Die Kulturwoche - betrachtet von Rainer Nolden

Die Kulturwoche - betrachtet von Rainer Nolden : Zwei Powerfrauen und ein Quotenmann

Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche“, heißt einer der in die aphoristische Ewigkeit eingegangenen Sprüche des Neue-Frankfurter-Schule-Lyrikers F. W. Bernstein.

Man kann das auch futuristisch wenden: „… werden auch mal selber welche“, heißt es dann – beispielsweise bei Eva Menasse. Die in Berlin lebende Wienerin wird nämlich Stadtschreiberin in Mainz – obwohl sie sich über diese Institution bei einem früheren Besuch in der Landeshauptstadt ziemlich lustig gemacht hat. 2013 wurde ihr dortselbst der Gerty-Spies-Literaturpreis verliehen, und sie bemerkte in ihrer Laudatio, man müsse „irgendwo den sogenannten Stadtschreiber geben“, um bei gewissen Auszeichnungen berücksichtigt zu werden. Dass die Mainzer sie nun trotzdem auserkoren hätten, nimmt die Schriftstellerin als Beweis für den Humor der Einwohner, die auf die Frage „Wolle mer se roilasse?“ offenbar mit einem kräftig donnernden „Jawoll“ geantwortet hatten. Der gemeinsame Preis von ZDF, 3sat und der Stadt Mainz besteht zu einem Teil aus der Stadtschreiberwohnung im Schatten des Doms, zum anderen Teil aus einem Preisgeld von 12 500 Euro. Die Jury verband ihre Entscheidung für den zum 35. Mal vergebenen Literaturpreis mit der Würdigung Menasses als einer großen Menschenerzählerin, „die mit feiner Empathie und scharfsinnigem Humor über fragile Beziehungen schreibt“. ­Menasses diplomatischer Kommentar dazu: „Eine Wohnung ist immer etwas Tolles.“ Ihre Stadtschreiber-Vorgänger(innen) waren unter anderem Urs Widmer (2003), Peter Härtling (1995), Sarah Kirsch (1988) oder Gabriele Wohmann (1985).

Bleiben wir, aus gegebenem Anlass, bei den Frauen. Einen besseren Geburtstag als den heutigen hätte sich Deutschlands bekannteste Rothaarige nicht ausdenken können: Regina Ziegler, Produzentin von weit über 500 Kino- und Fernsehfilmen, wird heute 75 Jahre alt.  In einer Zeit, als Frauen den Ehemann noch um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie arbeiten wollten, kündigte sie 1972 ihre Festanstellung und gründete kurz darauf ihre eigene Produktionsfirma. „Die Bezeichnung ,Filmproduzentin‘ existierte damals gar nicht“, schreibt die gebürtige Quedlinburgerin in ihrer Autobiografie. „Produzenten waren Männer, basta. Für Frauen war das nicht vorgesehen.“ Hinter jeder erfolgreichen Frau steht natürlich ein starker Mann, und das war in diesem Fall der Regisseur Wolf Gremm, der ihr zweiter Mann wurde und der Initiator für ihre Entscheidung war, Filmproduzentin zu werden (er starb 2015). Ihr erster Film war dann auch eher ein Familienunternehmen: „Ich dachte, ich wäre tot“ erzählte 1973 die Geschichte einer Siebzehnjährigen, die sich nach einem Selbstmordversuch aus ihrer erstickenden Umwelt befreit und zu einem selbstbewussten Teenager wird. Zu ihren bekanntesten Erfolgen gehören unter anderem „Solo für Klarinette“ mit Götz George, die Fernsehserien „Weißensee“ oder das Geiseldrama „Gladbeck“. Der Titel ihrer 2017 erschienenen Autobiografie ist gleichzeitig das Motto ihres Lebens: „Geht nicht gibt‘s nicht“.

Nach so viel Frauenpower muss ein Quotenmann her: Das ist heute Harald Schmidt. Der Moderator und Kabarettist kehrt zu seinen Wurzeln zurück, genauer gesagt, an seinen Ausbildungsort Stuttgart. Dort wird er ab Juni in der Oper „Ariadne auf Naxos“ auftreten. Jetzt singt er auch noch? Mitnichten! In der Oper von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal gibt es eine Sprechrolle, nämlich den Haushofmeister. Allein die Besetzung dieses Parts mit Schmidt dürfte für ausverkaufte Vorstellungen sorgen. Natürlich sind es auch nostalgische Gründe, die den 61-Jährigen in die baden-württembergische Landeshauptstadt ziehen: „Mich verbindet mit der Staatsoper Stuttgart vor allem die gemeinsame Kantine, die ich schon aus meiner Zeit als Schauspielschüler und später als Ensemblemitglied im Schauspiel kenne“, erklärt der Ex-Late-Night-Talker. no/dpa

18.01.2019, Rheinland-Pfalz, Mainz: Eva Menasse steht im Staatstheater der Domstadt vor einer blauen Wand. (zu dpa «Zufluchtsort Mainz - Eva Menasse wird Stadtschreiberin» vom 03.03.2019) Foto: Andreas Arnold/dpa +++ dpa-Bildfunk +++. Foto: dpa/Andreas Arnold
ARCHIV - 16.03.2018, Baden-Württemberg, Laupheim: Die Berliner Filmproduzentin Regina Ziegler sitzt vor der Verleihung des Carl Laemmle Produzentenpreises in einem kleinen Kino. Ziegler feiert am 08.03.2019 ihren 75. Geburtstag. (zu dpa "Von der «Minus-Millionärin» zur Grande Dame - Regina Ziegler wird 75") Foto: Felix Kästle/dpa +++ dpa-Bildfunk +++. Foto: dpa/Felix Kästle

Fotos (3): dpa

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