Literaturkolumne: Ein Cowboy auf Odyssee

Literaturkolumne : Ein Cowboy auf Odyssee

Cowboys und Indianer, Colts und Mustangs, weite Steppen und Dollars in Scheinen… Sehen Sie die Winnetou-Westerngeschichte bereits vor sich? Auf den ersten hundert Seiten macht Äquator auch durchaus den Anschein, eine mehr oder weniger geradlinige Cowboygeschichte zu erzählen: Der raubeinige und undurchsichtige Pete Ferguson ganovert sich durch den Westen, auf der Flucht vor der Vergangenheit schließt er sich Bisonjägern an. Dann erfährt er von diesem Ort, der Äquator genannt wird, die Mitte der Welt, wo sich alles ins Umgekehrte wenden soll: Ein lohnendes Ziel für eine gescheiterten und ruhelosen Mann wie Ferguson.

Also begibt sich der Antiheld in Richtung Süden auf eine Odyssee, die Ferguson am Ende tatsächlich verändert – wenn auch anders, als er selbst es erwartet hat. Die Reise führt quer durch Mexiko, zu Pferd und mit dem Schiff. in Guatemala wird Ferguson in die Machenschaften einer aufrührerischen Rebellengruppe verwickelt – und damit fängt seine Reise eigentlich erst an.

Dass ausgerechnet ein französischer Autor eine so klassische, amerikanische Abenteuergeschichte schreibt, verwundert im ersten Augenblick – allerdings hat sich ja auch Karl May bekanntermaßen nicht von seiner Natio­nalität aufhalten lassen. Zumal Antonin Varenne anders als May den Kontinent kennt und mehrere Jahre in Nord- und Südamerika gelebt hat. Die Ortskenntnis ist spürbar, Varenne zeichnet ein lebendiges Bild der trockenen Steppen des Nordens, der feuchten Wälder von Guatemala und Guayana und der Menschen, die dort leben. Dabei erzählt Äquator mehr als eine Abenteuergeschichte: Varennes Figuren sind tiefgründig, interessant und undurchschaubar. Die Reise zum Äquator ist zugleich eine Reise auf den Grund des Pete Ferguson.
David Falkner

Antonin Varenne, Äquator, Bertelsmann Verlag 2017, 432 Seiten, 20 Euro.

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