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Elisabeth Dühr spricht über Herausforderungen geschlossener Museen

Gesellschaft : „Nicht-planen ist auch kein Plan!“

Die Direktorin des Stadtmuseums Simeonstift spricht über Herausforderungen, Chancen, Risiken und Defizite geschlossener Museen.

Das Stadtmuseum Simeonstift ist – wie zurzeit alle Museen in Deutschland – geschlossen. Aber wie geht man als Museumsdirektorin mit dieser Situation um? Unter anderem darüber sprach TV-Redakteur Alexander Schumitz mit der Direktorin des Simeonstifts.

Was heißt der Lockdown für das Stadtmuseum Simeonstift in Trier?

„Das bedeutete für uns zunächst einmal, dass wir die Planungen für die nächsten Ausstellungen überarbeitet haben. Unsere großen historischen Schauen haben in der Regel einen Vorlauf von zwei bis drei Jahren, bis sie soweit aufbereitet sind, dass man sie einem breiten Publikum präsentieren kann. Also haben wir die Ausstellung zur Wiedergründung der Universität Trier zunächst mal bis zum 18. April verlängert, weil das Haus wenige Tage nach ihrer Eröffnung schon wieder geschlossen wurde. Man muss aber auch sehen, dass diese Ausstellungen teuer und mit viel Arbeitsaufwand verbunden sind. In der Konsequenz heißt das aber auch, dass wir eine geplante Ausstellung – ‚Die Gemäldegalerie’ mit Werken aus dem eigenen Fundus – auf später verschieben müssen.“

Konkret bedeutet das was?

„So eine Umplanung zieht einen ganzen Rattenschwanz nach sich. Ausleihfristen müssen beispielsweise neu mit den Leihgebern – also anderen Museen und Archiven – ausgehandelt werden. Versicherungen für die entliehenen Objekte müssen verlängert werden. Bei unserer Ausstellung zur Geschichte der Universität ist da der Aufwand überschaubar. Aber wenn man zum Beispiel zu den Ausstellungen nach Mainz (Anmerkung der Redaktion: „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“) oder Speyer („Medicus“) mit mehr als 100 Leih-Exponaten schaut, ist das für die Museen ein ungeheurer administrativer Aufwand.“

Und was passiert mit Projekten, die anstehen?

„Wir im Simeonstift sind der Meinung, dass nicht-planen auch kein Plan ist. Unsere Planung mit allen Veranstaltungen für das erste Halbjahr steht – unter Corona-Bedingungen. Das heißt, dass alles bis zu dem Zeitpunkt ausfällt, an dem wir wieder öffnen dürfen. Wir hoffen, dass zur Eröffnung der Ausstellung ‚Orte jüdischen Lebens’ am 21. März das Haus wieder geöffnet ist. Wenn nicht, dann steht sie zu dem Zeitpunkt auf jeden Fall und kann sofort geöffnet werden, wenn das wieder zulässig ist. Aber es hat auch Auswirkungen auf die nächste Landesausstellung in Trier (Anmerkung der Redaktion: „Der Untergang des Römischen Reiches“). Hier muss etwa die damit befasste Marketing­agentur neu überlegen, wie Zielgruppen erreicht werden können, obwohl zum Beispiel Touristik-Messen abgesagt wurden.“

Filmsequenzen aus der Ausstellung „Orte jüdischen Lebens“ wird man zum Teil auch online sehen können, oder?

„Ja. Die Sequenzen sind auch Teil eines Stadtführungs-Guides zu diesem Thema. Und auch die Trier Tourismus und Marketing GmbH nutzt Teile der Texte für ein eigenes Stadtführungsangebot zu diesem Thema.“

Ausstellungen sind oft auch mit logistischem Aufwand verbunden. Welche Konsequenzen hat das Preisgefüge solcher Veranstaltungen?

„Das macht uns große Sorgen. Für größere Ausstellungen mit vielen Leihgaben könnten sich – so auch die Sorge bei den Museumsverbänden – die Transportkosten in Zukunft extrem erhöhen. Die höheren Kosten hierfür sind eine Folge der Corona-Pandemie. Die Infrastruktur und Logistik dahinter sind mit einem deutlich höheren Aufwand verbunden. Mit Blick auf die Landesausstellung 2022 warten wir hier zurzeit noch ab, bevor wir Transportunternehmer anfragen, was es kosten würde rund 100 Leihgaben aus 16 Ländern nach Trier und wieder zurück zu bringen.“

Wie viel weniger Museumsbesucher hatte das Stadtmuseum Simeonstift 2020 im Vergleich zu 2019?

„Im Vergleich zu 2019 waren es weniger als die Hälfte.“

Was hat das für Folgen?

