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Heimspiel(er): Bei „Jazz im Brunnenhof“ in Trier geben regionale Künstler den Ton an

Kultur : Heimspiel(er): Bei „Jazz im Brunnenhof“ in Trier geben regionale Künstler den Ton an

In der vorletzten Ausgabe vom „Jazz im Brunnenhof“ in Trier geben regionale Künstler den Ton an.

Sieht ganz so aus, als hätten – ausgerechnet – heimische Jazzer den nicht enden wollenden Sommer weggeblasen, getrommelt und gezupft. Nils Thoma, Mit-Organisator der „Brunnenhof“-Reihe, Saxophonist und Leiter seiner „Ad-hoc“-Bande, wurde jedenfalls nicht müde, das knapp 300-köpfige Publikum darauf hinzuweisen, den Abend zu genießen, denn ab morgen werde es regnen. Womit er übrigens recht hatte – wenn es also mit der Karriere als Musiker mal nicht mehr so recht klappen sollte, könnte er auch als Wetterfrosch seine Fliegen, pardon, sein Geld verdienen.

„Ad hoc“ bestreitet den ersten Teil dieses Regionalabends, der vorletzten Veranstaltung dieser von hochsommerlichen Temperaturen gesegneten Reihe. „Ad hoc“ – der Name ist Programm, bedeutet er doch absolute Freiheit im Zusammenspiel, aus dem Bauch und dem Moment heraus (na ja, schon mit einigen Absprachen, selbst Free Jazz ist nicht so anarchisch).

Geboten wird eine Mischung aus Eigenkompositionen von Thoma sowie Klassikern von Mike Manieri, dem US-Vibraphonisten und Fusion-Musiker, oder dem Saxophon-Kollegen Paquito d’Rivera, von dem „Ad hoc“ die „Polit“-Komposition „Gdansk“, gewidmet dem polnischen Gewerkschaftsführer und Politiker Lech Walesa, im Programm hatte.

Wobei das mit den Titeln und den dazugehörigen Tönen immer so eine Sache ist. Beim „Bissigen Welpen unterm Weihnachtsbaum“, eine Komposition inspiriert von der US-Jazz-Fusion-Band „Snarky Puppy“, mögen Thomas flirrendes, kraftvolles Saxophonspiel und die Stakkato-Läufe und harten Cluster von Sacha Heck auf dem Flügel ja noch die gewünschten Assoziationen bei den Zuhörern wecken.

Aber bei der Rachearie „Gartenzwerg never dies“, Thomas persönliche Abrechnung mit einem Nazi-Lehrer auf seinem Gymnasium, oder „Lokus n. a.“ (zu Deutsch: weit und breit kein Klo) mag der Zuhörer ruhig denken, was er will. Da wird die Melodie nicht zur bildhaften Programmmusik, das sind vielmehr musikalische Schnappschüsse, bei denen frei assoziiert werden darf – irgendwie passt’s dann schon.

Richtig besinnlich und einfühlsam wird es dann bei den Balladen, etwa „No woman, no spy“ (hallo, Bob Marley!), einer sehr sinnlichen Komposition, bei der vor allem der Posaunist Andreas Haller mit sanftem, weichem Ton zu glänzen versteht.

Bei all dem bleiben der Schlagzeuger Christoph Biel und der Bassist Silvain Schrantz als verlässliche Rhythmusarbeiter eher im Hintergrund.

Und dann kommt Ruby, my Dear (obwohl Thelonious Monk vermutlich nicht an seinen Pianistenkollegen aus der Eifel gedacht hatte, als er diesen Song komponierte). Georg Ruby und seine „Village Zone“ bilden das Skelett allen Jazzes: Klavier, Bass, Schlagzeug. Aber was der Pianist, Stephan Goldbach (Bass) und Daniel Weber (Schlagzeug) allein mit dieser dürren Stützstruktur der Musik an Klängen hervorzuzaubern verstehen, ist  fulminant.

So atomisiert Ruby etwa Klassiker wie „There is no greater Love“, „Les Feuilles mortes“ (der bei ihm, warum auch immer, „Lena Lena“ heißt) oder die Filmmusik zu dem deutschen Nachkriegsdrama „Und über uns der Himmel“ in kleinste Bestandteile, um sie neu zusammenzupuzzeln. In den Elementarteilchen von Rubys Tonbaukasten erkennt man tatsächlich mitunter, wenn auch nur wie aus weiter Ferne, Motive des Ursprungssongs – vertraute Klangfetzen, die sofort wieder von Läufen, Clustern, Akkordbrechungen vertrieben werden. Im Grunde genommen nimmt der Pianist die Vorlagen nur als flüchtiges Stichwort, um darum seine eigenen Gedanken zu entwickeln und auszubreiten. Unterstützt wird er dabei von dem großartigen Bassisten Stephan Goldbach, der seinem mannshohen Instrument mit Hilfe von Fingern, Handfläche und Bogen erstaunliche und unerhörte Töne entlockt, und dem ebenso wunderbaren Schlagzeuger Daniel Weber, der seine Trommeln und Becken nicht nur zum Taktschlagen benutzt, sondern sie mit Sticks, Besen, Plastikschläuchen und Tüchern geradezu zum Singen bringt. Als „special guest star“ hat Ruby einen Studenten von der Musikhochschule Saarbrücken eingeladen: Vincent Pinn. Der junge Trompeter und Flügelhornist spielt sich trotz anfänglicher Nervosität rasch ein und kann, etwa bei der schwindelerregenden Up-Tempo-Nummer „158“, mit den altgedienten Kollegen ziemlich locker und ganz schön professionell Schritt halten.