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Portrait
In vielen Sätteln unterwegs

  Von Martin Möller

Die Häuserzeile  an der Bahnstrecke Trier–Saarbrücken und in relativ  großer Nähe zum Wiltinger Bahnhof hat noch alle Merkmale von Neubauten – helle Fassaden, saubere Einfahrten, die Gärten noch im  Anfangsstadium.  Und auch im Wohnhaus von Karl-Georg Schroll  ist der Neubau-Zustand mit seiner Tendenz zum erst unlängst  Fertigen unverkennbar. Aber Neubauten haben nicht nur diesen Rest an Provisorischem  – sie dokumentieren in aller Regel die Absicht,  sesshaft zu werden, statt von einer  Wohnung  zur nächsten zu wechseln.

Wenn das tatsächlich so ist – für Karl-Georg Schroll, Jahrgang 1945,  war die Entscheidung für den Wohnsitz in Wiltingen sicherlich ein großer Schritt.  Schroll stammt aus dem ostfriesischen Kreis Aurich. Aber  auch wenn in Sprache und Habitus  etwas Norddeutsches bei ihm mitklingt – Schroll hat längst auch andernorts seine Zelte aufgeschlagen und wieder abgebaut:  in Wilhelmshaven, Siegen und Gummersbach, in Bremen, im Saarland, in Berlin, in Oldenburg und nicht zuletzt, seit 1993, in Trier. Und der knappe Überblick über Schrolls Ausbildungen und Professionen zeigt: Da suchte jemand nicht nach dem ultimativen Glück, um sich dort zur Ruhe zu setzen. Schroll war seit seiner Lehrzeit als Elektromechaniker ein ruheloser, ein umtriebiger Geist. Seine Zeit an Hochschule und Universität begann 1968 mit dem Ingenieursstudium und wurde 2003 in Trier abgeschlossen mit einer verkehrswissenschaftlichen Promotion bei Heiner Monheim. Dazwischen lagen Jahre  immer neuer Orientierungen. Karl-Georg Schroll hat Karrieren ins Auge gefasst und auch wieder verworfen. Er war – unter anderem -  Detailkonstrukteur bei Airbus, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Senator für Wissenschaft und Kunst in Bremen,  Kulturreferent im Kreis Aurich, dann in unterschiedlichen Funktionen wissenschaftlicher Mitarbeiter in Saarbrücken. Bis ihn das Thema „Verkehrsplanung“ anzog und das für Schrolls Verhältnisse über eine lange Zeit. Nach einem Jahr Arbeitssuche und einer Fortbildung zum Verkehrsplaner übte er diese Funktion zunächst freiberuflich aus, um dann bei Eisenbahngesellschaften in Ostfriesland und im Raum Oldenburg die Geschäftsführer-Funktion zu übernehmen. 2006 bis 2008 war er Referent für Verkehrspolitik bei der Berliner Bundestagsfraktion der Linken und dockte damit unmittelbar an die Politik an.

Klar: Schroll war schon immer politisch interessiert und engagiert. Einst DKP-Mitglied, dann Referent bei der Linken, 2012 bis 2017 in ähnlicher Funktion bei den Piraten  und jetzt zwar komplett parteilos, aber nicht unpolitisch. Nach wie vor ist Schroll im Kreistag Trier-Saarburg aktives Mitglied. Da hat es sachte Annäherungen gegeben und harte Trennungen. Und immer wieder ist eins aus dem Gespräch mit Schroll herauszuhören. Bei alledem  spielt nicht Streitlust mit, sondern vor allem die leidenschaftliche Vision einer besseren Welt.

Was unternimmt jemand, der sich 2010 zurückgeworfen sah aufs  bequeme, aber auch oft unproduktive Rentner-Dasein? Ein bisschen Enttäuschung war beim Ausstieg aus der Parteienbindung wohl dabei – über die Parteifreunde und Parteigenossen, von denen er das Gefühl hatte, bestenfalls als Monument ohne Wirksamkeit zu gelten. Aber Schroll hatte mittlerweile sein Interesse an Texten entdeckt. Er hatte schon bei den Zuarbeiten in den Abgeordnetenhäusern seine Freude am Formulieren entwickelt, am griffigen, prägnanten Zusammenfassen von Sachverhalten, Einsichten und Strategien. Welche literarische Gattung eignet sich dafür besser als der Kriminalroman?  Und um seine Unabhängigkeit zu wahren und ein größeres Publikum zu gewinnen, hat er am 1. April 2016 einen Verlag angemeldet. „Blattfuchs-Verlag“ heißt er. Das ist keine tiefsinnige oder verschleiernde Formel, sondern einfach eine „freie Assoziation“. Immerhin: Das Logo mit einem Dreieck, das einer Fuchsschnauze ähnelt, signalisiert  etwas von der Intelligenz, die der Volksmund  dieser Figur nachsagt. Goethe hat sie in seinem „Reineke Fuchs“  literarisch verewigt.

Das Verlagsprogramm ist derzeit noch schmal. Zwei Bücher hat er von einem anderen Verlag zurückgekauft, insgesamt sind bislang sechs Bände auf dem Markt. Schroll schreibt unter zwei Pseudonymen: Emile Claassen und Jonathan Metzell.  Seine Identität will er dabei nicht ernsthaft verstecken. Eher steckt hinter den Pseudonymen ein  zweckfrei-intelligentes Spiel mit Namen. Sachbücher schreibt er allerdings unter seinem Klarnamen. Im Herbst 2018 erscheint eine Publikation, die sozusagen aus der Mitte seiner ehemaligen Profession kommt: „Verbesserung der Marktchancen für den ÖPNV“, den öffentlichen Nahverkehr. Und für 2019 ist eine Veröffentlichung über Bandoneon-Vereine geplant.

Womit noch eine weitere Saite im Seelenleben des Karl-Georg Schroll angerissen wird. Wer in sein Arbeitszimmer sieht, realisiert es sofort: Schroll ist ein leidenschaftlicher Liebhaber von musikalischem Folk. Da liegt auf dem Sofa die Drehleier, das historische Folk-Instrument par excellence. Da hängen Gitarren an der Wand. Und dann das Bandoneon, eine sogenannte „Handharmonika“, benannt nach dem Musikalienhändler Heinrich Band und auch so etwas wie ein Folk-Instrument. Einst, in den 1920er Jahren, gab es in Deutschland 14 000 Bandoneonspieler in mehr als 1000 Vereinen. Vielleicht will Schroll mit der geplanten Publikation auch diesem weitgehend vergessenen  Instrument  wieder zu Ehren verhelfen.

Karl-Georg Schroll hat in Wiltingen manches in Bewegung gesetzt. Er hat sich als  „Dorfbegleiter“ betätigt und noch jüngst Ende August in der Wiltinger Kulturscheune sich und seine Bücher vorgestellt. Der Erfolg ist sehr begrenzt. Und dass er menschlich an der Saar Fuß fassen konnte, behauptet auch Schroll selber nicht. Auch wenn seine Lebensgefährtin aus dem nahen Hunsrück stammt und er mit dem Neubau von 2014 ein deutliches Signal gesetzt hat – ganz ausgeschlossen ist es nicht, dass Schroll, der in so vielen Sätteln unterwegs war, noch einmal nach einer neuen Heimat Ausschau hält. ⇥Martin Möller