Hexenjagd auf einen Hit:„Baby, it’s cold outside” für manche zum Problem

Gesellschaft : Trotz Kälte besser nach Hause gehen?

Hexenjagd auf einen Hit: 70 Jahre nach seiner Entstehung wird „Baby, it’s cold outside” für manche zum Problem.

Sammy Davis Jr. hat es mit Carmen McRae gemacht. Ray Charles mit Betty Carter. Rock Hudson – ausgerechnet! – mit Mae West. Rod Stewart war mit Dolly Parton zusammen, und selbst die Jazzmusiker Jimmy Smith und Wes Montgomery hatten keine Scheu, es zu tun. Das fällt ihnen jetzt mit einem mächtigen Bums vor die Füße – beziehungsweise mitten auf den Rist. Die Rede ist von einem Song, der 74 Jahre nach seiner Entstehung und 69 nach seiner Oscar-Auszeichnung neuerdings für einen Aufschrei der Empörung sorgt: „Baby, it’s cold outside“ von Frank Loesser (der TV berichtete).

Es geht darum, dass ein junger Mann eine ebenso junge Frau dazu überredet, bei ihm zu übernachten, weil man bei den Außentemperaturen keinen Hund vor die Tür schickt. Im Grunde also eine sehr altruistische Angelegenheit. Wenn es denn nur die Nächstenliebe wäre, die den Jüngling antreibt. Das Thema ist so alt wie die Menschheit und kommt in – grob geschätzt – 90 Prozent aller Popsongs zur Sprache: Sex und wie man ihn kriegen kann. Zugegeben, da gibt es sicherlich unfeine Methoden, und wer die anwendet, kriegt natürlich eins auf die Finger oder woandershin. Aber einen Evergreen im Nachhinein aus den Sendelisten zu streichen, wie es diverse amerikanische Radiostationen in diesem Winter gemacht haben, weil er reich an Zweideutigkeiten ist, grenzt nun doch ein wenig, Verzeihung, an Hysterie.

Darum geht’s: Um sein Ziel zu erreichen, versucht der Mann, das Mädchen beschwipst zu machen, wie man damals sagte. Dessen Reaktion ist unmissverständlich: „I simply must go”, ich muss jetzt wirklich los, denn ansonsten macht Mama sich Sorgen. Der Kerl lässt jedoch nicht locker („Ah, you‘re very pushy you know?“, wirft ihm die Lady vor) und hat schließlich Erfolg: „Okay, ein halbes Gläschen nehme ich noch.“ Worauf der Mann seufzt: „Das hat wirklich ‘ne Menge Überredungskunst gekostet.“ Schlussakkord.

Dieser Song war mal einfach nur – witzig, nämlich als der Komponist Frank Loesser („Guys and Dolls“) ihn gemeinsam mit seiner Frau Lynn Garland vortrug. „Wer in jenen Jahren zum Showbusiness gehörte und zu einer Party eingeladen wurde, von dem erwarteten der Gastgeber und die anderen Gäste, dass sie irgendetwas zum Besten gaben – einen Sketch, einen Stand-up-Akt oder einen Song“, erinnerte sich die Frau des Komponisten Jahre nach der Uraufführung von „Baby, it’s cold outside“.

1944 sangen sie das Lied zum ersten Mal auf einer Party, zu der sie selbst eingeladen hatten. Eigentlich hatten sie den Song als Rausschmeißer für Gäste geschrieben, die partout nicht nach Hause gehen wollten. Von da an klebte er an ihnen wie Kaugummi; er wurde zum festen Bestandteil einer jeden Gesellschaft, zu der sie eingeladen wurden. „Das Lied hat uns zahllose Abende mit kostenlosem Kaviar und Champagner beschert“, erzählte Mrs. Loesser der „New York Times“. 1948 verkaufte Loesser den Song an MGM, die ihn ein Jahr später in den Film „Neptuns Tochter“ einbauten, was dem Komponisten prompt einen Oscar für den besten Song einbrachte – ganz zu schweigen von den üppig fließenden Tantiemen. Dass der Song vor Erotik knistert, war – abgesehen von der lässig-swingenden Melodie – jahrelang Garant für seinen Erfolg. Doch in der Post-Weinstein-Ära und auf dem Höhepunkt der #MeToo-Debatte schmeckt er einigen plötzlich recht bitter. Wobei natürlich ein gehöriger Schuss Heuchelei dabei ist, denn von seiner Entstehungszeit her betrachtet beschreibt der Text einfach nur ein Spiel mit dem Feuer: In den 1940er Jahren war es einfach nicht schicklich für Frauen, die Nacht mit einem Freund oder Verlobten zu verbringen (wobei es natürlich dauernd geschah), und die Zeile: „Was ist bloß in dem Drink?“ hatte nichts mit K.-O.-Tropfen zu tun, sondern war eine seinerzeit flapsige Redensart: Wenn man in einer bestimmten Situation nicht so reagierte, wie man es von sich (oder anderen) erwartete, lag es eben an etwas zu viel Alkohol.

Alles in allem also: Viel Lärm um nichts. Und wenn man schon dabei ist, einen Song im Nachhinein zu verdammen, dann sollte man konsequenterweise alle Lieder, in denen Love & Drugs & Rock’n’Roll (also Sex) zur Sprache kommen, aus dem Repertoire streichen. Von der Weltliteratur ganz zu schweigen: Faust, dieses Ferkel, fertisiliert eine 14-Jährige; die 13-jährige Julia treibt’s mit ihrem Romeo (oder läuft das unter einvernehmlichem Kindersex?); der Marquis de Sade vernascht kleine Jungs und Mädchen reihenweise – und alle drei Schriften gehören anerkanntermaßen zur Weltliteratur!

Und was die bildende Kunst angeht: Abgesehen von nackten Tatsachen auf unzähligen Leinwänden geht’s noch krasser. Der Franzose Balthus malte minderjährige Mädels in lasziven Haltungen, damit man ihnen unters Röckchen schauen kann; der Fotograf David Hamilton lichtete seine jungen Models in weichgezeichneter Nacktheit ab; Wilhelm von Gloeden  fotografierte nackte Knaben bei neckischem Spaß und Spiel (okay, das ist jetzt eine andere Baustelle). Die ganze Welt, die gesamte Kulturgeschichte – ein einziges Sodom und Gomorrha. Wir sehen: Da wartet noch eine Menge Arbeit auf die Hysteriker der selbsternannten Sittenpolizei. Übrigens: „Baby, it’s cold outside“ gibt es auch in einer deutschen Version: „Baby, es regnet doch.“ An dem haben sich zahlreiche Interpreten hierzulande versucht, unter anderem Heinz Erhardt (mit der Sängerin Renée Franke). Höchste Zeit also, dass die Werke des Komikers aus deutschen Buchhandlungen verschwinden.

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