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Hermann Lewen im TV Interview

Kultur-Interview : „Kultur ist unser Kapital“

Hermann Lewen zu den Chancen und Risiken für die Kultur in und nach Corona.

Er hat alles erreicht, was ein Konzertveranstalter erreichen kann. Bis zu seinem altersbedingten Ausscheiden im Jahr 2017 hat Hermann Lewen vor allem in seinem „Mosel Musikfestival“ die Idee einer zugleich populären, touristenfreundlichen und doch hochrangigen Veranstaltungsreihe perfekt umgesetzt und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. „Er hat das Kunststück vollbracht, seinem Festival Exklusivität mitzugeben und es trotzdem ins Musikleben der Region einzubinden“, heißt es in einer Laudatio. Mittlerweile hat sich Lewen vom engagierten Akteur zum aufmerksamen Beobachter des Kulturlebens entwickelt. TV-Mitarbeiter Martin Möller sprach mit ihm über die Chancen und Gefahren einer Kultur in und nach Corona.

Herr Lewen, Sie haben einen Lehrauftrag an der Universität Luxemburg. Was vermitteln Sie dort den Studenten?

Hermann Lewen: Nun, es ist ein Seminar für Kulturmanagement, und ich vermittle den Studenten vor allem meine praktischen Erfahrungen aus 30 Jahren als Veranstalter. Kulturmanager hat es vor 30 Jahren als Beruf gar nicht gegeben. Heute ist das völlig anders. Aber Hochschulen und Universitäten vermitteln überwiegend die Theorie. Mir geht es um die Praxis. Wie werden wissenschaftliche Erkenntnisse umgesetzt? Wie reagiert der Markt? Da geht es nicht nur um das, was auf der Bühne oder im Orchestergraben passiert. Kulturpraxis zu lehren ist eine spannende Angelegenheit – ich erlebe das immer wieder im Gespräch mit meinen Studenten. Sie bewegen sich anfangs auf einem Feld, das ihnen oft völlig unbekannt ist – der Beziehung zum Publikum.

Aber das ist sicherlich nicht das einzige Feld, auf dem Sie aktiv sind?

Lewen: Wir machen in Luxemburg im Lehrbetrieb leider eine Pause. Aber man macht sich als Dozent auch selber Gedanken – wie würdest du die Dinge jetzt sehen? Welche Position würdest du in der aktuellen Kulturdiskussion einnehmen aus deiner 30-jährigen Erfahrung heraus? Da muss ich einen Ansatz finden – egal wer mich dann fragt. Ich bin ja auch außerhalb der Region beratend tätig. Und ich überlege: Was rätst du den Leuten, die dich fragen? Und das gerade in der aktuellen Corona-Krise.

Krisen können zu verstärkter Kreativität anregen und bisweilen dazu zwingen. Aber sie können auch Hinweise sein auf längst bestehende Probleme. Wo sehen Sie jetzt im Musikleben der Region neue Initiativen und neue Ideen?

Lewen: Bislang hat sich in der Trierer Region das Musikleben auf zwei Ebenen abgespielt – auf der ersten Ebene des professionellen Theaters und des professionellen Berufsorchesters und der freien Szene für die traditionelle Spielzeit vom Herbst bis in den Frühsommer, auf den zweiten Ebene die Entwicklung der Festival-Landschaft für den Sommer und Herbst, also in der Zeit, in der Theater und Orchester ihre Sommerpause hatten. Wir als Vertreter der zweiten Ebene wurden – ich muss es so sagen – anfangs naserümpfend als Exoten angesehen. Aber schon vor Corona hat sich der Markt zugunsten dieser zweiten Ebene verändert. Und nach Corona wird er sich weiter verändern.

Und wo tun sich alte Probleme auf, die durch Corona deutlicher werden? 

Lewen: Es ist schon so, dass man als Kulturmacher und Kulturkonsument oft noch in alten Strukturen lebt und sich da auch recht wohl fühlt. Da zwingt uns Corona, kreativ neue Formen von Theater und Konzerten zu finden. Man hat es vergangenen Sommer schon gemerkt: Es müssen alternative Spielstätten genutzt und alternative Formate entwickelt werden. Das Mosel-Musikfestival hat es unter Leitung meines Nachfolgers Tobias Scharfenberger so gemacht. Da ist es zu ungewöhnlichen und spannenden neuen Konzertformen gekommen. Theater- und Konzertveranstalter sind aus ihren Häusern gekommen, und haben entdeckt, wie wunderbar beispielweise die Musik im Trierer Brunnenhof klingt.

