„Grenzgänger: Mittsommertage in Lothringen“ – Eine kleine Liebe auf dem Schlachtfeld

Literaturkolumne : „Grenzgänger: Mittsommertage in Lothringen“ – Eine kleine Liebe auf dem Schlachtfeld

Es ist eine heitere Novelle, die sich großen, schweren Themen widmet. Der Schweizer Münsterverlag hat das jüngste Werk des in Trier geborenen und nun in Frankfurt lebenden Autors Peter-Claus Burens für den deutschen Buchpreis 2019 nominiert.

In „Grenzgänger: Mittsommertage in Lothringen“ beschreibt Burens wie sich im nahen Lothringen eine Romanze zwischen zwei Menschen entspinnt, die verschiedener kaum sein könnten. Sie 29, Marketingassistentin bei einem Schweizer Kunstbuchverlag, hübsch und hip trampt durch Frankreich, weil sie sich für moderne Kirchenfenster begeistert. Imi Knoebel in Reims, Chagall in Metz.

Er ist 20 Jahre älter, kahlköpfig mit Nickelbrille, ein angesehener deutscher Literaturgeograph auf dem Weg zu einem Historiker-Kongress in Verdun, wo er als Gastredner erwartet wird. Er nimmt die Tramperin mit. In sein Bett. Und auf eine Reise durch die Vergangenheit des deutsch-französischen Grenzgebiets, dessen viele Soldatenfriedhöfe bis heute davon zeugen, wie heftig hier immer wieder gekämpft wurde. Auf den Spuren Fontanes, der 1870 als Kriegsberichterstatter in der Region war (und dessen 200. Geburtstag 2019 gefeiert wird), erkunden die beiden die Schlachtfelder rund um Metz – und lernen dabei so manches über sich selbst. ­Die Novelle unternimmt – so beschreibt es der Autor selbst – den Versuch, die bewusst namenlosen Protagonisten „in den Kontext einer mitteleuropäischen Kultur- und Naturlandschaft zu stellen“. Ein Ansatz, der ebenso ungewöhnlich wie reizvoll ist. Nicht nur für Menschen, die selbst in der Großregion leben und jene Orte, die Burens gekonnt beschreibt, kennen könnten.

Erstens, weil die Novelle daran erinnert, dass der Frieden, den Europa gebracht hat, keineswegs selbstverständlich ist. Zweitens, weil es überrascht, zu erfahren, wie eng Geographie und Geschichte zusammenhängen. Am Beispiel Kastel-Staadts im Kreis Trier-Saarburg, wo der Schriftsteller Arno Schmidt den dritten Weltkrieg spielen lässt, beschreibt Burens, wie sich Natur- und Kulturräume aneinander reiben. Kastel sei einer jener Orte, wo die lothringische Schichtstufenlandschaft schlagartig an den ersten Erhebungen des rheinischen Schiefergebirges ende. Ein durch tektonische Kräfte gehobenes Band aus Sandstein trenne dort das fruchtbare Lothringen vom waldreichen deutschen Mittelgebirge – „ein dramatischer Schauplatz von Natur, Kultur und Politik“. Auch zeigt Burens, wie die Côtes de Moselle, eine Schichtstufe bei Saint-Privat, kriegsentscheidend wurde: „Man muss ziemlich bekloppt sein, um bei einer seitlich gekippten Tischplatte den Angriff von unten zu wagen“. Tausende starben.

Trotz der interessanten Verquickung von Liebes-, Natur- und Kulturgeschichte ist die Lektüre kein reiner Genuss. Verlangen die 144 Seiten dem Leser mit all den Ergüssen über transzendente Glasmalereien, geomorphologische Strukturen, über Fontane und die Irrungen und Wirrungen der deutsch-französischen Beziehungen doch so manches ab. Da möchte man der Protagonistin manchmal beipflichten, wenn sie ihrem so ungleichen Liebhaber sagt: „Bla, bla, bla … alles akademischer Quark, was du da von dir gibst.“

Mit großer Sachkenntnis galoppiert der promovierte Historiker Burens durch die verschiedenen Kriege – so ungestüm, dass es weniger geschichtsfeste Leser aus dem Sattel schmeißen könnte. Auch springt er von Fontane zu Chagall, dass man sich fragt, was das eigentlich soll, bis es schließlich aufgelöst wird. Denn am Ende entscheiden ihr Chagall und sein Fontane über das Schicksal des ungleichen Paares. Über zwei Menschen, die sich so kurz und heftig begegnen, dass sich ganz unerwartet völlig unakademische Gänsehaut breitmacht.

Peter C. Burens, Grenzgänger: Mittsommertage in Lothringen, Münsterverlag 2019, 144 Seiten, 19,90 Euro