Interview mit Thorsten Hindrichs über rechtsextreme Musik

Kostenpflichtiger Inhalt: Rechtsextreme Musikszene : Der mörderische Soundtrack der Neonazis

Musik ist nicht nur Propaganda. Einnahmen radikaler Bands fließen laut Verfassungsschützern in Immobilien und Waffen. Wissenschaftler Thorsten Hindrichs geht im TV-Interview sogar davon aus, dass der NSU ohne die Unterstützung der Musikszene nicht hätte töten können.

Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs von der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz ist Experte für rechtsextreme Musik. Er hat kürzlich als wissenschaftlicher Berater an dem ZDF-Dokumentarfilm „Rechtsrock in Deutschland – Das Netzwerk der Neo-Nazis“ mitgearbeitet und darin unter anderem dargestellt, dass etwa 300 rechtsextreme Bands mit Konzerten jährlich rund 35 000 Besucher erreichen und so fast zwei Millionen Euro Umsatz machen. Das Geld fließt laut Experten in die Stärkung der Strukturen. Unter anderem investiert die Szene laut dem thüringischen Verfassungsschutzchef Stephan Kramer in den Kauf von Waffen und Immobilien. Mit dem TV hat Thorsten Hindrichs über  die Gefahren gesprochen, wie die Rechtsrock-Szene in der Region aufgestellt ist und welche Gefahren von ihr ausgehen.

Wenn ich eine 17-jährige Tochter hätte und ihre Playlist anschaute – vor welchen drei Bands müsste ich mich da am meisten in Acht nehmen?

THORSTEN HINDRICHS Es ist sehr schwer, eine Top-3 anzufertigen. Aber sehr beliebt in Rheinland-Pfalz ist immer noch Kategorie C, eine Hooligan-Band aus Bremen, die eindeutig in der rechtsextremen Szene unterwegs ist. Sie erfreut sich bei den Hooligan-Fraktionen vom 1. FC Kaiserslautern oder Eintracht Trier sehr großer Beliebtheit und wird als unpolitische Fußball-Hool-Band verkauft.

Wie transportieren die Musiker den Hass? Sind die Texte direkt volksverhetzend?

HINDRICHS Höchst unterschiedlich: Es gibt einige Bands, die sehr eindeutig Vernichtungsfantasien abfeiern. Das ist zum Teil auch strafrechtlich relevant. Aber es gibt auch viele Bands, die unspektakuläre Texte schreiben. So hatte Kategorie C mal einen „Hit“, der „Einer für alle und alle für einen“ heißt. Wenn Sie wissen, dass es um Nazis geht, wissen alle, was gemeint ist, aber es ist nicht justiziabel.

Also muss man die Texte immer im Zusammenhang sehen?

HINDRICHS Ja klar. Mein Lieblingsbeispiel ist eine Platte von Frank Rennicke. Das ist einer der bekanntesten extrem-rechten Liedermacher. Er hat Mitte der 1990er Jahre eine Platte mit Coverversionen aufgenommen. Da sind auch Sachen von Hannes Wader und Ton Steine Scherben dabei, auch von der Schlagersängerin Nicole. Das sind alles unverdächtige Künstler und Texte. Aber wenn Frank Rennicke „Solange mein Herz noch schlägt“ von Nicole covert, bekommt es einen ganz anderen Dreh.

Sie sprechen einen Liedermacher an: Rechtsrock hat also eigentlich nichts mit Rock zu tun. Kann es auch Folk oder Rap sein?

HINDRICHS Rechtsrock ist kein musikalischer, sondern ein sozial- beziehungsweise politikwissenschaftlicher Begriff, der Musik meint, die die extreme Rechte macht. Das Spektrum ist fast so vielfältig wie im normalen Mainstream-Markt. Es gibt Rock, Punkrock, NS-Black-Metal oder Hatecore. Es gibt auch Rechts-Rap. Hip-Hop machen die Rechten nicht, das ist die Kultur der Afro-Amerikaner. Aber weil Hip-Hop bei deutschen Jugendlichen so beliebt ist, versuchen sie dort anzudocken.

RnB würde man also auch nicht von Neonazis hören?

HINDRICHS Eher selten. Es gibt aber auch kuriose Versuche wie einen Reggae-Track. Das ist aber ideologisch schwer zu verkaufen.

Eigentlich ist ja Thüringen bekannt für die größten Rechtsrock-Konzerte. Wie sieht es denn in Rheinland-Pfalz oder im Saarland aus?

HINDRICHS Die spektakulären Groß-Konzerte haben in den letzten beiden Jahren in der Tat in Thüringen und Sachsen stattgefunden, weil da eine entsprechende Infrastruktur vorhanden ist. Die gibt es in Rheinland-Pfalz und im Saarland so glücklicherweise nicht. Die letzten sieben Jahre war es auch ruhig in Rheinland-Pfalz. Was aus meiner Sicht mit dem großen Prozess gegen das Aktionsbüro Mittelrhein zu tun hat und viele Akteure die Füße stillgehalten haben. Aber seit  knapp zwei Jahren sind auch in Rheinland-Pfalz wieder vermehrt Konzerte zu beobachten.

