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Filmkritik: "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt, mit Helena Zengel

Kino : Ein lauter Schrei nach Liebe

Stühle fliegen, es wird geschrien, andere Kinder werden verprügelt. Nein, Kinder wie Benni, gespielt von der Berliner Göre Helena Zengel, möchte niemand haben. Sie sind laut, sie sind aggressiv, sie verletzen permanent Grenzen.

Aber sie sind dann doch irgendwie liebenswert: Kämpfen für ein Leben mit ihrer Familie, ringen um Anerkennung und können sich liebevoll um andere Kinder kümmern. Nur in den Momenten, in denen von ihnen ein bestimmtes Verhalten erwartet wird, läuft alles aus dem Ruder. In diesen Augenblicken werden Kinder wie Benni zu sogenannten „Systemsprengern“.

Mit „Systemsprenger“ feierte Nora Fingscheidt (mit dem Dokumentarfilm „Ohne diese Welt“ gewann sie 2017 beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken den Hauptpreis) im Jahr 2019 ihr erfolgreiches Spielfilmdebüt. Ihr gelingt es, die Geschichte von Benni dicht und emotional packend zu erzählen. Denn mit Micha, gespielt von Albrecht Schuch, und Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide) setzen sich zwei Menschen aus dem System bis zur Selbstaufgabe immer wieder für das Mädchen ein.

So zieht Micha mit Benni für mehrere Wochen in eine Waldhütte. Hier wird gemeinsam gekocht und gemeinsam werden Abenteuer unternommen. Aber als die Auszeit zu Ende ist und Benni wieder zurück ins Heim soll, bekommt die Beziehung einen ersten Bruch. Aber weil Micha die Beziehung nicht aufs Spiel setzen will, kommt er Benni entgegen, nimmt sie mit zu sich nach Hause. Auch wenn Benni dann einige Tage später wieder zurück ins Heim zieht, besucht sie ihren Betreuer immer wieder und freundet sich mit Elli (Maryam Zaree, 2020 gewann ihr Dokumentarfilm „Born in Evin“ den Deutschen Filmpreis), Michas Frau, an.

Ja, der Film ist auf eine gewisse Art gewalttätig: Er zeigt Wutausbrüche, aber auch, wie verletzend psychische Gewalt sein kann – egal, ob sie sich gegen Kinder oder Erzieher richtet. Trotzdem schlägt das Herz immer für Benni. Als Zuschauer wünscht man sich, dass sie diesen Teufelskreis aus Gewalt und Liebesentzug irgendwann durchbricht.

Alexander Schumitz

Der Film kann auf verschiedenen Streaming-Plattformen abgerufen. Netflix-Abonnenten können ihn noch bis zum 8. März sehen.