Sie sagten einmal, das Musikleben in der Region sei für die Zukunft schlecht vorbereitet. Was haben Sie damit gemeint?

Lewen: Wir müssen uns jetzt mit Corona in der Kultur auf Punkt null setzen und überlegen: Welche Kultur brauchen wir neben der bestehenden für die nächsten Jahre? Wo können wir als Veranstalter neben der vorhandenen Infrastruktur neue Spielstätten belegen? Zum Beispiel das Trierer Amphitheater. Anders als in Verona gibt es in Trier keine Plätze auf den Rängen. Was bedeutet, dass das Amphitheater nicht für Konzerte und Opernvorstellungen genutzt werden kann. Ich bedaure sehr, dass man bei der Planung der Landesgartenschau 2004 meinen damaligen Vorschlag, ein neues Amphitheater zu bauen, rundweg abgelehnt hat. In Xanten hat man den Nachbau eines Amphitheaters realisiert, und der wird vom Publikum angenommen. Darüber müssen wir uns auch in Trier wieder Gedanken machen. Das Amphitheater müsste wetterfest gemacht werden, damit Musiker und Publikum im Trockenen sitzen können. Und generell müsste man ein Brainstorming machen, da müsste man spinnen dürfen und vielleicht auch provozieren bei der Frage nach neuen Spielstätten.

Dann fragen wir doch einmal nach. Stichwort Antikenfestspiele. Warum sind die gescheitert?

Lewen: Neben den Nibelungen-Festspielen in Worms könnten die Antikenfestspiele Trier heute ein kultureller Leuchtturm über Rheinland-Pfalz hinaus sein. Sie sind an zwei Dingen gescheitert. Man hat den volkswirtschaftlichen Wert der Festspiele in der Touristenstadt Trier nicht oder nicht ausreichend bedacht. Die Festspiele galten als Luxusprojekt des damaligen Theaterintendanten Heinz Lukas-Kindermann und von ein paar Verrückten. Nur wenige haben erkannt, dass dieses Projekt viel mehr war als nur der Ego-Trip einiger Theaterleute. Ohne die Arena wäre Verona eine unbedeutende Kleinstadt und ohne die Festspiele wäre es bei Bregenz genauso. Daran sieht man, wie volkswirtschaftlich wichtig die Kultur ist. Wir müssen aus dem Scheitern der Antikenfestspiele lernen und stärker auf den wirtschaftlichen Aspekt der Kultur aufmerksam machen – gerade in unserer Region. Kultur ist unser Kapital. Allein haben wir im Mosel Musikfestival rund 80 Spielstätten aktiviert. Heute, in Zeiten von Corona, könnten wir froh sein, dass solche Spielstätten zur Verfügung stehen. Ganz allgemein sind in der aktuellen Situation unkonventionelle Lösungen notwendig. Zum Beispiel das Trierer Mosel-Stadion mit 2500 Sitzplätzen. Davon sind 1500 überdacht. Die Fußball-Saison schließt ungefähr Ende Mai und beginnt wieder Anfang September. 1500 Plätze sind wetterfest eingebaut. Da ist es egal, ob da drin Fußball stattfindet, oder ein anspruchsvolles Konzert. Das könnte man für die Kultur nutzen. Die andere Frage, die man sich stellen muss: Es gibt wunderbare Plätze in der Region und herrliche Innenhöfe. Ließen sich die nicht temporär überdachen, damit Konzerte auch bei ungünstiger Witterung stattfinden können! Zudem fühlen sich Besucher und Künstler gerade in diesen Zeiten sicherer im Freien als in geschlossenen Räumen.

 Und wenn jetzt jemand kommt und sagt: Wir planen ein Kulturprojekt, Herr Lewen, helfen Sie uns. Wo würden Sie zuerst anpacken?

Lewen: Wenn das gewünscht wird, werde ich gerne aus meiner Erfahren beratend zur Seite stehen. Das ist keine Frage und auch für mich wichtig. Nach 30 Jahren intensiver Tätigkeit als Veranstalter kann man die Emotionen nicht einfach abstellen. Ich bin auch an meinem Wohnort im Kloster Machern kulturell aktiv. Ich verstehe mich dabei nicht als Konkurrenz, sondern als Vermittler von Anregungen und neuen Projekten. Ich werde in Kürze ein kulturelles Ideenprojekt auf den Weg bringen, da geht es um Orgellandschaften. Und ich bin gespannt, wie Besucher und Veranstalter darauf reagieren.