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Humboldt-Forum eröffnet ein problematisches Museum

Viel Kritik, viele Erklärungsversuche, viele Möglichkeiten : Berliner Humboldt-Forum: Das Problem-Museum

Kaum ist der Streit um das wiederaufgebaute Berliner Stadtschloss in Form des Humboldt-Forums leiser geworden, da bricht eine neue Auseinandersetzung aus. Denn die nun eröffnete ethnologische Abteilung steckt voller problematischer Zusammenhänge und Bezüge.

Ach könnten sich die Besucher nur einfach sattsehen an dem spannend beleuchteten, 16 Meter langen und reich verzierten Südsee-Boot aus dem 19. Jahrhundert. Es gibt auf der ganzen Welt kein zweites, das die seefahrerische Überlegenheit der damaligen Einwohner der Insel Luf (heute: Papua-Neuguinea) zeigt. Ohne einen einzigen Nagel gebaut, ist es hochseetauglich, kreuzt gegen den Wind und widersteht allen Stürmen. Es ist das ideale Beispiel für die Faszination, die andere Kulturen auslösen können. Und deshalb auch eines der 10 000 Exponate, die nun auf 8500 Qua­dratmetern die Ethnologische Sammlung im neuen Humboldt-Forum zu einem Museum von Weltrang machen. Es gibt nur ein Problem: Am Boot klebt Blut.

Nicht wörtlich. Aber es steht für schreckliche Verbrechen des deutschen Kolonialismus. Zwar besetzte das Deutsche Reich als eine der letzten Nationen seinen „Platz an der Sonne“. Doch im brachialen, rücksichtslosen Umgang mit den Einwohnern standen die Vertreter Deutschlands den anderen Nationen in nichts nach. Die winzige Insel Luf nahmen die Kanonen von zwei Kriegsschiffen unter Feuer, unter den Bewohnern richteten die Deutschen, wie der Historiker Götz Aly erforschte, ein Massaker an, schlugen alles kurz und klein, und als die wenigen Überlebenden sich ein neues Boot gebaut hatten, kam dieses „in die Hände“ eines deutschen Kaufmannes, von dem es das Berliner Völkermuseum 1904 ordnungsgemäß erwarb. Lange interessierte keinen, wem die Exponate aus Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien ursprünglich gehörten und wie sie nach Deutschland kamen. Doch inzwischen weiß es die Forschung besser: Vieles ist schlicht und einfach geraubt.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte sich daher schon vor der offiziellen Eröffnung der riesigen Multi-Kulti-Sammlung mit mehreren Expertenrunden im Schloss Bellevue sowie mit Nachfragen bei Museumsleuten, Künstlern und Forschern aus etlichen Ländern sorgsam auf den Festakt vorbereitet.

Restitution heißt das Zauberwort. Das meint allgemein die Wiederherstellung des früheren Zustands und konkret die Rückgabe der geraubten Güter. Beim Boot ist das gar nicht so einfach. Es wurde ins Humboldt-Forum bereits integriert, als es noch im Rohbau war. Denn durch die verbliebenen Maueröffnungen käme es jetzt gar nicht mehr rein – und somit ohne einen Teilabriss des wiederhergestellten Stadtschlosses auch nicht mehr heraus. Da trifft es sich, dass sich Nachfahren der Luf-Bewohner gemeldet haben. Sie interessieren sich zwar für das Erbe ihrer Vorväter und wollen deshalb auch nach Berlin kommen – aber nicht, um „ihr“ Boot wieder mitzunehmen, sondern Maß zu nehmen. Sie wollen in ihrer Heimat eine Kopie bauen. Aly schlug vor, gleich zwei zu machen. Eine zum Vorzeigen – und eine zum Lernen: Wie die Seefahrer damit früher navigieren konnten.

Aber zum Lernen gibt es auch in den ethnologischen Etagen des Humboldt-Forums eine ganze Menge. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, spricht mit Blick auf die Dauer- und die künftigen Wechselausstellungen davon, dass dies alles im Humboldtsch’en Sinne sei: mehr über die Welt zu erfahren und gleichzeitig sich selbst zu reflektieren. Der Bundespräsident kann dem offenbar viel abgewinnen. Er ist nicht nur schon auf den Spuren der Gebrüder Humboldt gereist, er richtet auch in seinem eigenen Amtssitz noch diesen Herbst eine Art Humboldt-Raum ein – mit Porträts Wilhelm und Alexander von Humboldts, mit Gesteinsproben von Forschungsreisen, mit Manuskript- und Buchseiten und mit Humboldts Pracht-Kupferstich „Pflanzengeografie“.

Der Humboldt’sche Ansatz der Aufklärung im Zugang zur Welt und ihrer Vermittlung ist somit die Grundvoraussetzung für ein Gelingen des problematischen Teils des Humboldt-Forums. Und die Offenheit in der Wahrnehmung. Entsprechend haben die Kuratoren Wert auf einen multiperspektivischen Blick gelegt. Dazu gehört auch die Integration der Werke zeitgenössischer Künstler in die historischen Sammlungen – so etwa das Kleid der namibischen Künstlerin Cynthia Schimming mit seiner gewaltigen Schleppe. Die Vergangenheit des Kolonialismus schleppen eben beide Seiten mit sich, Täter und Opfer.

Durch die Kooperation mit Museen aus den betroffenen Regionen schafft das Humboldt-Forum jedenfalls die Voraussetzung für ständige gegenseitige Inspiration bei der musealen Auseinandersetzung mit dem dunklen Kapitel des Kontaktes der Kulturen. Und möglicherweise ergeben sich aus der Rückgabe des Geraubten neue Kooperationen auch in der gemeinsamen Auseinandersetzung mit dem Geschehenen.

„Kulturgüter tragen etwas Verbindendes in sich, das aktiviert werden muss, um seine Wirkung zu entfalten“, erläutert Helen Müller, die Vorsitzende des Kuratoriums Preußischer Kulturbesitz. „Genau darum geht es uns.“ Und so ist auch die Präsentation des Südsee-Bootes unvollständig, so lange die Besucher noch kein Video vom Nachbau sehen und erfahren können, wie die Nachfahren damit zu navigieren lernten. Ein Museum nicht nur mit Problem – sondern auch mit Auftrag.

 Eine Shiva aus Süd-Indien ist im Humboldt Forum ausgestellt. Schätze der Weltkulturen aus Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien sind in der zweiten und dritten Etage des vor wenigen Tagen eröffneten Museum in Berlin zu sehen.
Eine Shiva aus Süd-Indien ist im Humboldt Forum ausgestellt. Schätze der Weltkulturen aus Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien sind in der zweiten und dritten Etage des vor wenigen Tagen eröffneten Museum in Berlin zu sehen. Foto: dpa/Jörg Carstensen

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