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Ingrid Noll "In Liebe Dein Karl" - Krimis und persönliche Geschichten

Aufgeschlagen - Neue Bücher : Krimis und persönliche Geschichten

Wer einen Krimi von Ingrid Noll kauft, der weiß, jetzt gibt es wieder irrwitzige Geschichten, tiefe Abgründe, kriminelle Energie und wahrscheinlich mehrere Tote. Mit Hingabe lässt die Autorin in ihrem Roman morden, was das Zeug hält.

Man merkt in jeder Zeile förmlich, wie sie sich köstlich amüsiert, wenn wieder eine Nervensäge oder ein besonders fieser Zeitgenosse manchmal versehentlich, meist aber mit boshafter Absicht, um die Ecke gebracht wird. Herrlich.

So starten auch die ersten Geschichten in ihrem neuen Buch „In Liebe Dein Karl“ in altbekannter Bravour. So wird das ungeliebte Stiefkind in der Gefriertruhe „vergessen“, der Schlächter von Unna hat es auf Prostituierte abgesehen, und die betrogene Ehefrau bringt ihren untreuen Gatten um. Nur leider geht dadurch auch der Lottogewinn flöten. Der Schein verbrannte mit dem Ehemann. Pech obendrein: Auch die Lebensversicherung hat eine neue Begünstigte.

Doch es gibt auch viele andere skurrile Geschichte, wie etwa die vom alten Schulkameraden, der seinen ehemaligen Freund nach Jahren wiedertrifft, mittlerweile Bürgermeister eines Urlaubsortes an der Adria. Er fragt diesen, ob es möglich sei, einen Internationalen Obdachlosenkongress in der Stadt auszurichten. Obwohl dem Bürgermeister die ganze Sache nicht geheuer ist, stimmt er zu. Die Probleme nehmen ihren Lauf.

Ganz persönlich sind die Geschichten im letzten Teil des Buchs. Unter der Überschrift „Erinnerungen und Notizen“ erzählt Ingrid Noll unter anderem Erlebnisse aus ihrer Kindheit, die sie auch in Nanjing (China) verbrachte. Unterrichtet wurde sie zusammen mit ihren drei Geschwistern von ihren Eltern. „Auch wenn meine Mutter über veraltete Lehrpläne und Lehrbücher verfügte, so herrschten bei unseren Schulstunden doch paradiesische Zustände: keine Hausaufgaben, keine Noten, keine Versetzung.“

Außerdem schreibt sie über das Altern. Als sie statt Pfifferlingen Hundefutter vom Einkauf mitbrachte, wurde ihr klar, eine Lesebrille muss her. Bei Neuanschaffungen fragt sie sich kritisch, ob die noch notwendig sind und liest lieber Todes- als Geschäftsanzeigen. Und ganz persönlich wird’s in „Mein letzter Tag“, wo sie ihre Leser wissen lässt, wie dieser im Idealfall verlaufen sollte.

Ingrid Noll überrascht doch immer wieder. Sie ist eine Erzählerin durch und durch. Ihr schnörkelloser Stil, ihr Ideenreichtum, ihre Erzählfreude machen Spaß. Doch diesmal gibt es noch eine Zugabe: die ganz persönliche Ingrid Noll. Auch über Themen wie „Altern“ oder „Sterben“ schreibt sie pragmatisch – ohne sentimental zu werden. Das ist sehr beeindruckend und auch auf eine gewisse Weise ermutigend.

Stefanie Glandien

Ingrid Noll, In Liebe dein Karl, Diogenes Verlag, 336 Seiten, 20,99 Euro.