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Kunst
Idyllen und andere Schrecken

 Jens Hunger vor seinem Gemälde „homo insecticus“.
Jens Hunger vor seinem Gemälde „homo insecticus“. FOTO: Eva-Maria Reuther
Trier. Die Trierer Galerie Palais Walderdorff zeigt bis Mitte April Werke des Berliner Künstlers Jens Hunger. Von Eva-Maria Reuther

Keine Frage: Der Mann hat jede Menge Alpträume. „Die meisten meiner Träume vergesse ich am liebsten gleich wieder“ bestätigt Jens Hunger. Mehr muss der Berliner Künstler, dem die Trierer Gesellschaft für Bildende Kunst derzeit eine Ausstellung widmet, auch gar nicht sagen. Seine Bilder sind erzählfreudig genug. Eins steht unmissverständlich fest: Ein Ponyhof (sinnbildlich gesprochen) ist Hungers Welt ganz sicher nicht, und wenn dann einer, in dem kräftig ausgeschlagen, gekeilt und gebissen wird.

Wer die Galerie im Palais Walderdorff betritt, fühlt sich auf den ersten Blick in eine „Hello Kitty“-Welt versetzt angesichts der kindlich-niedlichen Kätzchen, Äffchen und Bärchen. Nebenan brüstet sich schrill Comic-Ästhetik als Ölgemälde. „Ist das Kitsch?“ fragt man sich ein wenig irritiert. Woraus sich gleich die nächste Frage ergibt: „Kann das weg?“

Keinesfalls. Schon beim zweiten Blick ist klar: Jens Hungers Arbeiten sind Ausdruck einer zeitgenössischen Position, die bisweilen rabiat, aber treffsicher ihre Zeit und deren Verhältnisse mit ihren eigenen Mitteln an den Haaren packt. Traum und Realität, Erinnerung und Gegenwart flössen in seinen Bildern ineinander, sagt Hunger.

In Bilder übersetzt, verdichtet sie der 1968 geborene, aus Dresden stammende Künstler in seiner ganz eigenen fantastischen Bilderwelt, deren symbolhafte Figuren zum Teil wie die modernen Nachfahren des Personals aus Lewis Carrolls Kinderbuch „Alice im Wunderland“ wirken.

Jens Hungers zeitgenössisches Bilder-Wunderland ist ein Land, in dessen vermeintlicher Idylle sich der Schrecken versteckt und das der Vergänglichkeit anheim gegeben ist. Ein Land, in dem die alten Gesichter der Kinder ihre eigene Geschichte erzählen, in dem Entfremdung herrscht, der Tod tanzt und selbst hinter den graziösen Libellen-Wesen der Tod lauert. Bisweilen nimmt diese Welt kafkaeske Züge an, wenn sich Groteske und Grauen mischen, wie im Gemälde „Blind Faith“ (blindes Vertrauen), auf dem der Affe das harmlose Kätzchen in den Espressokocher stopft. Und selbst das „Star Child“ (Sternenkind) mit der siegreichen „Victory“-Geste wirkt seltsam einsam zwischen alle den explosiven Farben. Hungers surrealistische Welt ist ungeheuer real mit ihren Widersprüchen und Verwerfungen, ihrer Einsamkeit und ihrer bunten Trostlosigkeit. Trost scheint zuweilen aus der Natur zu kommen.

Der künstlerische Zugriff des Berliners hat im Übrigen nicht nur in Hinblick auf Stilmittel von Surrealismus und Pop Art verlässliche Wurzeln. Er steht auch in der Tradition der Tierparabeln, in denen die Tierwelt die Menschenwelt spiegelt.

Die Ausstellung „Blind Faith“ von Jens Hunger ist bis Samstag, 13. April, zu sehen. Donnerstags bis samstags ist die Galerie Palais Walderdorffs am Domfreihof von 14 bis 18 Uhr geöffnet, sonntags von 12 bis 16 Uhr. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos unter Telefon 0651 46824491 oder online unter www.gb-kunst.de