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Neuerscheinung
Greg erwischt es diesmal eiskalt

Greg (links) mit Baby Gibson und Freund Rupert im tapferen Abwehrkampf gegen die Jungs von der unteren Silver Street.
Greg (links) mit Baby Gibson und Freund Rupert im tapferen Abwehrkampf gegen die Jungs von der unteren Silver Street. FOTO: Gregs Tagebuch
Von der derzeit berühmtesten Comicfigur ist ein neues Tagebuch erschienen – das 13. schon! Und natürlich gibt es wieder Probleme.

Selbstverständlich ist Greg ein Philosoph. Also ein recht kleiner noch, aber immerhin. Und wer das immer noch nicht glaubt, sollte doch bitte in sein neues Tagebuch – es ist das 13. – mal ganz hinten reinschauen und dann das lesen: „Und wenn ich eins über mich gelernt habe, dann, dass ich einfach nicht der HELDENHAFTE Typ bin. Glaubt mir, ich finde es gut, dass solche Menschen existieren, aber die Welt braucht auch Leute wie MICH.“

Das stimmt. Und das ist dann nicht nur die platte Solidarität mit einer der berühmtesten Comicfiguren weltweit, sondern eben auch ein Stück Selbsterkenntnis. Schließlich laufen alle Bücher auf diese unglaubliche Lebensklugheit hinaus: Wir sind alle Greg! Wobei von dieser Einsicht ganz besonders Jungen heimgesucht werden, die eben nicht gerade zu den Leseratten zählen, doch ausgerechnet dank Greg massenhaft mit Büchern in Kontakt kommen. Das darf in Anbetracht der nicht gerade mickrigen Fangemeinde hoffnungsvoll stimmen: Bisher verkaufte sich die Tagebuch-Reihe weltweit mehr als 200 Millionen Mal; allein hierzulande zählt die Gesamtauflage 18 Millionen Exemplare, was den Verlag ermunterte, bei „Eiskalt erwischt“ mit einer erneut rekordverdächtigen Auflage von 600.000 Exemplaren an den Start zu gehen.

Dass Gregs Schöpfer, der 47-jährige Jeff Kinney, der in dem Nest Plainville irgendwo in Massachusetts lebt, auch noch einen Buchladen betreibt, ist bei diesem Erfolg natürlich ein Witz. Oder so eine PR-Nummer. Oder vielleicht auch die verrückte Wahrheit, was wiederum die Vaterschaft von Greg beglaubigen würde.

Worum es im 13. Tagebuch geht? Wie immer um recht wenig. Und das ist schon freundlich formuliert. Denn eigentlich passiert – seien wir ehrlich – fast nichts! Und das aus Prinzip: So wird Greg partout nicht älter und sein zeichnerisch winzig geratener Bruder Manni schon gar nicht. Außerdem hat Greg wie auch alle seine Freunde kein Smartphone. Irgendwie ist das eine skurrile Zeitblase. Und doch ist seine Welt unsere. Gregs kleine Sorgen sind die vielen kleinen Sorgen der Jungs in seinem Alter (was die Probleme natürlich nicht undramatischer macht); Gregs Überlegungen sind ihre Überlegungen, sein Schulweg ihr Schulweg, seine unerschütterlich pädagogische Mutter immer auch ihre Mutter. So harmlos, so bedrohlich, so alltäglich, so lebensnah.

Diesmal schneit es. Kann ja auch mal passieren. Das Dumme ist bloß, dass der Schulweg von Greg und seinem besten Kumpel Rupert auch durch die untere Silver Street führt, und dort wohnen die nicht zimperlichen „Doppelhauskinder“. Das ist kein Zuckerschlecken, und in eisigen Winterzeiten erst recht nicht. Zumal auch noch der Schneepflug in der Straße stecken geblieben ist und jetzt die pure Anarchie herrscht.

Ein klassischer Überlebenskampf beginnt, so hart, wie er eben nur unter Jungs in der Silver Street geführt werden kann – also mit Schneebällen. Wer das bestehen will, schaut darum besser bei Mitchell Pickett vorbei, der in seinem Schuppen einen unglaublichen Vorrat an winterlichen Kampfmitteln gesammelt hat und diese verkauft. Schneeballschleudern stehen ziemlich hoch im Kurs, noch höher nur die gefürchteten Matschkernbälle. Greg hat keine Ahnung, wie Mitchell das hinbekommt; jedenfalls sind sie fünfmal so teuer wie herkömmliche Schneebälle.

Dieser Mitchell Pickett wird am Ende – man ahnt es schon – der große Schneeballkriegs-Gewinnler sein und sich von all dem Geld sogar ein echtes Schneemobil leisten können.

 Herzlose Welt. Und besonders herzlos ist sie wie immer gegen Greg, der schon daheim genug Sorgen hat. Ein schulfreier Schneetag gestaltet sich nämlich gar nicht so toll wie erhofft. Weil Mom nämlich die Batterien aus der Fernbedienung genommen und versteckt hat, die man nur finden kann, wenn man für jede Batterie ein Arbeit erledigt. Etwa die Spülmaschine ausräumen oder das untere Bad putzen. Und dann hat die Fernbedienung auch noch vier Batterien!

Vielleicht lieben alle Greg, weil er so stinknormal ist. Ein Allerweltsjunge. Und selbst die Ästhetik des Comic-Romans ist schlicht. Die Figuren sind wie immer simpel gezeichnet, nur mit ein paar Strichen skizziert. Selbstverständlich alles im selbstgenügsamen Schwarz-Weiß, als wäre jeder noch so kleine Farbklecks eine unverzeihliche Greg-Lästerung! Diese Kargheit ist das Markenzeichen, wobei das scheinbar Amateurhafte mit großer Professionalität erzielt wird. Jeff Kinney ist nämlich von Hause aus ein Spieledesigner, der weiß, was auch optisch bei seiner Kundschaft ankommt.

Doch alles wäre nichts ohne die große Botschaft des Überlebenskünstlers Greg, die auch im 13. Tagebuch nicht fehlt: „Wenn es in 500 Millionen Jahren noch Menschen auf der Erde gibt, dann liegt das daran, dass die Greg Heffleys dieser Welt eine Möglichkeit gefunden haben, alles zu ÜBERLEBEN.“ Sogar die Doppelhauskinder von der unteren Silver Street.