1. Nachrichten
  2. Kultur

Eine weinarchitektonische Spurensuche zwischen Toul und Koblenz

Architektur : Winzervillen – errichtet zum Staunen

Warum verknüpft die Initiative Via Mosel die Themen Wein und Architektur miteinander? Sicher, es sind hippe Themen, mit denen sich Touristen in die Region locken lassen. Aber sollte das wirklich die Antwort sein? Eine architektonische Spurensuche zwischen Toul und Koblenz.

Ein Fluss, drei Länder und der Wein – das sind die Zutaten für ein bislang einzigartiges Projekt in Europa. Zusammengehalten wird es durch die wechselvolle 2000-jährige Geschichte der Region. Kelten, Römer, Kurfürsten, Adlige, reiche Industrielle und Investoren setzten immer wieder Landmarken für den Wein in die Landschaft. Sie bauten Kelteranlagen, Lagerräume, repräsentative Winzervillen und Gutshäuser für ihre Verwalter.

Das zeigt schon: Weinarchitektur ist mehr als eine Lagerhalle oder ein Wohnhaus. Sie verknüpft verschiedene Funktionen miteinander: In den Gebäuden wird gearbeitet, Wein gelagert, Wein verkauft und gelebt. Jede Funktion hat eigene Bedürfnisse. So soll der Most, möglichst ohne zu pumpen, im Herbst von der Kelter ins Gärfass und von dort zum weiteren Ausbau ins Lagerfass fließen. Das sind alles Prozesse, die am besten bei niedrigen Temperaturen ablaufen.

Wer aber im Winter nicht frieren will, braucht eine Heizung. Die Wohnräume sollen natürlich auch dem Geschmack des Eigentümers entsprechen. Und wer seinen Wein direkt vermarktet, braucht repräsentative Räume, die die Philosophie des Weingutsbesitzers abbildet.

Diese Mischung der Ansprüche an funktionale Architektur macht das Thema Weinarchitektur so spannend. Jedes Weinanbaugebiet entwickelt dazu seinen eigenen Charakter. Die Châteaux des Bordeaux versprühen einen anderen Charme als die Bodegas im Anbaugebiet Rioja oder die Weinhöfe und Weingüter in Niederösterreich.

Deshalb ist es so faszinierend sich mit diesem Thema an der Mosel zu beschäftigen. Die Frage müsste also lauten: Welche architektonische Antwort finden die Weinmacher – also Winzer und Weingutsbesitzer – zwischen Toul und Koblenz, um ihren Wein zu produzieren, zu vermarkten und um in ihrem Weingut zu leben?

Ein Teil der Antwort liegt in der Geschichte der Region begraben. Schon der römische Lehrer und Dichter Ausonius schwärmte von der „lieblichen“ Mosel, als er nach einer Reise über den Hunsrück ins Tal auf Neumagen-Dhron blickte. Zeugnis der römischen Besiedlung sind beispielsweise die Kelteranlagen in Piesport und Erden oder die Villa in Mehring.

Mit dem Lothringerhaus und dem daraus hervorgegangenen Trierer Einhaus hat die Region ein Stück gemeinsame Architekturgeschichte. In diesen Häusern lebte und arbeitete man unter einem Dach. Sie stehen mit dem First parallel zur Straße, und die Nachbarhäuser schließen sich direkt an. In der einen Hälfte des Hauses lebt die Bauernfamilie. Die andere Hälfte wird als Stall und Scheune genutzt. Beispiele dieser Art finden sich in der Region viele: etwa in Ayl, in Kanzem oder in Lucey im Département Meurthe-et-Moselle (in der Nähe von Nancy). Die Einhäuser stehen für eine (wein)bäuerlich geprägte Landwirtschaft.

In der frühen Neuzeit besaßen die Klöster und Bischöfe die meisten und die besten Weinbergsflächen. In der Regel wohnten die Gutsverwalter in der Nähe der Weinberge, die ihren Herren gehörten – hiervon zeugen Namen wie Mönchhof (Ürzig) oder Johanneshof (Riol, Minheim, Zeltingen-Rachtig).

Viele der kirchlichen Weinbergsflächen gelangten mit der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts in private Hände. Oft erinnern hier barocke Gebäude an die Zeit, als der Klerus im Haus das Sagen hatte. Ein schönes Beispiel dafür ist etwa der Stammsitz des Weinguts van Volxem in Wiltingen. Im 18. Jahrhundert war es Sitz des Luxemburger Jesuitenkollegiums – unterstrichen wird diese Bedeutung dadurch, dass es direkt neben der Pfarrkirche liegt.

Nachdem durch die Bahnlinie Mosel und Saar ab den 1860er Jahren an die  preußische Hauptstadt Berlin angebunden waren, wurde es endlich einfacher, den Wein zu transportieren. Die Fässer mussten nicht mehr kompliziert auf Schiffe verladen werden – und der Wasserstand spielte keine Rolle mehr, wenn die Waggons beladen wurden. Hinzu kam, dass die Weine in den 1880er und 1890er Jahren von sehr guter Qualität waren. Grund genug für Investoren und reich gewordene Winzer ihr Kapital anzulegen. So hat beispielsweise der spätere preußische Landwirtschaftsminister Clemens August Freiherr von Schorlemer-Lieser (1856-1922) ein Weingut in Serrig bauen und Schloss Lieser erweitern lassen. Letzteres kam dank seiner Frau Maria Puricelli – eine erfolgreiche Industriellenfamilie – in den Familienbesitz. Die Bankiersfamilie Reverchon aus Trier investierte in dieser Zeit in ein Weingut in Konz-Filzen.

Und heute? An der deutschen Mosel gewinnt man den Eindruck, dass Winzer Traditionalisten sind – eine Ausnahme hiervon ist etwa Roman Niewodniczanski, der 2019 sein Weingut van Volxem aus den Ort Wiltingen auf den Saarfeilser auslagerte. Innovativ sind die Luxemburger. Allen voran der Architekt François Valentiny, der zahlreiche Weingüter entworfen und umgesetzt hat. Alexander Schumitz

 Weingut Bentz in Wellenstein/Luxemburg
Weingut Bentz in Wellenstein/Luxemburg Foto: Terroir Moselle/christopher arnoldi
 Einige Beispiele für spannende Weinarchitektur an der Mosel: Weingut Piedmont in Konz Filzen (oben rechts, im Uhrzeigersinn), das Weindorf Lucey in Frankreich, das Weingut Witwe Thanisch in Bernkastel-Kues und das Weingut René Bentz in Luxemburg.
Einige Beispiele für spannende Weinarchitektur an der Mosel: Weingut Piedmont in Konz Filzen (oben rechts, im Uhrzeigersinn), das Weindorf Lucey in Frankreich, das Weingut Witwe Thanisch in Bernkastel-Kues und das Weingut René Bentz in Luxemburg. Foto: Alexander Schumitz
 Weindorf Lucey
Weindorf Lucey Foto: Terroir Moselle/christopher arnoldi

Mehr Bilder von den Winzervillen unter www.volksfreund.de/fotos