Trier Ein Wohlfühlabend zum Festival-Abschluss

Trier · Vom Loslassen und Festhalten, von Sehnsucht, Liebe und Heimatlosigkeit: Nachdenklich, entspannend  und äußerst gelungen beschloss das Mosel Musikfestival sein Corona Ersatzprogramm in  Trier.

 Der deutscher Rapper und Singer-Songwriter Max Herre trat in Trier gemeinsam mit dem Ensemble MIKIs Takeover! und der Sängerin Ray Lozano auf.

Der deutscher Rapper und Singer-Songwriter Max Herre trat in Trier gemeinsam mit dem Ensemble MIKIs Takeover! und der Sängerin Ray Lozano auf.

Foto: dpa/Christoph Soeder

Manchmal sind die Signale genauso wichtig wie die Ereignisse selbst. Mit einem ausgesprochenen Wohlfühlabend beendete das Mosel Musikfestival sein Corona bedingtes Ersatzprogramm im schönen Innenhof des Kurfürstlichen Palais in Trier. Im Überraschungsformat „Zuruf“ waren Max Herre und das Ensemble MIKIs Takeover! zu Gast, dazu die Sängerin Ray Lozano. Ihr Musik-Programm hatte in Trier Premiere.

Unter den 350 Zuhörern im ausverkauften historischen Geviert war auch der rheinland-pfälzische Kultur-und Wissenschaftsminister Konrad Wolf. Es sei eine besondere Herausforderung, wenn ein Festival wie das Mosel Musikfestival angesichts der aktuellen Pandemie kurzfristig ein neues Programm erarbeiten müsse, sagte der Landespolitiker, der auch Grüße von Ministerpräsidentin Malu Dreyer überbrachte. „Das ist ganz hervorragend gelungen“, lobte der Kulturpolitiker.

Wolf betonte, dass es das Ziel der Landesregierung sei, soviel kulturelle Veranstaltungen zu realisieren, wie möglich. „Wir spüren alle, wie sehr uns die Kultur fehlt“, bedauerte der Minister. In diesem Sinn habe man auch das Kultur-Förderprogramm „Im Fokus – 6 Punkte für die Kultur“ geschaffen.

Aus der Not der Corona-Pandemie sei ein Festival der Bewegung entstanden, erklärte Festival-Intendant Tobias Scharfenberger mit Blick auf die notwendige Programm-Dynamik und ihre neuen Formate. „Wir hoffen daraus für die Zukunft gelernt zu haben“.

Neues und Altbekanntes verbanden auch  die Musiker in ihrem ebenso nachdenklichen wie entschleunigendem Programm zu einem herrlich entspannenden Abend. Herre ist ein Altmeister des deutschen Hip Hop. Der aus Stuttgart stammende Rapper ist einer der Pioniere, die den amerikanischen Rap nach Deutschland gebracht haben. Allerdings  fällt seine deutsche Version viel sanfter aus, als die aus USA importierte.  Legendär ist bis heute Herres ehemalige Band „Freundeskreis“. Sein Klassiker „Esperanto“ mit dem die Musiker seinerzeit  den Sprachmix der „Friedenslingo“ von „Stuttgarts Hügeln in die Welt“ tragen wollten,  erklang zur Freude des Publikums auch an diesem Abend.

Überhaupt ist Herre, um den es einige Jahre ruhig war, ganz der alte geblieben, ein Art Liedermacher des Hip Hop, ein Rapper zwischen Rhythm und Blues mit gesellschaftskritischen und populärphilosophischen Texten, die er an diesem Abend geradezu beruhigend gelassen vortrug.

Herres eher sprödem Rapper-Staccato war Lozanos warme volle Soul-Stimme, die bisweilen schlank und schmal in ferne Höhen stieg, die ideale Partnerin. Den melodischen,  leicht melancholischen Hintergrund lieferte Mihalj Kekenj genannt MIKI mit dem wunderbaren Sound seines quasi klassischen Ensembles aus Streichern und Harfe.

Gleich los ging es mit Herres Titelsong aus seinem neuen Album „Athen“, die altbekannte Geschichte (hier als Beziehungskrise) vom Loslassen und Festhalten,  vom Weggehen und doch Bleibenwollen. Anrührend wurde es anschließend im Song „Berlin-Tel Aviv“, der vom Heimatverlust und von der Entfremdung einer jüdischen Berliner Familie im Schreckensjahr 1938 berichtet.

Seit 18 Jahren lebt Herre in Berlin. Fasziniert von der Jazz-.Rock-und Popszene der ehemaligen DDR der 70iger Jahre hat er ein Album der dortigen Band Panta Rhei gesampelt, aus dem das Duo mit dem Sehnsuchtslied „Nachts“ nicht nur eine wahre Rarität vortrug,  sondern sich auch vor der einstigen Sängerin der Band, Veronika Fischer, verbeugte.  Um Flüchtlingselend und Entwurzelung ging es schließlich in „Sans papiers“. Augenzwinkernd berichtete der Sänger zwischendurch von seinem nachmittäglichen Trier-Rundgang. Natürlich war der Mann, der sich gern als Linker bezeichnet und sich schon  in seinen Anfängen mit gesellschaftlichen Utopien befasste, auch im Karl-Marx-Haus.

In Trier sei es sehr schön,  bestätigte er seinem begeisterten Publikum, in dem offensichtlich gleichermaßen alterfahrene wie jüngere Herre Fans waren. Und MIKI pflichtete ihm bei: „Hier ist es allerliebst“. Fast schon selbstverständlich, dass  anschließend Herres  „1ste Liebe“ in regionaler Trierer Überschreibung vorgetragen wurde. Wie gut der Konzertmeister der Bergischen Symphoniker (MIKI im Hauptberuf) und sein Ensemble auch Klassik können, war in einer Gesangspause erfahrbar. Als feinsinniges Highlight präsentierten  die wunderbare Harfinistin Hanna Rabe und ihre Kollegin an der Klarinette Marlies Klumpenaar Erik Saties Gymnopédie Nr.1.

Viel Applaus und Standing ovations belohnten die Musiker für den gelungenen Abend. Bühne frei hieß es übrigens schon den ganzen Tag im Innenhof des Palais, wo das Festival regionalen Künstlern eine Bühne geboten hatte, die etwa 150 Zuschauer anzog. Ein Nachspiel zum Festival Programm gibt es im September noch mit Konzerten des Pianisten Kit Armstrong.

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