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Ein Krimnalfall der besonderen Art

AUFGESCHLAGEN - NEUE BÜCHER KLAUS PETER WOLF : Mörder sucht Mörder

Nach 14. Kriminalfällen kann einem schon mal die Luft ausgehen. Was dann beim 15. unüberlesbar wird. Zum Beispiel darin, dass die Glaubwürdigkeit ziemlich strapaziert wird. Aber der Reihe nach: Ein Serienmörder treibt auf der schönen Insel Langeoog sein tödliches Unwesen.

Er tötet Frauen, die beim Abendspaziergang den Sonnenuntergang genießen wollen, mit einer Drahtschlinge. Gleichzeitig läuft ein Mann über die Strandpromenaden, der Frauen unter den Rock fotografiert – was seit Neuestem eine Straftat ist. Ob die beiden Herren identisch sind, sei an dieser Stelle erst einmal dahingestellt.

Das ist die Ausgangslage im jüngsten Fall von Ann Kathrin Klaasen und ihrem Mann Frank Weller mit dem Titel „Ostfriesenzorn“. Der greift, nicht nur was das Ermittlerteam angeht, auf Personal aus früheren Mordgeschichten zurück. Der Täter hat nämlich ein großes Vorbild, bei dem er Eindruck schinden will: Dr. Bernhard Sommerfeldt, seines Zeichens ebenfalls Serienmörder und eine Art Hannibal Lecter, der der Kommissarin Ann Kathrin Klaasen seine Dienste bei der Ermittlung des Trittbrettfahrers anbietet. Der Haken an der Sache: Sommerfeldt sitzt seit nunmehr zwei Jahren, seit seinem Auftritt in „Todesspiel im Hafen“, im Knast und wird so schnell nicht wieder in die Freiheit entlassen. Also macht er der Polizistin ein unmoralisches Angebot. Da der Mörder seine Taten via Apps an Sommerfeldt ins Gefängnis schickt, um sich damit zu brüsten – der offenbar mit Sonderrechten ausgestattete Knastbruder darf in seiner Einzelzelle ein Mobiltelefon benutzen –, schlägt der promovierte Killer der Kommissarin vor, sie möge ihn aus dem Gefängnis holen, damit sein Nachahmer ihn leibhaftig treffen und die Polizei ihn dann verhaften kann. Tatsächlich lässt sich Klaasen auf den Deal ein und holt Sommerfeldt unter einem Vorwand aus dem Gefängnis.

Spätestens hier nun kommt die oben erwähnte Glaubwürdigkeit ins Spiel: Dass deutsche Kriminalbeamte einen Serienmörder unter den Augen der Vollzugsbeamten und ihrer Vorgesetzten aus dem Gefängnis holen, um sich bei der Aufklärungsarbeit helfen zu lassen, dürfte in Wirklichkeit eher seltener vorkommen. Nun ist ein Kriminalroman nicht notwendigerweise der harschen Realität verpflichtet; dennoch dient es dem Lesevergnügen ungemein, wenn sich die Handlung an ihr entlanghangelt. Da hilft es auch wenig, dass die Dialoge flüssig bis geschliffen sind, der Humor nicht zu kurz kommt und die Charakterzeichnung der Protagonisten stimmig ist, zumal die nicht nur fiktiv, sonder teilweise aus dem wirklichen Leben stammen (unter anderem ist Tagesschausprecherin und Talkshow-Moderatorin Judith Rakers für Filmaufnahmen auf die Insel gekommen und gerät sogar in den Fokus des Mörders). Freilich erstreckt sich der Roman weit über 500 Seiten, auf der die Spannung manchmal durchhängt wie eine schlaffe Wäscheleine – zumal sehr viel (Eigen-)Werbung und Reklame für örtliche Lokalitäten zuhauf Erwähnung finden. Bleibt nur zu hoffen, dass Product Placing als zusätzliche Einnahmequelle für Buchautoren nicht zum Trend wird.

Rainer Nolden

Klaus Peter Wolf, Ostfriesenzorn, Fischer Taschenbuch, 540 Seiten, 12 Euro.