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George Floyd starb, weil ein Polizist auf ihn kniete. Polizeigewalt?

Gesellschaft : Wie viel zählt ein Menschenleben?

Die Strafverhandlung gegen Derek Chauvin beginnt heute. Der Polizist soll schuld sein, dass George Floyd am 25. Mai 2020 starb. Aber was bedeutet sein Tod für die US-Amerikaner? Eine Reportage vom Ort des Geschehens.

Jemand hat die Konturen George Floyds auf den Asphalt gemalt, versehen mit Engelsflügeln. Auf einer Tafel ein weiser Spruch: „Wer zu Gewalt greift, hat Angst vor Argumenten.“ Auf der anderen Seite des Lebensmittelladens Cup Foods steht, um einiges bitterer, an der Wand, dass schwarz zu sein in Amerika eine lebensgefährliche Erbkrankheit sei. Blumensträuße. Teddybären. Buddhafiguren. Und unzählige Kerzen. Der Schrein an der Stelle, an der Floyd starb, nimmt nicht nur den ganzen Bürgersteig ein, sondern die halbe Straße.

Schräg gegenüber hat der Pfarrer Curtis Farrar Klappstühle auf den Parkplatz seiner Kirche gestellt, um an einem Sonntag im März zu zelebrieren, was er einen pandemischen Gottesdienst nennt. Samt Schlagzeug, Klavier, Gitarre, Trompete und einem Chor. Die ganze Welt schaue jetzt auf diesen Platz, predigt der Pastor der Worldwide Outreach for Christ Church. Dann erzählt er von den Erfahrungen, die er in den 1970ern als junger Mann in Minneapolis machen musste. Einmal, er näherte sich dem Haus eines Freundes, hätten ihm Polizisten nach kurzem Disput Handschellen angelegt und ihn gezwungen, sich auf den Boden zu legen. Warum, das wisse er bis heute nicht. „Jedenfalls war ich wütend auf die Polizei, ich war wütend auf Weiße im Allgemeinen.“ Nur führe Wut allein eben zu nichts. Genauso wenig, wie ein Gerichtsprozess allein zu einem Umdenken führe.

Welchen Prozess er meint, braucht der Geistliche nicht zu erklären. Seit drei Wochen steht Derek Chauvin, der Beamte, der sein Knie acht Minuten und 46 Sekunden lang in den Nacken George Floyds drückte, in Minneapolis vor Gericht. Heute beginnt die Verhandlung, nachdem es bisher darum gegangen war, die Jury auszuwählen, die zwölf Geschworenen, die über Schuld oder Unschuld zu befinden haben. Das Hennepin County Courthouse, ein Betonklotz im Stadtzentrum, gleicht einer hermetisch abgeriegelten Festung. Betonbarrieren, Zäune mit Stacheldraht und dahinter Soldaten der Nationalgarde neben gepanzerten Fahrzeugen, deren Wüstenfarbenanstrich an den Krieg im Irak erinnert. Die Anklage lautet auf Mord zweiten und dritten Grades sowie auf Totschlag.

Curtis Farrar macht keinen Hehl aus seiner Skepsis. Zum einen glaubt er nicht recht an einen Schuldspruch. Zum anderen glaubt er, dass ein Urteil gegen Chauvin noch längst nicht bedeutet, dass sich Grundlegendes ändert und Afroamerikaner nicht mehr schneller als andere ins Visier der Polizei geraten. „Der Wandel muss aus den Herzen kommen. Wenn sich in den Herzen nichts ändert, ist er nicht von Dauer“, sagt der Pfarrer. Eines mache ihm allerdings Hoffnung: Dass nach Floyds Tod nicht nur schwarze Amerikaner auf die Straße gingen, sondern auch sehr, sehr viele weiße. „Und davon hat die ganze Welt Notiz genommen.“

An der Straßenkreuzung vorm Cup Foods, inzwischen nur noch George Floyd Square genannt, sind Weiße sogar in der Überzahl. Viele wollen reden, über große Themen diskutieren, von Polizeireformen bis hin zur De-facto-Teilung amerikanischer Metropolen in „weiße“ und „schwarze“ Wohngebiete, wie sie selbst in linksliberalen Hochburgen noch immer ziemlich ausgeprägt ist. Die Gegend um die Kreuzung ist vieles in einem, Mahnmal, Begegnungsort, Autonomie-Experiment und Problemzone.

Kenydra Ogunnaike und Sean Smith sind mit ihren drei Töchtern gekommen, um Floyds zu gedenken. Sie Erzieherin, er Lastwagenfahrer, die Familie lebt in St. Louis. Beide bereiten sich innerlich darauf vor, dass Chauvin am Ende triumphiert. „Wir rechnen mit dem Schlimmsten, um dann nicht enttäuscht zu werden.“ Das Schlimmste wäre ein Freispruch, der womöglich schwere Unruhen auslösen würde, nicht nur in Minneapolis. Und der Film? Das Handyvideo, das alles dokumentiert? Hat es nicht eine solche Beweiskraft, dass ein Freispruch gar nicht infrage kommt? Smith antwortet mit einer Gegenfrage: „Wie war das bei Rodney King?“ 1991 prügelten vier weiße Polizisten den 25 Jahre alten Afroamerikaner mit Schlagstöcken fast zu Tode, nachdem sie ihn nach einer wilden Verfolgungsjagd durch Los Angeles gestoppt hatten. Ein Amateurfilmer nahm die Szene auf Video auf, eine Jury entschied in allen vier Fällen auf nicht schuldig.

