1. Nachrichten
  2. Kultur

Ein Trierer in New York: Schauspieler Victor Natus startet durch

Schauspielkarriere : Von Trier nach New York

Victor Natus stammt aus Trier. Sein Wunsch, auf den Theaterbühnen zu spielen, führte den jungen Mann nach New York.

Aufgewachsen ist Victor Natus in Trier und auch heute noch regelmäßig in der Stadt, wo  sein Vater, der Unternehmer Frank Natus, zu Hause ist. Düsseldorf kennt der 23-Jährige ebenfalls gut, denn am Rhein hat er nach Trier einige Jahre gelebt – und nun ist New York seine Heimat. Weil er fest davon überzeugt ist, nur dort lernen zu können, was er lernen und können will: auf der Bühne oder vor der Kamera zu stehen und dabei zu einer anderen Person zu werden. Schauspielerei also. Die ist seine Leidenschaft. Und von der und für die möchte er leben.

Der zweite Teil dieses Wunsches hat sich bereits erfüllt. Denn von 2017 bis 2019 war er Schüler des The Neighborhood Playhouse in New York, heute hat er an der Schule einen Teilzeitjob. Im Stadtteil Manhattan, nicht weit vom mächtigen Turm der Uno am East River, sitzt dieses Ausbildungsinstitut, das sich „School of the Theatre“ nennt. Gegründet wurde das Institut vor fast 100 Jahren. Von zwei Frauen übrigens, Irene und Alice ­Lewisohn aus Hamburg, im Jahr 1928.

Geht man durch das Gebäude, sieht man schnell – viel hat sich seitdem offenbar nicht verändert. Die Dielen sind abgelaufen, die Räume niedrig, eng und verwinkelt, das Geländer der schmalen Treppe in die oberen Stockwerke ist abgegriffen von den Händen vieler Hundert Menschen, die hier gelebt, geschwitzt, gesungen und gespielt haben. Nicht alle mit Erfolg, die weitaus meisten hat die Welt nicht kennengelernt, einige scheiterten ganz, eine ganze Reihe kam nie auf die ganz große Bühne. Aber andere eben doch: in einem kleinen Raum, direkt hinter dem Eingang und der winzigen Pförtner­loge, hängen zwei oder drei Dutzend alte und neuere Schwarz-Weiß-Fotos von Stars, die an der Neighborhood Playhouse gelernt haben. Viele kennt man vermutlich nur in den USA, aber einige sind weltberühmt. James Caan („Der Pate“) oder Eli Wallach („Zwei glorreiche Halunken“) und Diane Keaton („Der Club der Teufelinnen“) sowie Jeff Goldblum („Jurassic Park“). Sie waren da, haben bei Null angefangen und sind dann weltberühmt geworden.

Das will jeder der Schüler, obwohl es keiner so aussprechen würde. Auch Victor Natus sieht sich noch nicht als Sieger, ist im Gegenteil bescheiden – vorerst. Zur Zeit träumt der etwa 1,90 Meter große, schlanke junge Mann mit den schulterlangen blonden Locken davon, kleine Rollen zu bekommen. Und hat sogar Erfolg: Erst vor wenigen Tagen war eines der zahlreichen Castings, zu denen er bereits gegangen ist, endlich erfolgreich. Er bekam die ausgelobte Rolle! In einem Feature-Film wird er einen englischen Auswanderer spielen, der mit falschen Versprechen nach New York gelockt wurde und dann spurlos verschwindet. Einer von vielen Tausend, die illegal beschäftigt werden und wie Öl den american dream des prosperierenden Landes schmieren. Namenlos, rechtlos. Trafficking nennt man das, und die Regierung tut vieles, um es zu verhindern.

Für die Rolle muss Victor, der in den USA lebende Deutsche aus Trier, Englisch mit Cockney-Akzent sprechen. Kann er das? Ja, kann er. Gelernt hat er es von Colleen Smith Walnau, seiner Sprachlehrerin. Sie hat ihm beigebracht, auch sprachlich in andere Rollen zu schlüpfen. Diese Lehrer – sie sind wie Lotsen in diesem Meer aus Hoffnung, Fleiß, Ehrgeiz, Schweiß und Leidenschaft. Und irgendwie sieht man es ihnen an: ungewöhnliche Typen, offensichtliche Individualisten, vor allem aber bewunderte Vorbilder ihrer Schüler. Man spürt man es auch  bei Victor, welchen Respekt er vor diesen Frauen und Männern hat.

