. Wie ist das?

Langreuter: In puncto Kinder und Covid-19 haben wir alles gut hinbekommen. Wir haben uns selten genervt. Das ist vielleicht das Praktische, wenn man eine gemeinsame Firma hat. Wir streiten uns über Formen und Farben, sodass es im Privaten selten kracht. Man schmeißt höchstens mal einen Holzscheit (lachen).

de la Fontaine: Ich würde sagen, es hat schon etwas Doppelschneidiges (lachen), um bei Waffen zu bleiben …

Langreuter: … Sie sehen unsere Assoziationen sind eher …

de la Fontaine: … martialisch (lachen). Als die Pandemie hereingebrochen ist, waren wir schon im Training, weil wir eigentlich schon die letzten Jahre in unserer Blase hier gelebt haben. Die Arbeitsabläufe sind, wie sie sind, die Wege sind kurz, alles ist sehr commod. Aber wir müssen unsere Arbeit nach außen tragen. Das ist wahnsinnig wichtig. Für immer hier einsperren können wir uns nicht. Es gibt immer ein Dafür und ein Dagegen.

Das Gespräch führte Birgit Markwitan