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Literatur Autoreninterview
Gute Bücher, böse Kinder und das Internet

Mareike Fallwickl hatte Spaß an den Debatten über ihr Buch.
Mareike Fallwickl hatte Spaß an den Debatten über ihr Buch. FOTO: Gyöngyi Tasi
Autorin Mareike Fallwickl liest bald in Trier aus ihrem tabubrechenden Roman „Dunkelgrün fast schwarz“. Von Anne Heucher
Annemarie Heucher

Mareike Fallwickl greift beim Schreiben gerne Tabus auf. Das scheint ihr geradezu Spaß zu machen. Bevor sie am Mittwoch, 12. Dezember, in Trier aus ihrem Roman „Dunkelgrün fast schwarz“ liest, sprach sie mit TV-Redakteurin Anne Heucher über ihren Erfolg als junge Autorin, den Umgang mit boshaften Menschen und die befreiende Kraft von Witzen.

 Sie haben mit Anfang/Mitte 30 einen Verlag gefunden, der Ihren ersten Roman herausbringt. Wie ist Ihnen das geglückt?

MAREIKE FALLWICKL: Mit viel harter Arbeit. Und einem guten Manuskript. Damit konnte ich eine Literaturagentur überzeugen, die mich seither vertritt. Die Frankfurter Verlagsanstalt war sofort begeistert von dem Roman, und ich freue mich, dort aufgenommen worden zu sein, weil der Verlag hervorragende Arbeit leistet – und ich mich in seine lange Liste großartiger Autoren einreihen darf.

Für Ihr Buch haben Sie sich einen komplexen Stoff ausgesucht, nämlich die Frage, wie Täter-Opfer-Konstellationen entstehen. Wodurch passiert das?

FALLWICKL Darauf gibt es wohl sehr viele Antworten. Ich wollte ein Beziehungsgeflecht untersuchen, das aus guten Intentionen und aus Liebe entstanden ist, aber an einer Stelle krankt, weil jemand absichtlich und ganz bewusst die Fäden zieht, die Menschen manipuliert. Was geschieht in so einem Fall? Was hat das für Folgen? Und wie viel „Schuld“ trägt man selbst, wenn man nie Stopp sagt, nie Grenzen zieht? Der Roman ist eine fiktive Antwort auf diese Fragen.

Der „Böse“, der Täter, hat in Ihrem Buch seine Rolle schon mit drei Jahren, als Kleinkind. Wie realistisch ist das?

FALLWICKL Überraschend realistisch. Alle Eltern, mit denen ich je über das Thema gesprochen habe, kannten so ein Kind aus dem Freundeskreis. Zur Entstehungszeit des Romans gab es in Salzburg auch eine Universitätsstudie über „Böse Absicht bei Kleinkindern“. Das ist normal und alltäglich, trotzdem spricht niemand gern darüber. Im Buch wollte ich mich diesem Tabu widmen und eine Geschichte dazu erzählen.

Eine Ihrer Figuren, die selbst einen Reiseblog betreibt, nennt das Internet eine „Schlangengrube“. Spricht sie Ihnen damit aus der Seele?

FALLWICKL Ach, das Internet. Wie wir alle liebe und hasse ich es zugleich. Ich bin jedoch nicht der Meinung, früher, ohne das Netz, sei alles besser gewesen – das Internet ist, wie die Menschen sind. Es hat sie nicht verändert, es bietet ihnen nur eine neue, weitere, große Spielwiese. Ob man es für das Gute oder das Schlechte nutzt, bleibt einem selbst überlassen.

Ihre Diplomarbeit als Sprachwissenschaftlerin drehte sich um dreckige Witze. Welche Kraft steckt in Witzen?

FALLWICKL Witze sind ein sehr interessantes sprachliches Konstrukt: Sie eröffnen einen Rahmen, in dem ausgesprochen werden darf, was ansonsten verschwiegen oder nur mit Euphemismen behandelt wird. Witze dürfen und sollen Tabus brechen, Schmerzhaftes aufgreifen und verlachen, sie handeln von Tod und Gewalt, von Sex und Krankheit. Der Mensch hat den Witz erfunden, um Druck abzubauen.

Der Rummel um Ihr Buch, die Buchpreis-Nominierung und auch manche Kritik waren sicher nicht immer lustig für Sie. Werden Sie ein weiteres Buch schreiben?

FALLWICKL Doch, natürlich war das lustig, sehr sogar. Was könnte einer unbekannten Autorin Besseres passieren als ein gewisser Rummel und eine Buchpreis-Nominierung? Dass das Feuilleton dem Buch wenig würde abgewinnen können, war von vornherein klar, aber die Leser und die Buchhändler, die es in die Top 5 ihrer Lieblingsbücher 2018 gehoben haben, haben es geliebt, und das bedeutet mir sehr viel. Das zweite Buch ist bereits fertig und erscheint im August.

Von Salzburg nach Trier sind es fast 700 Kilometer? Wie kommt es, dass Sie gerade hier aus Ihrem Buch lesen?

FALLWICKL Ich lese zuvor in Wiesbaden, dadurch ist der Weg nicht mehr so weit. Ich bin mit dem Buchhändler Florian Valerius befreundet, und die Event-Reihe zum 140-jährigen Bestehen der Buchhandlung Stephanus haben wir zum Anlass genommen, meine letzte Lesung aus „Dunkelgrün fast schwarz“ sozusagen gebührend zu feiern.

Interview: Anne Heucher

Mareike Fallwickl liest am Mittwoch, 12. Dezember, 19.30 Uhr, in der Buchhandlung Stephanus in Trier. Karten gibt es für 8/5 Euro in der Buchhandlung.