Die Kulturmacher Christel Aretz hält das Erbe von Autorin Clara Viebig lebendig

Die Kulturmacher Christel Aretz hält das Erbe von Autorin Clara Viebig lebendig : Kampf gegen Vergessen und mangelnde Bildung

Mit dem Roman „Das Weiberdorf“ gelang Clara Viebig (1860-1952) im Jahr 1900 der Durchbruch als Schriftstellerin. Wie viele ihrer Werke spielt er in der Eifel. Dass das Erbe der in Trier geborenen Autorin bis heute lebendig ist, daran hat Christel Aretz einen großen Anteil.

Es war so etwas wie ein Urknall. Als Christel Aretz und ihr  Mann 1992 von Düsseldorf nach Bad Bertrich zogen, stießen sie dort auf eine literarische Figur, die ihnen bislang gänzlich unbekannt war: Clara Viebig. „Um uns herum  wusste jeder in Bad Bertrich, wer Clara  Viebig war, nur wir hatten überhaupt keine Ahnung“, sagt Christel Aretz heute. Aber gerade diese Ahnungslosigkeit war für das Ehepaar der entscheidende Impuls. Sozusagen aus dem Nichtwissen heraus entwickelten Christel und Manfred Aretz spontan eine lebhafte Aktivität um Clara Viebig. Sie eröffneten eine Buchhandlung, gründeten im Juli 1992 den Clara-Viebig-Freundeskreis, die spätere Clara-Viebig-Gesellschaft. Bis zur schweren Erkrankung ihres Mannes im Jahr 2005 war  Christel Aretz Präsidentin der Viebig-Gesellschaft, 2013 wurde sie zur Ehrenpräsidentin ernannt. Die Beschäftigung mit Clara Viebig freilich ist nur ein Aspekt ihrer ehrenamtlichen Arbeit. Ein zweiter hat gleiches Gewicht: der Einsatz für die Menschen in Afrika.

Die Ehrenpräsidentschaft gilt in der Regel als hochrangiges Abstellgleis, als Ruhesitz nach verdienstvoller Tätigkeit. Verdienstvoll ist die Aktivität von Christel Aretz zweifellos, aber das Bild vom Abstellgleis passt nicht so recht zu dieser ungemein aktiven Persönlichkeit. An die 50 Konzerte, Lesungen, Vorträge und Diskussionen hat die Viebig-Gesellschaft unter ihrer Leitung veranstaltet. Zehn Titel umfasst die Liste der von ihr besorgten Werkausgaben. Sie befassen sich nicht nur mit Clara Viebig, sondern auch mit andere Themen und Personen. Für Christel Aretz indes steht Viebig immer im Mittelpunkt. „Ich will sie der Vergessenheit entreißen“, sagt sie kämpferisch. Die Enthüllung einer Gedenktafel an Viebigs Trierer Geburtshaus, Simeonstiftplatz 1, im August 2018 war dazu ein wichtiger Schritt.

2012 hat Christel Aretz Viebigs Roman „Die Passion“ herausgegeben, ein Buch über das Schicksal dreier Syphilis-Infizierter. Nach mehrjähriger Suche nach einem Verlag folgte im selben Jahr die Autobiografie von Ernst Viebig, dem Musiker, dem Sohn von Clara und ihrem jüdischen Ehemann Friedrich Theodor Cohn. Ernst Viebig wurde als Halbjude verfolgt und flüchtete schließlich nach Brasilien. Dort leben seither die Nachfahren von Clara Viebig und Friederich Theodor Cohn.

Clara Viebig gilt vielfach als „Eifel-Dichterin“. Das hat mit der Realität wenig zu tun. „Die meisten ihrer Romane spielen gar nicht in der Region von Eifel und Mosel“, sagt Arne Houben vom Rhein-Mosel-Verlag in Zell, Präsident der Viebig-Gesellschaft. Und eine Heimat-Schriftstellerin war Clara Viebig schon gar nicht. Dafür ist ihr Tonfall oft viel zu drastisch und dabei viel zu mondän. Eine „Dame“ sei sie immer gewesen, sagt Christel Aretz. Sie habe niemals Heimat-Klischees benutzt – weder in ihren Büchern noch in ihrem persönlichen Auftreten. Gewiss: Clara Viebig hat auf Reisen viel erfahren von der Eifel. Aber zu Hause war sie woanders: in Trier, in Düsseldorf, im schlesischen Mittelwalde und vor allem in Berlin. Dort ist sie 1952 gestorben.

Bei Christel Aretz ist in  jedem Wort herauszuhören: Clara Viebig ist für sie eine Herzenssache. Aber trotz ihrer fast 80 Jahre schultert sie noch ein ganz anderes Projekt. Es ist die Unterstützung für die Menschen in Kenia. Die hat sie auf einer dreiwöchigen Exkursion mit dem Trierer ehemaligen Uni-Dozenten Johannes Michael Nebe kennengelernt. Danach war sie spontan angetan von dem Optimismus, mit dem junge Menschen aus Afrika, aber auch aus Europa, ihre Zukunft gestalten. Der Trierer Verein „Bildung fördert Entwicklung“, in dem sie engagiert mitarbeitet, setzt sich auf vielfältige Weise für diese Menschen im ostafrikanischen Staat ein. So können junge Männer und Frauen aus den Slums in Kenias Hauptstadt Nairobi die Schule abschließen und sogar eine Universitäts-Ausbildung in Deutschland absolvieren. Bildung, sagt sie, sei für die Menschen in Afrika das wichtigste Kapital – das allerwichtigste! Und so führt Christel Aretz ein zweifaches Leben: eins für Clara Viebig und eins für die Menschen in Kenia. Literarische Erinnerung und soziales Engagement kommen in ihrer Person zusammen. Und vielleicht ist der Unterschied zwischen beidem tatsächlich gar nicht so groß. ­Martin Möller

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