„Zunächst muss man da auf die Mitarbeiter schauen – vor allem auf das Aufsichtspersonal. In diesem Bereich haben wir sieben eigene Kräfte, die bei Bedarf um Personal von Wachdiensten ergänzt werden. Unser eigenes Aufsichtspersonal ist zum Teil in Kurzarbeit – eine Möglichkeit, die der Gesetzgeber der öffentlichen Hand erstmals in dieser Krise eingeräumt hat. Ein anderer Teil hilft in anderen Ämtern aus. Im Bereich der Verwaltung bereiten wir zurzeit künftige Projekte vor, was sich nicht so sehr von unserer gewöhnlichen Arbeit unterscheidet.“

Weniger Besucher bedeutet natürlich auch weniger Einnahmen. Hat das Auswirkungen auf die geplante Neukonzeption der Dauerausstellung?

„Unsere aktuelle Dauerausstellung wurde 2007 eröffnet. Seit etwa zwei Jahren arbeiten wir daran, die Inhalte für eine neu konzipierte Dauerausstellung aufzubereiten. Darüber, wie es weitergeht, muss jetzt aber der Stadtrat entscheiden. Inhaltlich ist sie vorbereitet. Ob diese Umsetzung letztlich möglich ist, muss politisch entschieden werden. Damit verknüpft ist natürlich auch eine Entscheidung, wie man in der Stadt künftig die Kultur positioniert. Die Einnahmeeinbußen der Stadt werden sicher auch Auswirkungen auf die Kulturämter haben. Man kann aber auch die Überlegung anstellen, dass die Kulturämter wichtig sind, um den Tourismus nach der Krise wieder in Gang zu bringen. Wir können uns dafür einsetzen, dass dieses Projekt umgesetzt wird. Darüber entscheiden muss die Bürgerschaft. Entscheidend wird auch sein, wie sich die finanzielle Situation der Kommune entwickelt. Das kann ich aber überhaupt nicht abschätzen. Bei der Frage, welche Prioritäten wie zu setzen sind, respektiere ich auch die Souveränität des Rates.“

Ein geschlossenes Museum ist nicht nur für Sie und ihre Mitarbeiter ein Problem, sondern auch für die Menschen, die gerne das Museum besuchen würden. Haben Sie ein Gespür dafür, wie das die Menschen mitnimmt?

„Die Schließung des Museums birgt auch gewisse Chancen. So muss man sich beispielsweise Gedanken über digitale Formate machen. Grundsätzlich sind Museen zwar analoge Orte. Man besucht sie, um die Originale zu sehen – dazu gehört auch die sehr lange Zeit sehr beschworene Aura des Originals. Allerdings hat man bei der Vermittlung der Inhalte zu wenig im Fokus gehabt, zweigleisig zu arbeiten. Mehrere von uns entwickelte Formate für Kinder und Jugendliche – etwa der Jugendclub oder die Museumsdetektive – bewähren sich schon jetzt. Damit pflegen wir vor allem die Kontakte, die wir schon haben – ob wir damit neue Besucher anlocken, bezweifle ich aber.“

Was macht der Mangel an Kultur psychisch mit den Menschen?

„Ich glaube, dass die Schließung des kulturellen Raumes – also der Museen, aber auch der Theater, der Galerien, der Konzertsäle – dazu führt, dass eine ganze Dimension an Lebenswahrnehmung wegfällt. Ohne Museum, Theater, Oper fehlt den Menschen eine ganze Bandbreite an Erfahrungen, die man schnell schmerzhaft vermisst. Weil man gerne etwas sehen, hören oder spüren würde. Ich bin ein großer Opernfan und würde gerne mal wieder in einer Oper sitzen. In mir sorgt das für ein großes Defizitgefühl. Und ich beobachte in meinem Umfeld, dass das vielen Menschen so geht.“

Museen sind auch Orte des gesellschaftlichen Diskurses. Hier werden Themen aufbereitet, die kontrovers diskutiert werden. Mit der Schließung der kulturellen Räume, ist dieser Dialog zwischen Machern und Organisatoren zum Erliegen gekommen.

„Das war für mich auch einer der Gründe, weshalb wir die die Ausstellung zur Geschichte der Universität verlängert haben. Es gibt so viele Leute, die mit der Universitätsgründung viel verbinden und die eigene Bilder im Kopf haben, die sich an ihre Studienzeit erinnern. Ein Museumsbesuch eröffnet auch ganze Erinnerungsräume, bietet – gerade in den Stadtmuseen – die Chance sich mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Wenn das weg fällt, ist das ein Zustand, der auf Dauer nicht sein sollte.“

Was wünschen sich die Museumsmacher? Eine schnelle Öffnung?

„Im Verband der rheinland-pfälzischen Museen (Anmerkung der Redaktion: dessen Vorsitzende Elisabeth Dühr ist) beobachten wir die Entwicklung sehr genau. Andererseits macht eine Öffnung der Häuser nicht wirklich Sinn, so lange wie das städtische drumherum nicht stattfindet, keine Läden, Restaurants etc. geöffnet sind.“