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Französischer Horrorabend „Grand Guignol – The dark carnival“ im Theater

Trier : Einblick in menschliche Abgründe

Grobschlächtiges Kasperletheater: Der französische Horrorabend „Grand Guignol – The dark carnival“ bringt die sieben Todsünden auf die Bühne.

Der Große Milenko verspricht der bärtigen Dame ewiges Leben, wenn sie die Besucher zur Todsünde des „Zorns“ verführt. Der wurzelt in der eigenen – vorhandenen oder empfundenen – Unzulänglichkeit. „Ich habe mir alle Formen der menschlichen Unzulänglichkeit ausgedacht“, sagt Marc-Bernhard Gleißner, Leiter des Bürgertheaters, der das Stück mit knapp 60 Aktiven für die Studiobühne des Theaters Trier inszeniert hat. Der „Zorn“ wurzelt in der Geburt und zieht sich durchs ganze Leben. Die Gründe, so alltäglich wie grausam: Man hat für die Eltern das „falsche“ Geschlecht, leidet unter ihrem überzogenen Anspruch, wird vom anderen Geschlecht verschmäht. Die Besucher, von der Dame – verkörpert von Lisa Wächter, Gilbert Neumann, Clemens Pretz, Hilde Worst, die prächtig herausgeputzt durch den Abend führen – aufs Äußerste gereizt, schlagen brutal zu, töten das innere Kind, den Liebhaber, sich selbst.

Nachtgeister und Eisheilige verbreiten gespenstische und frostige Stimmung. Die Huldra, die junge Männer verführt, das Bläckhäst, ein weißes Pferd, das seine Reiter im Fluss ertränkt, der Nachtrabe, der Kindern die Herzen herausreißt, der Kyrkogrim, ein Wiedergänger, halb Tier, halb Mensch – gespielt von Florian Engel, der die unmenschlichsten Laute ausstößt: Sie alle entstammen der nordischen Mythologie. Archaisch anmutende Klänge (musikalische Leitung: Mohamed Kushari) verstärken den Gruseleffekt.

Mordlust zieht sich durchs gesamte Stück, Leichen fallen wie Blätter im Herbst. Mehr als zwei Dutzend sind es bei der „Gier“, denn der Protagonist kann sich nicht zügeln. Nach außen feinfühlig – Maurice Stolze bewegt sich in seinem Prinzessinnenkleid mit dem zarten Krönchen überaus grazil – ist er innen drin eiskalt. Und so treibt er seine Mitmenschen wie den Jahrmarktsbesucher (Fabian Barte), sein Mordopfer Nummer 27, in den Wahnsinn und den Tod.

Stolze (17) spielt nicht nur, er hat die Episode „Gier“ auch – gemeinsam mit Zoe Bauermeister (18) – entwickelt und Regie geführt. „Die Idee in den vier Jahren ‚Grand Guignol‘ ist die Nachwuchsförderung“, sagt Gleißner. „Wir wollten nicht nur die Partizipation im Bereich Schauspiel ermöglichen, sondern auch Regieführung und Dramaturgie.“ Und so führen neben Gleißner, Stolze und Bauermeister auch Petra Gueth („Stolz“), Petra Klink („Wolle & Lust“) sowie Youri Kim („Völlerei“) Regie.

Kim hat in Großbritannien Regie studiert und bereits 2018 bei „Grand  Guignol“ und „Horrornacht“ Regie geführt. Die Idee für den Abend habe Petra Gueth maßgeblich mitgeprägt, sagt Gleißner. Sie habe ihr Foto-Projekt über die sieben Todsünden vorgestellt. „Ich dachte, das Thema eigne sich auch für ein Theaterstück.“

Tut es. Auch im Hier und Jetzt. Denn nichts ist heute wichtiger, als in und beliebt zu sein. 100 Follower auf Instagram? Das ist gar nichts. Und nur 20 Likes für ein Foto? Unterirdisch. Denn: „Der Wert einer Person wird an ihren Likes gemessen“, sagt Regina Spector (Julia Seitz). Und da man ohne Likes nichts wert ist, verkauft sie sich an den Undertaker (Jonathan Henke), einer Art Zuhälter für Influencer. Und das will sie werden, und sie legt – erfolgreich – alles daran. Erkennt nicht, dass der Undertaker ihr alles Leben entzieht.

„Stolz“, aber auch Neid und Faulheit sind die Todsünden, derer sich Regina schuldig macht. „Wolllust“ – hier: „Wolle & Lust“ – die von Geisterbahnbesitzer Clodvig (Alexander Krewer), der seine ewig strickende schwangere Frau (Karin Strieker) verabscheut. Ihn zieht es zu anderen Frauen, die er sich nimmt, tötet und in sein Gruselkabinett steckt.

Der Zirkus ist die zweite Hauptattraktion des Dark Carnivals. Die Freaks lieben ihn bis zum Wahnsinn. Doch das beliebteste Utensil birgt Grausames: Es ist der Kopf des Menschenfressers. Dieser Erysichthon (grandios abstoßend: Nico Wilhelmus) fällt eine Nymphe in Baumgestalt, wird verflucht und mit unstillbarer Fressgier bestraft, tötet seine Frau und frisst ihr Neugeborenes. Kim bedient sich hier bei der griechischen Mythologie. „Völlerei“ setzt sie der „Maßlosigkeit“ gleich, die sich alles einverleibt: Essen, Frauen, Macht, sogar Leben.

„Grand Guignol“ ist ein Abend für alle, die den Horror, den Grusel, das Makabre lieben. Doch nicht ohne Humor – auch wenn einem bisweilen das Lachen im Halse stecken bleibt.

Weitere Termine: 5., 8., 13., 20. Februar (alle ausverkauft), 19. Februar, jeweils 20 Uhr, Theaterstudio. Karten gibt es für 12 Euro an der  Theaterkasse und unter der Tickethotline 0651/718-1818.