Die Schule, die nach außen eher schmal und klein wirkt, hat es in sich: Der kleine Theatersaal im Erdgeschoss mit Bühne, Mischpult und Lichttechnik nebst drei oder vier Dutzend Stühlen dient als Probenraum, in einer Art Turnhalle im oberen Stockwerk lernen die Schüler alles, was es braucht, um auch in wilden Szenen glaubwürdig rüberzukommen – als wir dort sind, wälzen sich jeweils zwei Schauspieler auf dicken Matten und simulieren Kampfsport. Nach kurzer Zeit atmen alle schwer in schweißnassen T-Shirts. Victor: „Wenn wir in eine Rolle schlüpfen, spielen wir die Person nicht, sondern wir sind sie!“

Dabei hilft ihnen auch Whit Waterbury. Der Bibliothekar sitzt in einem Zimmerchen im oberen Stockwerk der Schule. Die Wände sind von oben bis unten, von links nach rechts mit Regalen voller Bücher gefüllt, lückenlos. „Alles Stücke, die einmal gespielt oder verfilmt wurden. Whit kennt sie alle, er weiß, wo jedes Buch steht. Phänomenal!“, sagt Victor voller Bewunderung. Mr. Waterbury nickt – und blickt nicht auf vom Bildschirm seines iMac, der in diesem Raum so anachronistisch wirkt wie ein Flachbild-Fernseher wirken würde im Speisesaal der Harry-Potter-Zauberschule Hogwarts. Magisch, diese Atmosphäre.

Victor ist heute zwar noch in der Schule engagiert, aber nicht mehr als Schüler. Er hat einen Job bekommen, organisiert, nimmt Telefonate entgegen oder hockt in der Pförtnerloge. So ist er immer noch seinen Lehrern nahe und dieser so speziellen Actor-Szene, in der er Erfolg haben möchte. Bald steht die Entscheidung an, ob das alles ausreicht für ein PTO – ein Jahr offiziell genehmigtes Arbeiten in seiner Branche. Die Chancen stehen nicht schlecht. Schwieriger wird es dann allerdings am Ende dieses Jahres, die weitere Hürde zu nehmen: die Erlaubnis, für weitere drei Jahre als Schauspieler in den Staaten leben und auftreten zu dürfen.

Darauf hofft er, der derzeit einzige Deutsche in der Schule, und arbeitet weiter daran.

Vor ein paar Tagen standen er und ein paar seiner Schauspielfreunde auf der Bühne eines Theaters in Brooklyn. Das Stück, das sie an drei Abenden aufführten, heißt „Dogs sees God“. Es handelt von Schwulen, ihrem Outing und den brutalen Regeln, nach denen sie manchmal gemobbt werden.  Victor spielt Beethoven (eigentlich heißt er Schröder, aber weil er Beethoven liebt, heißt er nach diesem deutschen Komponisten). Und: Beethoven ist schwul. Sein Lover heißt Charly Brown.

Die Namen kommen Ihnen bekannt vor? Zu Recht: Es geht um die Peanuts, diese legendäre Comic-Serie aus den 1970er Jahren. Der Junge am Klavier wird seinerzeit von Lucy heftig angeschmachtet. Aber er reagiert nicht. Heute wissen wir, warum – er steht auf Männer. Und zwar auf Charly Brown. Aber die Story, die die Peanuts als Erwachsene und ohne Snoopy (der ist längst tot) schildert, hat kein Happy End – Beethoven begeht Selbstmord, er erträgt den Druck seiner Umwelt nicht.

Positive Presse, frenetischen Beifall hat es gegeben – die Crew um Victor ist berührt vom Erfolg und bewirbt sich jetzt für ein Engagement mit diesem Stück von Bert V. Royal für eine Bühne off-Broadway, also nicht weit von jenen Adressen, an der Weltkarrieren schon oft begonnen haben. Vielleicht startet da ja auch die von Victor Natus.