Auch Smith hat allzu oft am eigenen Leib erfahren, was Diskriminierung bedeutet. In St. Louis, wo die Nachbarn seines Viertels meist helle Haut haben, wurde er vor Jahren, am Lenkrad seines Autos, von einer Polizeistreife angehalten, ohne ersichtlichen Grund. Was er hier zu suchen habe, wurde er gefragt. Worauf er erwiderte, dass er hier wohne. Zwei Freunde, die mit ihm im Wagen saßen, wollten den Grund für die Kontrolle wissen. „Ehe ich noch ein Wort sagen konnte, hieß es, raus, hinlegen, Hände in den Nacken. Und dann lagen wir auch schon auf der Straße, wo vier Männer mit Knüppeln auf uns einschlugen.“ „Das Vergehen? Schwarz zu sein und Auto zu fahren, noch dazu im falschen Bezirk“, kommentiert Kenydra Ogunnaike das Kapitel. Nicht etwa aufgebracht, sondern so, als würde sie nüchtern und zugleich resigniert einen Fakt konstatieren.

Rodney King, die Schikane in St. Louis und eine Reihe von Grabsteinen, das alles lässt Sean Smith sagen, dass er sich im Fall Chauvin keinen Illusionen hingibt. Die Grabsteine haben sie eben besucht. 133 Tafeln, aus Styroporplatten geschnitten, sieben lange Reihen auf einer Wiese, nicht weit vom Cup Foods. Es beginnt mit Emmett Till, dem lebenslustigen schwarzen Teenager aus Chicago, der im Sommer 1955 zu Verwandten in Mississippi fuhr. Weil er beim Anblick einer attraktiven weißen Frau bewundernd gepfiffen haben soll, wurde er grausam gelyncht. Die Mörder kamen ungestraft davon. Alle anderen, deren Namen auf den Grabsteinen stehen, fielen Polizistenschüssen zum Opfer, obwohl sie unbewaffnet waren. Jeder Kriminelle würde selbstverständlich verurteilt, wenn es so eindeutige Belege gebe wie das Video, das Chauvin mit dem Knie auf Floyds Hals zeige, sagt Smith, bevor er sich verabschiedet. „Bloß für die Polizei gilt das nicht. Was du mit deinen eigenen Augen siehst, ist dann angeblich nie die volle Wahrheit.“

An der Autonomiezone, am „Freistaat George Floyds“, wie auf Postern zu lesen ist, scheiden sich die Geister. Die Rede ist von einem Quadrat aus Häuserblöcken, das an allen Seiten abgesperrt ist. Aktivisten kontrollieren die Zufahrten. Nur wenn sie die Eisengitter beiseite ziehen, die neben Betonhindernissen die Checkpoints markieren, dürfen Autofahrer passieren. Erklärtes Ziel ist es, Polizisten möglichst fernzuhalten. Was ohne sie geregelt werden kann, wird ohne sie geregelt, so geht zumindest die Theorie. Luke Callen, ein junger Weißer, ein Freiwilliger, der einen der Kontrollpunkte bewacht, begründet es mit der Eskalationsgefahr, die immer dann bestehe, wenn die Polizei eingreife. Der amerikanische Polizeibeamte von heute, spitzt er es zu, verhalte sich, als wäre es sein gottgegebenes Recht, andere Menschen zu töten. Für nichts anderes steht die weitgehende Immunität, die ihn vor Strafverfolgung schütze. Auch deshalb sei das Verfahren gegen Chauvin symbolisch so wichtig, denn es müsse eine Wende einleiten.

Die Sozialarbeiterin Monica Nilsson, 54, hat keine Freude mehr an dem Autonomie-Experiment, sie hält es für gescheitert. In einem Leserbrief an die Zeitung „Minneapolis Star-Tribune“ hat sie sich ihren Frust von der Seele geschrieben. Sie lebe gern in dem Stadtteil, inmitten von Nachbarn mit unterschiedlichen Hautfarben, Lebenserfahrungen, religiösen Überzeugungen. Doch sie wisse auch, dass ein Fünftel der Nachbarn vergangenes Jahr weggezogen sei und dass ein weiteres Fünftel den Umzug plane. Nachts fielen oft Schüsse, und nun könne man sich nicht mehr darauf verlassen, dass die Polizei auf einen Notruf reagiere.

Am Samstag vor drei Wochen, es war der Anlass für Nilssons sorgenvollen Brief, wurde ein 30 Jahre alter Freiwilliger bei einem Streit in der autonomen Zone erschossen. Anwohner fuhren ihn nicht nur ins Krankenhaus, wo nur noch sein Tod festgestellt werden konnte, sie sammelten am Tatort auch die Patronenhülsen ein. Das Minneapolis Police Department, erst später verständigt, blieb außen vor. „Revolution am Tage, Rückschritt in der Dunkelheit“, fasst Monica Nilsson zusammen, was sie derzeit in ihrer Wohngegend erlebt.