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„Ich hoffe, die Leute sind hungrig auf Live-Events“

Interview Sebastian Krumbiegel : „Ich hoffe, die Leute sind hungrig auf Live-Events“

2017 erschien sein Buch „Courage zeigen“. Damit kommt Sebastian Krumbiegel; Frontmann der Band Die Prinzen, am Sonntag, 19. Juli, nach Klausen. Die musikalische Lesung findet als Picknick an der Wallfahrtskirche statt. Im Vorfeld sprachen wir mit dem Künstler über die Corona-Zeit, sein Buch und wie wichtig es eigentlich ist, im Alltag Courage zu zeigen.

Sebastian Krumbiegel ist seit fast 30 Jahren Sänger der deutschsprachigen Pop-Band Die Prinzen. Musikalisch ist er auch solo unterwegs und engagiert sich zudem stark gegen Rechtsextremismus und setzt sich für viele weitere Projekte ein.

Gleich zu Beginn eine unumgängliche Frage: Wie geht es Ihnen in Corona-Zeiten?

SEBASTIAN KRUMBIEGEL Die Prinzen sollten eigentlich den ganzen März und April auf Tour sein. Plötzlich saßen wir rum und hatten nichts mehr zu tun. Dadurch sind aber neue Türen aufgegangen. Seit drei Monaten mache ich den Podcast „kunsttrifftdigital“, der ohne Corona vermutlich nicht zustande gekommen wäre. Wir gehören noch zu den privilegierteren Bands und haben Rücklagen – aber ich kenne viele Künstlerinnen und Künstler, die jetzt Hartz IV beantragen müssen. Für uns – und mich – ist es eine Gelegenheit mal runterzufahren und neue Sachen auszuprobieren. Die Tour wurde auf Herbst 2020 verschoben, aber ob das was wird, werden wir dann sehen.

Um was geht es in dem Podcast denn?

KRUMBIEGEL Ich mache das gemeinsam mit Joël Kaczmarek. Der macht viel in diese Richtung – und ich wusste überhaupt nicht, ob das mein Ding ist. Durch Corona hatte ich aber die Zeit, das auszuprobieren. Inzwischen haben wir rund 15 Episoden aufgezeichnet, einige sind schon erschienen. Darin sprechen wir mit Musiker*innen, Politiker*innen, Sportler*innen und Schauspieler*innen darüber, wie sehr digitale Medien ihr Leben verändern und vieles mehr. Ich lerne jedenfalls immer wieder viel Neues und beschäftige mich mit Dingen, die ich sonst nie auf dem Schirm hatte. Viele der Gesprächspartner*innen sind auch Bekannte von mir, was es leichter gemacht hat, sie für das Projekt zu gewinnen.

Das hat ja vor kurzem schonmal geklappt. Bei Ihrer letzten Solo-Single „Demokratie ist weiblich“ sind im Video ja etliche bekannte Persönlichkeiten zu sehen.

KRUMBIEGEL Ja, das ist auch ein riesiges Privileg, dessen ich mir bewusst bin, dass ich da einfach nur anfragen muss. Klar, da machen auch nicht alle mit, die ich angefragt habe, einige haben auch abgelehnt. Und das Thema an sich ist auch schwierig in einen Popsong zu packen, aber ich bin mit dem Ergebnis zufrieden.

Sie engagieren sich für sehr viele Dinge und haben vor zwei Jahren das Buch „Courage zeigen“ geschrieben. Wie lief das ab?

KRUMBIEGEL Ein weiterer Vorteil meines Künstlerdaseins. Wer hätte je gedacht, dass ich mal Autor werde, das klingt doch viel zu hochtrabend (lacht). Ich mache vieles nach dem „Lustprinzip“, dass ich Dinge tun kann, die ich wirklich machen will. Einiges funktioniert, manches nicht, aber ich freue mich über diese Möglichkeiten, die definitiv nicht jeder hat. So ging es mir auch mit dem Buch. Ich habe immer wieder Fragmente in mein Handy reingetippt. Später habe ich von Freunden noch redaktionelle Tipps bekommen, also was ich weglassen soll oder noch vertiefen könnte.

Worüber schreiben Sie in dem Buch?

KRUMBIEGEL Der Titel ist angelehnt an ein gleichnamiges Festival, das seit gut 20 Jahren in Leipzig veranstaltet wird und sich klar gegen rechts positioniert. Ich habe versucht in dem Buch danach zu suchen, wo es mir nicht gelungen ist, Courage zu zeigen. Wo ich mich beispielweise – ohne es zu wollen oder es so gemeint zu haben – rassistisch geäußert habe oder nicht richtig mit Menschen umgegangen bin. Ich habe also mein Leben sehr selbstkritisch betrachtet, was hier die einzig logische Lösung scheint. Man kann immer mit dem Finger auf andere Leute zeigen, aber damit wird man nichts erreichen. Ich glaube, dass das erst geschieht, wenn man sich selbst auch gründlich hinterfragt.

Ich schreibe über meine Zeit im Osten, die Wendezeit und Montagsdemos. Unter anderem geht es um den 9. Oktober 1989 in Leipzig. Da hatten die Leute richtig Angst, auf die Straße zu gehen, weil es hieß, jetzt würde alles niedergeknüppelt und scharf geschossen. Da war ich zu feige, hinzugehen. An dem Abend waren bestimmt 70 000 Menschen auf der Straße, aber ich gehörte da eben nicht dazu. Im Nachhinein ärgert mich mein Verhalten. Diejenigen, die da dabei waren, das waren wirklich mutige Menschen. Daneben gibt es noch viele weitere Stationen meines Lebens, vor allem geht es aber um Selbstreflexion. Insgesamt ist das Buch also sehr egozentrisch, aber doch keine richtige Autobiographie.

