Die Kulturwoche - betrachtet von Rainer Nolden

Die Kulturwoche - betrachtet von Rainer Nolden : Missingsch first und Klima-Kunst

Es gibt Verbindungen und Beziehungen, denen man auf den ersten Blick nicht zutrauen würde, dass es sie überhaupt gibt. Siegfried Lenz und das Hamburger Ohnsorg-Theater zum Beispiel – jene Bühne, zu deren Stars einst Heidi Kabel und Henry Vahl gehörten, die, wenn sie samstagsabends im Fernsehen auftraten, nur noch moderat „Missingsch“ redeten – wie die Versuche niederdeutscher Muttersprachler genannt werden, wenn sie versuchen, sich auf Hochdeutsch zu verständigen.

Das mussten sie tun, schließlich sollten auch die Bayern etwas mitbekommen, wenn Henry Vahl sich „Das Höhrrohr“ ans Ohr hielt oder Heidi Kabel den „Tratsch im Treppenhaus“ mit immer neuen Gerüchten befeuerte. Die Fernsehübertragungen sind längst Geschichte; die nachfolgenden Schauspieler können also reden, wie ihnen der norddeutsche Schnabel gewachsen ist – es sei denn, sie wollen plattunkundige Hamburg-Besucher unterhalten. Dann gibt’s auch mal was Hochdeutsches zu hören. Siegfried Lenz dagegen, der, so viel man weiß, nie im hansestädtischen Dialekt geschrieben hat, kommt posthum nun doch zu einer echt hamburgischen Uraufführung: „Dat Füerschipp“, im Rest der deutschsprachigen Gemeinde besser bekannt als „Das Feuerschiff“, ist ein veritabler Meuterei-Krimi und daher eher unüblicher Ohnsorg-Stoff (und auch nicht der erste Lenz auf dieser Bühne: Vor einem halben Jahr hatte „De Mann in’n Stroom“ Premiere). Schluss mit lustig also. Aber wie gesagt: Seit das Fernsehen dem Theater die Mitarbeit aufgekündigt hat, muss das Ensemble nicht zwangsläufig komisch sein, um Quote zu machen. Für die sorgt, einem Bericht des NDR zufolge, ohnehin „das Stammpublikum, das mit immer mehr hochdeutschen Anteilen in den Stücken fremdelte“. Frei nach dem Motto „Missingsch first“.

Der Klimawandel bewegt nicht nur Greta Thunberg und ihre Hunderttausende von Verfolgern in aller Welt. Jetzt hat sich auch ein polnisch-amerikanischer Architekt seiner angenommen. Daniel Libeskind hat vier Skulpturen zum Klimawandel für den Barock-Garten des niederländischen Palastes Het Loo entworfen. Prinzessin Beatrix eröffnete den „Garten der irdischen Sorgen“ in der Stadt im Osten des Landes. Libeskind entwarf vier imposante Leichtmetall-Skulpturen in Rot, Grün, Gelb und Blau. Sie sollen jeweils ein Treibhausgas symbolisieren: CO2, Methan, Ozon und Distickstoffmonoxid. Letztgenanntes ist bekannter unter dem Begriff Lachgas und war lange Zeit das einzige Vergnügen, das man beim Zahnarzt haben konnte.

Von wegen Spaß: Es seien „giftige Produkte, die unsere Natur und Erde angreifen und vernichten wollen“, sagte Libeskind. Die Skulpturen haben die Form von Stücken einer „zerbrochenen Weltkugel“. Der „Garten der irdischen Sorgen“ des früheren königlichen Schlosses im barocken Stil des 17. Jahrhunderts wurde übrigens als „Paradies auf Erden“ gestaltet. Wenigstens in Holland konnte man also noch bis vor kurzem Spaziergänge diesseits von Eden machen. Damit ist nun auch Schluss. no/dpa

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