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Georg Schmitt: Ein Pionier aus Trier auf musikalischem Felde

Musikgeschichte : Ein Pionier auf musikalischem Felde

Johann Georg Gerhard (genannt Georges) Schmitt wurde vor 200 Jahren Trier geboren. Seine Erfolge feierte der Organist und Komponist aber in Paris.

„Georges Schmitt hinterließ, auch wenn er nicht zu den Großen der Musikgeschichte zählt, bemerkenswerte Kompositionen“, sagt Wolfgang Grandjean. Und weiter: „Sein Leben ist beispielhaft für die Karriere eines Musikers auf der Ebene unterhalb der ‚großen Meister‘.“ Grandjean bleibt im Gespräch zurückhaltend. Er wägt Wort für Wort sorgfältig ab. Georg Schmitt, der verkannte Komponist? Nein. Aber „vergleichbar einem Rädchen im großen Getriebe des französischen Musiklebens“. Und insofern nicht ganz unbedeutend.

Grandjean kennt sich aus bei Schmitt. Nach der Lektüre von Maria Schröder-Schiffhauers biografischem Roman „Der vergessene Lorbeer“ in den 1980er Jahren beschloss er, dieser Person, seiner musikalischen Entwicklung und seinen Lebensumständen auf den Grund zu gehen. Herausgekommen ist im Jahr 2015 ein gut 540 Seiten starkes Buch, das Nüchternheit und Akribie verbindet. Es gab damals den Anstoß zu einer kleinen Schmitt-Wiederentdeckung – immerhin mit einer Aufführung der Vokal-Symphonie „Le Sinai“ durch den Trierer Konzertchor unter Jochen Schaaf.

Am 11. März 1821 wurde Johann Georg Gerhard Schmitt in Trier-Zurlauben geboren. Grund genug, nachzufragen: Georg Schmitt – wer war das? Was könnte er bewirkt haben? Und was bleibt von seiner Musik übrig, außer dem einst populären und heute halb vergessenen „Mosellied“. „Nationalhymne der Moselaner“ nannte man es in der Region mit leicht abwertendem Unterton.

„Für mich als Wissenschaftler ist der Pariser Schmitt am interessantesten“, sagt Grandjean. Also nicht die Jugend und nicht die Funktion als Trierer Domorganist, sondern der Zeitraum von Schmitts Ankunft in der französischen Hauptstadt 1844 bis zu seinem Tod im Jahr 1900. Es waren politisch und kulturell bewegte Jahre: Die sich entwickelnde Industrialisierung, die Anstrengungen zur Erneuerung des kirchlichen Musiklebens und nicht zuletzt der gefeierte und umkämpfte „Wagnerisme“. Schmitt stellt sich mitten hinein in diese Zeit. Seine musikalische Entwicklung in Paris spielte sich dabei nicht in der Vertikalen ab, sondern in der Horizontalen. Sie ging in die Breite. Die Idee eines echten Hauptwerks hat er aufgegriffen, blieb aber trotz ambitionierter Kompositionen wie der Chorsymphonie „Le Sinai“ erfolglos. Ein echter Pionier war er auf anderen Feldern: Reform der Kirchenmusik, Aufwertung des Choralgesangs, Erneuerung des Orgelspiels aus dem Geist der deutschen Tradition.

Schmitt, von 1849 bis 1863 Organist an der berühmten Kathedrale St. Sulpice in Paris, bringt neben anderen Publikationen die Anthologie „Musée d’Organiste“ mit 100 Kompositionen heraus – je zur Hälfte eigene Werke und Musik der Zeitgenossen, darunter mindestens eine Erstveröffentlichung. Er setzt sich ein für die Erneuerung des Gregorianischen Chorals aus den alten Quellen, beteiligt sich am Trierer „Choralstreit“ um die Verwendung des Chorals in der Liturgie, erörtert mit dem Breslauer Kirchenmusiker Moritz Brosig die stilistisch angemessene Begleitung des Chorals, schreibt, selbstverständlich auf Französisch brillante Zeitungs-Artikel, schreibt Opern und Operetten, Lieder und Klavierstücke, vertieft sich in Vokal­sinfonik wie „Le Sinai“. Aber trotz aller Ambitionen und trotz des umfangreichen Gesamtwerks – Schmitt wird nirgendwo heimisch. Es ist ein Fall persönlicher Tragik, dass er am Ende nicht zu Frankreich und nicht zu Deutschland gehörte. „Grenzgänger zwischen deutscher und französischer Musik“ resümiert Grandjean.

Was bleibt übrig von diesem Musiker? „Er war ein talentierter Erfinder von Melodien und überhaupt ein Komponist mit den Schwerpunkten Lied, Kantate und Oper“, heißt es bei Grandjean. Der macht auch aufmerksam auf eine Lieder-CD mit dem Trio „Cénacle“, erinnert an die Aufführung der „Sinai“-Chorsinfonie 2015. Und hat sogar einen Geheimtipp parat: „Eine Aufführung seiner Kammeroper „Anacréon“ steht noch aus, eine lohnende Aufgabe für unser Theater“.

Trotz aller Niederlagen – so etwas wie eine politische Fernwirkung hatte Schmitts Aktivität dann doch. Er wurde 1887, bei seiner sechsten Reise nach Trier zum Ehrenmitglied der Trierischen Liedertafel ernannt. Und 1921, zum 100. Geburtstag, taufte die Stadt das Areal an der Trierer Kaiser-Wilhelm-Moselbrücke feierlich „Georg-Schmitt-Platz“. Manifestierte sich in dieser demonstrativen Aktion nur deutscher Widerstandswille gegenüber der französischen Besetzungsmacht oder war es ein vorsichtiger Annäherungsversuch? Schmitt wäre beides zuzutrauen.

Wolfgang Grandjean, Orgel und Oper. Georges Schmitt 1821-1900. Ein deutsch-französischer Musiker in Paris. Biografie und Werkverzeichnis. 2015, 544 Seiten, zahlreiche Abbildungen und Notenbeispiele, Verlag Olms

 Georges Schmitt am Dirigentenpult.
Georges Schmitt am Dirigentenpult. Foto: Stadtarchiv Trier

Georges Schmitt, Lieder. Trio Cénacle (Evelyn Cesla, Nico Wouterse, Michelle Kerschenmeyer). Erschienen bei der Edition Hänssler.