Ein Anschlag ist erst der Anfang 

Interview Ronja von Wurmb-Seibel : Ein Anschlag ist erst der Anfang

Die Journalisten Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck stellen in Trier ihren Dokumentarfilm „True Warriors“ vor.

Drei Menschen starben, als sich am 11. Dezember 2014 im Französischen Kulturinstitut in Kabul, Afghanistan, ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte. Auf der Bühne des Theaters führte ein junges Ensemble gerade ein Stück auf. Einige der Künstler flohen danach aus Afghanistan, andere blieben und machten entschlossen weiter. Für ihren Dokumentarfilm „True Warriors“ haben die beiden deutschen Filmemacher und Journalisten Ronja von Wurmb-Seibel und Niklas Schenck mit Schauspielern und anderen Beteiligten gesprochen. Vor ihrem Besuch in Trier hat Ronja von Wurmb-Seibel mit dem Trierischen Volksfreund über die Hintergründe der Produktion und ihre Motivation gesprochen.

Frau von Wurmb-Seibel, Sie und Ihr Partner und Kollege Niklas Schenck waren zu der Aufführung eingeladen, die im Dezember 2014 in Kabul Ziel des Anschlags war. Erinnern Sie sich, wie Sie von den Geschehnissen erfahren haben?

RONJA VON WURMB-SEIBEL Wir waren nur nicht mit bei der Aufführung dabei, weil wir unseren Flug nach Deutschland am Tag zuvor nicht verschieben konnten. Als wir dann über Twitter und Facebook nachlesen wollten, wie das Stück angekommen ist, haben wir von dem Anschlag erfahren. Wir selbst, Niklas Schenck und ich, haben in Afghanistan sehr häufig Explosionen von Selbstmordanschlägen gehört, ein paar Mal nur 200 Meter entfernt. Aber wir hatten das Glück, nie einen aus nächster Nähe zu erleben. So geht es vielen: Jeder Einschlag, der dich nicht trifft, erhöht das Gefühl des „mich wird es schon nicht treffen“. Wenn man aber einen Anschlag aus der Nähe erlebt hat, dann ist das fortan anders: Jede neue Explosion wirft einen tiefer in die Erinnerung zurück.

Wie sind Sie von Hamburg nach Afghanistan gekommen?

VON WURMB-SEIBEL Ich bin 2012 als Berichterstatterin nach Afghanistan gegangen, um über den Abzug der Bundeswehr aus dem Feldlager Faizabad im Norden des Landes zu berichten. Von Afghanistan habe ich da wenig gesehen, aber das Land hat mein Interesse geweckt. Danach bin ich für Recherchen immer wieder zurückgeflogen.
Schließlich habe ich mich als Journalistin selbstständig gemacht und ein Jahr lang in Afghanistan gelebt und von dort berichtet, gefilmt und geschrieben.

Wann haben Sie entschieden, aus den Erlebnissen des Anschlags einen Film zu machen?

VON WURMB-SEIBEL Im Mai 2015 haben wir begonnen, erste behutsame Interviews zu führen. Vorher hatten wir uns noch bei einem Traumatherapeuten informiert. Die Gespräche waren für uns alle schwer, aber es gibt ein gutes Gefühl, darüber berichten zu können. Wenn man in den Nachrichten von Terror und Anschlägen hört, dann hört man immer nur die Nachricht an sich. Eigentlich ist so ein Anschlag ja erst der Anfang einer Geschichte.

Was und wen möchten Sie mit der Geschichte, die True Warriors erzählt, erreichen?

VON WURMB-SEIBEL Das Ziel, das wir mit dem Film verfolgen, hat sich im Laufe der Zeit gewandelt: Anfangs hatten wir erwartet, in erster Linie von Traumata und solchen Dingen zu erzählen. Dann haben wir die ersten Interviews geführt und erlebt, wie stark diese Menschen sind. Klar ist die Geschichte von True Warriors düster und traurig, aber im Endeffekt geht es vor allem darum, wie man nach schrecklichen Erlebnissen weitermachen kann. Das kennt jeder Mensch in irgendeiner Form. Nicht aufgeben, mutig sein, das ist ja etwas ganz Grundsätzliches.
Uns hat überrascht, wie die Menschen völlig unterschiedliche Anknüpfungspunkte an den Film finden. Wir haben beispielsweise eine Nachricht von einer Zuschauerin bekommen, die die Terroranschläge von Paris miterlebt hat. Ein Mann hat sich gemeldet und erzählt, dass ihn unser Film an seine Kindheit erinnert hat und an die schreckliche Angst, die er damals vor dem Klavierunterricht hatte. True Warriors ermutigt viele Zuschauer, sich mit ihren Ängsten auseinanderzusetzen.

Haben Sie heute noch Kontakt zu den Mitwirkenden aus Afghanistan?

VON WURMB-SEIBEL Die Schauspieler, die damals auf der Bühne standen, nehmen inzwischen an einem internationalen Theaterprojekt teil. Seit März 2017 leben und arbeiten sie in Weimar und Berlin. Deshalb haben wir immer noch Kontakt zu ihnen. Bei manchen Publikumsgesprächen nach unseren Filmaufführungen sind sie mit dabei. Das finden wir auch gut. Wir Regisseure waren schließlich nicht beim Anschlag dabei, wir sind auch nur Beobachter.

„True Warriors“ ist ein Erfolg, Sie ziehen mit dem Film durch ganz Deutschland. Wie geht es nach Trier weiter?

VON WURMB-SEIBEL Unsere ursprünglichen Pläne für die nächsten Monate haben wir völlig eingestampft, als klar wurde, wie viel Interesse an „True Warriors“ besteht. Wir konzentrieren uns jetzt darauf, den Film so vielen Menschen wie möglich zu zeigen. Im Februar läuft er beispielsweise im Verteidigungsministerium. Das sind viele spannende Erfahrungen für uns.

David Falkner

Der afghanische Schauspieler Gulab Bamik im Moment nach dem Selbstmord­anschlag auf der Bühne, aufgenommen von einer Kamera, die die Aufführung filmte. Foto: Niklas Schenck

„True Warriors“, Deutschland/Afghanistan 2017, Laufzeit: 90 Minuten.
Der Film läuft am Sonntag, 28. Januar, 17 Uhr, im Broadway-Kino in Trier.
Die beiden Regisseure Niklas Schenck und Ronja von Wurmb-Seibel sind mit dabei und nehmen sich im Anschluss an die Vorstellung Zeit, mit dem Publikum über den Film und ihre Erfahrungen zu sprechen.

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