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Geschichte
Ein Heiligenleben wie ein Abenteuerroman

Die Geschichte des Heiligen Simeon liest sich wie ein Abenteuerroman. Das jedenfalls vermittelt Andreas Heinz aus Auw an der Kyll in seinem kürzlich erschienenen Buch  „St. Simeon in der Porta Nigra zu Trier. Leben, Wunder und Verehrung eines welterfahrenen Eremiten“. Der Kunsthistoriker Richard Hüttel empfiehlt die Lektüre dieses Werks in seinem Gastbeitrag für den TV. Von Richard Hüttel

Geboren um 980 im sizilianischen Syrakus als Sohn griechischer Eltern verbrachte Simeon seine Jugend- und Lernjahre in Konstantinopel, wo sein Vater eine militärische Funktion wahrnahm. Als Pilgerführer hielt er sich danach in Jerusalem und im Heiligen Land auf, schließlich trat er in ein Kloster ein. Er wollte indes ein eremitisches Leben führen, weshalb er in das Katharinenkloster am Fuße des Berges Sinai wechselte, dort, „wo Mose den brennenden Dornbusch sah, der nicht verbrannte.“ (so die Vita Simeons von Eberwin, Abt von St. Martin in Trier). Auf der Suche nach der größtmöglichen Einsamkeit gelangte der Einsiedler schließlich in eine kleine Felshöhle, „über dem Ufer des Roten Meeres“ bzw. später auf dem Gipfel des Berges Sinai.

Ein Freund und Förderer des Sinaiklosters, der normannische Herzog Richard II., lud Simeon in seine Residenz nach Rouen ein, um eine Spende in Empfang zu nehmen. Mit der Reise begann eine entscheidende Wende im Leben von Simeon: Zahlreiche Gefahren musste er überstehen; in Kairo wurde er als christlicher Spion verhaftet, auf der Weiterreise konnte er sein Leben vor Piraten in letzter Sekunde durch einen Sprung vom Schiff in den Nil retten. Mit zahlreichen Pilgern unter dem Anführer Abt Richard von Saint-Vanne zu Verdun machte er sich auf den gefahrvollen Weg durch Kleinasien. Nach strapaziösen Märschen kam er schließlich am 23. August 1026 an sein Ziel – nach Rouen. Dort sollte Simeon die Spende für sein Kloster in Empfang nehmen, aber der Gönner war verstorben und der Nachfolger wollte von der Schenkung nichts wissen.

Glücklicherweise lernte Simeon den Trierer Erzbischof Poppo kennen, der den polyglotten Reiseführer zu einer Wallfahrt ins Heilige Land gewann (wohl um 1027/28). Mit dem hohen Geistlichen besuchte der vielsprachige Cicerone Jerusalem, mit ihm kehrte er zurück nach Trier. Nicht als Einsiedler in die Sinai-Wüste zog es ihn also, vielmehr wurde die Porta Nigra sein neues Eremitorium. Im Ostturm des römischen Stadttores ließ er eine hölzerne Zelle einbauen, versorgt wurde er durch Seilzug und Lebensmittelkorb. In seiner Zelle im kalten Stadttor führte Simeon das entbehrungsreiche Leben eines strengen Asketen. Schwere „Nachstellungen“ des teuflischen Versuchers musste er ertragen, nachts „hörte Symeon nämlich Löwengebrüll, Wolfsgeheul, Schweinegrunzen und heftige Angriffe weiterer wilder Tiere“, so die Lebensbeschreibung von Abt Eberwin, eine der Quellen zur Vita des Heiligen, die Andreas Heinz nun aus dem Lateinischen übersetzt in seinem Buch vorlegt.

Andreas Heinz, bis 2007 Professor für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät Trier, hat mit seinen Übersetzungen und Kommentaren ein ungemein farbiges Panorama eines mittelalterlichen Heiligen geschaffen. Der Eremit, der sich in die Porta Nigra einschließen ließ, blieb ein Außenseiter, den die Bewohner der Stadt nach einer Überschwemmung der Mosel zum Sündenbock stempeln, ja sogar bedrohen.

Nach seinem Tode  am 1. Juni 1035 allerdings ändert sich das fundamental: „Viel Volk“ stieg in die Zelle Simeons, in der er sich begraben ließ und in der sich schon bald die ersten Wunder ereigneten. Ob die Heilung einer alten Frau mit verkrümmtem Rücken oder eines an der Wassersucht erkrankten Knaben; zahllose Besucher der Todeszelle Simeons wurden von ihren Leiden befreit.

Professor Heinz stellt in seinem Buch die Berichte über die „Mirakel“ ausführlich dar, die die Voraussetzung der schnellen Heiligsprechung waren. Erzbischof Poppo betrieb die Kanonisation noch zu seinen Lebzeiten (er starb 1047).

Das römische Nordtor, die Porta Nigra mit der Grabzelle Simeons, in der so viele Kranke Heilung fanden, wurde zu einer Kirche. Neben der Ober- und der Unterkirche entstand für das Kollegiatstift St. Simeon auch ein Doppelkreuzgang, ein singulärer Bau der Architekturgeschichte des Mittelalters.

Wir verdanken dem Simeonkult auch Reliquiare, Pilgerandenken und ein bedeutendes Marmorgrabmal, das merkwürdigerweise bisher in Trier keine Beachtung gefunden hat. All das wird im Buch von Andreas Heinz zum Teil  erstmals gewürdigt.

Der Liturgiewissenschaftler vermittelt ein umfassendes Bild der Kultgeschichte und Kultverbreitung des Heiligen, er lotet die Tiefen des orientalischen Eremitentums genauso gründlich aus wie die des mittelalterlichen Pilgerwesens nach Palästina, er versteht Erinnerungsstücke und Sachreliquien des Heiligen anschaulich zu machen. Der Leser erfährt auch etwas über die Mütze, das Bußkleid und den Schuh Simeons.

Andreas Heinz macht Lust, das weite Feld einer abenteuerlichen Vita aus dem Mittelalter zu erkunden, wenn nicht im Orient, so doch vielleicht in der Stadt, dem Erzbistum oder der Kirchenprovinz Trier!

Richard Hüttel

Andreas Heinz, St. Simeon in der Porta Nigra zu Trier. Leben, Wunder und Verehrung eines welterfahrenen Eremiten. Geschichte und Kultur des Trierer Landes Band 16, Verlag Kliomedia Trier 2018. 359 Seiten, 48 Euro.  

Cover Buch über St. Simeon
Cover Buch über St. Simeon FOTO: Verlag Kliomedia Trier