Jetzt kommen Sie damit nach Klausen an die Wallfahrtskirche.

KRUMBIEGEL Genau. Seit zwei Jahren bin ich jetzt sporadisch mit Lesungen unterwegs. Klausen wird jetzt mein erster Auftritt seit dem Lockdown. Da freu ich mich tierisch drauf, es fehlt mir einfach, vor Leuten auf der Bühne zu stehen. Es gibt kein genaues Programm, in der Regel ergibt sich immer von selbst, was da passieren wird. Vermutlich werde ich verhältnismäßig wenig lesen und viel mehr Musik machen. Ich spiele solo am Klavier und das Drumherum, also das Picknick im Freien macht das Ganze zu etwas Besonderem.

Welche Songs kann man da erwarten?

KRUMBIEGEL Also Prinzen-Sachen spiele ich eigentlich gar nicht. Ich finde das immer doof, wenn ich alleine unterwegs bin, schließlich ist das nach wie vor eine lebendige Band. Gerade sind wir im Studio und bereiten ein neues Album vor, das 2021 zum 30-jährigen Jubiläum erscheinen soll. Ich habe vier Solo-Platten gemacht und Songs unter anderem von Udo Lindenberg und Rio Reiser im Gepäck. Es gibt aber keine Setlist, sondern gut 50 Lieder, die ich so spiele, wie es zum Abend passt. Meine Auftritte sind immer auch interaktiv und manchmal dauern sie nur anderthalb Stunden, manche gehen drei Stunden lang. Da spielen natürlich Faktoren wie das Wetter und die Laune der Leute mit rein. Aber ich kann nur voller Inbrunst sagen, dass ich ernsthaft geil drauf bin, wieder auf eine Bühne zu gehen.

Beim Publikum wird sich das sicher ähnlich verhalten.

KRUMBIEGEL Ich hoffe wirklich, dass die Leute da hungrig drauf sind. Richtig live Musik zu machen ist nochmal ein ganz anderes Gefühl. Ich denke, das haben die Leute auch gemerkt, das Livestreams und Autokinos dann doch irgendwie „tot“ sind.

Dann lassen Sie uns nochmal auf bessere Zeiten zurückblicken. Die Prinzen waren 2017 schonmal in Klausen.

 KRUMBIEGEL Diese Kirchenkonzerte haben wir für uns kultiviert und eine Nische gefunden. Mit unserer Chor-Vergangenheit kommen wir ja von dort. Daher dachten wir irgendwann, dass wir die Kirche auch als Kulturraum nutzen können, damit sie sich öffnen kann für Neues. Da muss man nicht die ganze Zeit ehrfürchtig ruhig sein. Wir haben maximal vor 1500 Leuten gespielt, in der kleinsten Location vor etwa 300 – aber man kann aus jedem Raum einen Rock ‚n‘ Roll-Club machen.

Nun kommen Sie alleine nochmal hierher. Wie kam das?

KRUMBIEGEL Die Idee gab es schon länger und wegen Corona kam es zu einigen Terminverschiebungen, auch wegen all der Auflagen. Man merkt einfach, dass es auf die Leute vor Ort ankommt. Diejenigen, die dafür sorgen, dass Kultur da ist. Die Weltmetropole Klausen ist ja jetzt nicht Berlin oder New York. Aber wenn die Menschen dahinterstehen und die Dinge anpacken, dann lassen die sich auch von einem Virus nicht klein kriegen. Ursprünglich war es in der Kirche geplant, jetzt machen wir es eben im Garten. Dazu noch die Idee, ein Picknick mit Essen und Trinken daraus zu machen, macht es richtig toll.

Abschließend: Wo haben Sie zuletzt Courage gezeigt?

KRUMBIEGEL Es ist total doof, sowas selbst zu sagen. Ich glaube, dass es die kleinen Sachen sind, aber die immer wieder. Dass man den Mut hat, bei Leuten, die rassistische Dinge sagen, nicht korrekt gendern oder andere Dinge sagen oder tun, die nicht in Ordnung gehen, verbal reingrätscht und sie darauf hinweist. Das ist oft gar nicht so einfach und der Ton macht dabei immer die Musik. Wenn ich mich zurückerinnere, dann habe ich früher auch echt dumme Sachen gesagt. Aber wenn jemand heute noch etwas ähnliches sagt, weise ich ihn darauf hin, dass man sich sowas auch abgewöhnen kann und sollte. Man muss den Leuten das klar machen, ohne sie anzugreifen und zu beschimpfen. Bei richtig schlimmen Dingen, etwa Hitlergrüßen, greift das Gesetz ein, sowas ist strafbar und da sollte man auch nicht zurückschrecken, sowas anzuzeigen. Es geht einfach schon so früh los, nicht erst bei Handgreiflichkeiten. Die Sprache, die Ausdurcksweise ist der Beginn und bereitet den Weg für viel Wahnsinn, der danach kommt.

Eine Stimme hat jede*r und für Humanität, solidarisches Miteinander und einen respektvollen Umgang die Fahne hochzuhalten ist allen möglich. Ich nutze oft meine „Prominenz“, um Leute dabei zu unterstützen, indem ich meist kostenfrei etwa bei Veranstaltungen gegen Rechts mitwirke.

Am Ende gilt es aber, nicht die ganzen Unterschiede zu sehen, sondern die Gemeinsamkeiten zu finden. Das versuche ich. Es klappt nicht immer, aber das ist meiner Ansicht nach der einzig sinnvolle Weg.

Sebastian Krumbiegel – Musikalische Lesung „Courage zeigen“. Sonntag, 19. Juli, 19 Uhr, Picknick an der Wallfahrtskirche Klausen. Tickets ab 25 Euro, Vorab-Kauf unter TicketRegional erforderlich.