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Die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden

Die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden : Lichter, Abschiede und rohes Fleisch

Königswinter gilt gemeinhin als der „Ballermann am Rhein“. Im Sommer überschwemmen unzählige Kegelclubs die Kneipen und Restaurants und sorgen für mitunter zügellose Stimmung. Oberhalb der (ohne Touris) 40 000-köpfigen Vergnügungsmetropole liegt das Schloss Drachenburg, bundesweit bekannt geworden spätestens 1992, als Teile des Films „Schtonk“ dort gedreht wurden, und jüngst wieder auf allen Bildschirmen als einer der Schauplätze von „Babylon Berlin“.

Die Dreharbeiten fanden jeweils in sommerlicher Wärme statt. Wer allerdings mitten in der kältesten Periode des Winters die Leute ins Freie locken will, muss ihnen schon was bieten. Wolfgang Flammersfeld riskiert das ab heute Abend: Zum mittlerweile fünften Mal inszeniert der Lichtkünstler aus Unna an fünf Wochenenden das „Schlossleuchten“. Für seine Installationen hat er sich wieder einiges einfallen lassen. Verblüffende Videoprojektionen und Spiegelungen, überdimensionale Kugeln und fliegende Stühle – in den vergangenen Jahren hat der 66-Jährige das historische Gemäuer hoch über dem Rhein immer wieder neu in Szene gesetzt. „Drachen“, „Farben und Formen“ oder „Kurioses“ waren zuletzt die Überschriften seiner Installationen. Dieses Mal jedoch möchte der Künstler kein Motto vorgeben: „Das hat uns zu sehr ­eingeschränkt“, sagt er. Schließlich gehe es doch darum, Schloss und Park global mit Licht zu bespielen, wie er es formuliert. Nicht alles will er verraten. Nur so viel: Im Park werden mehrere Märchenhäuser in einer Höhe von rund drei Metern installiert, die das Märchen „Die drei kleinen Schweinchen“ aufgreifen. Zudem entsteht ein rund 60 Meter langer „Walk of Light“, über den die Besucher flanieren können. Und im Inneren des Schlosses entfaltet das Regal eines großen schwedischen Möbelunternehmens (wer das wohl sein mag?) anhand von Videoprojektionen eine ungeahnte Optik – versprechen zumindest die Veranstalter. Um 18 Uhr geht’s los. Warm anziehen ist dabei die erste Bürgerpflicht.

Am Sonntag ist es so weit: Der „Tatort“ mit TV-Mitarbeiter Dirk Tenbrock geht um 20.15 Uhr auf Sendung. Im Gegensatz zu Tenbrock allerdings, der für weitere Rollen zur Verfügung stünde, wie er in einem Gespräch dieser Zeitung anvertraute, hat Kommissar Jens Stellbrink die Nase voll von Lyoner und Maggi-Eis (soll’s in der Landeshauptstadt angeblich geben). Devid Striesow gibt nach acht Einsätzen Dienstmarke und -revolver ab (nicht ganz freiwillig, wie man munkelt) und hofft mit einer Träne im Auge, „dass die Stellbrink-Ära den Zuschauern in positiver Erinnerung bleibt“. Aber so ganz mit Herzblut kann er diese Aussage nicht getroffen haben, denn er liebäugelt schon mit einer Versetzung: Der 45-Jährige möchte als „Tatort“-Kommissar einmal an seinem Geburtsort, in Bergen auf der Insel Rügen, ermitteln. „Das wäre mir eine Herzensangelegenheit“, sagte der (aus saarländischer Perspektive) Treulose. Und schmeißt sich der Konkurrenz geradezu an den Hals: Sollte es entsprechende Überlegungen und eine Anfrage des Norddeutschen Rundfunks geben, sagte er, sei er jedenfalls interessiert. Diese Nordlichter wissen halt den Charme sanften Hügellandes und die Vorteile grenznahen Lebens nicht zu schätzen. Soll er doch demnächst auf Rügen frieren! Spätestens dann wird er sich zurücksehen nach dem mild-mediterranen Ambiente an der Saar.

Vor dem „Tatort“ hält das deutsche Fernsehen allerdings noch einen anderen Höhepunkt bereit: das Finale der 13. Staffel von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“. Am Samstagabend wird das von ganz Deutschland mit Höchstspannung erwartete Ende ausgestrahlt, bei dem die C-, D-, und M-Promis erstmals um ein Preisgeld von 100 000 Euro kämpfen. Tja, jetzt wird mancher bestimmt ins Grübeln kommen: Lohnt sich für die Summe (bleibt die eigentlich steuerfrei? Oder gilt das Geld als „verdient“ und damit steuerpflichtig?) die Abenteuertour in niederste Gefilde menschlicher Verhaltensweisen? Beispiel Peter Orloff, der berühmte Schlagersänger: Der 74-Jährige musste unter anderem in Beuteln mit rohem Fleisch nach Sternen suchen, eine pürierte Schweine-Vagina essen und mit Getier auf dem Kopf durch einen Teich schwimmen. Und  nur, um – eventuell! – hundert Riesen mit nach Hause zu nehmen. Ach, da gibt’s leichtere Wege zum Reichtum. Etwa das Verfertigen von Zeitungs-Kolumnen. Und hinterher ist einem nicht mal übel.   no/dpa