Wo finden die Konzerte statt?

HINDRICHS In der Regel sind es hier klandestine Konzerte, die nicht groß öffentlich beworben werden. Da werden über Messenger-Dienste Kontaktnummern herausgegeben, die man am Tag des Konzerts anrufen soll. Dann wird man an einen oder zwei Schleusungspunkte gelotst. Dort trifft man auf fünf bis sechs Schrank-Neonazis, die einen abchecken, ob man in das Segment passt, und dann zum Konzertort weiterleiten. Dann findet das Konzert in irgendeiner dubiosen Kneipe statt.

Weichen die Veranstalter auch ins Ausland aus?

HINDRICHS Gerade in grenznahen Bundesländern ist es beliebt, ins Ausland auszuweichen. Dort ist die ordnungspolizeiliche Verfolgung erschwert.

Welche Nachbarländer sind das denn?

HINDRICHS Das Elsaß, dort vor allem im Ort Volmunster, und Lothringen sind beliebte Ausweichorte für die Szene in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Nach Luxemburg weichen sie extremst selten aus. Kürzlich war das Hammerfest von den Hammerskins, ein beliebtes Rechtsrockfestival. Das hat in Plaine bei Colmar in Lothringen stattgefunden.

Von wo reisen die Konzertbesucher an?

HINDRICHS Das sind hauptsächlich Deutsche: Rheinland-Pfalz, Saarland, Baden-Württemberg. Innenminister Roger Lewentz erzählt ja einmal pro Jahr beim Vorstellen des Verfassungsschutzberichts, dass im vergangenen Jahr keine oder wenige Rechtsrockkonzerte stattgefunden hätten. Da hat er aus seiner Perspektive recht. Aber trotzdem finden jede Menge Konzerte im Elsaß statt, und die Klientel ist aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland.

Wie sieht es denn in der Eifel, rings um Trier oder im Kreis Bernkastel-Wittlich aus?

HINDRICHS In der Eifel ist es tatsächlich ruhig gewesen, auch weil diese Chaos Crew aus Wittlich nicht mehr wirklich aktiv ist. Soweit ich das beobachte, ist da das Einzugsgebiet in Richtung Großraum Aachen ausgelagert worden, wo zum Beispiel in Heinsberg relativ viele Konzerte stattfinden. Die letzten Konzerte in Rheinland-Pfalz oder im Saarland, die ich beobachtet habe, waren in Ludwigshafen, Bad-Bergzabern oder kürzlich in St. Ingbert. Sulzbach ist auch sehr beliebt.

Dort ist ja auch die NPD sehr aktiv, oder?

HINDRICHS Genau. Da sind wir wieder bei der Frage nach der Infrastruktur und den lokalen Möglichkeiten.

Wie viele Zuschauer sind das denn im Schnitt?

HINDRICHS Es kommt immer auf die Größe der Location an. Da finden auch manchmal Konzerte im Hobbykeller irgendeines rechtsextremen Funktionärs statt. Um die 100 Zuschauer müsste realistisch sein. Manchmal ist es auch kleiner mit 20 bis 25 Zuschauern.

Es gibt ja Bilder von solchen Konzerten, wo massenhaft Leute „Sieg heil“ brüllen oder den Hitlergruß zeigen. Ist das die Ausnahme oder normal in solchen Locations?

HINDRICHS Das kommt darauf an, wie sicher sich die Leute in ihrer Location fühlen. Wenn sie sehen, dass weder Zivilgesellschaft und Antifa noch Polizei vor Ort sind, dann eskaliert es schnell und wird extrem hässlich. Wenn zivilgesellschaftliche Akteure oder die Polizei vor Ort sind, sind sie deutlich vorsichtiger.

Das ist auch der Grund, warum die rechte Szene kleine Locations auf dem Land der Konzerthalle in der Stadt vorziehen, oder?

HINDRICHS Natürlich. In größeren Städten müssen sie von vornherein mit mehr Gegenprotesten rechnen. Das gilt für Rheinland-Pfalz und ist in Dortmund schon wieder anders. Dort gibt es viele rechte Konzerte.

Ja – Dortmund hat ja auch eine große rechte Szene…

HINDRICHS Ja – es gibt ein paar Hotspots, die nicht nur in Ost-Deutschland sind. Da gehören zum Beispiel Dortmund oder Aachen dazu.

Waren Sie selbst schon einmal auf einem solchen Konzert?

HINDRICHS Nein – ich komme da gar nicht hin wegen der Schleusungspunkte. Ich habe es einmal probiert, aber es war mir zu heikel.

Sind Sie persönlich bekannt in der Szene, oder wurden Sie schon bedroht, weil Sie sich mit dem Thema wissenschaftlich beschäftigen?

HINDRICHS Bedroht noch nicht, aber mir wird regelmäßig signalisiert, dass man mich kennt.

Wie wird das gemacht?

HINDRICHS Indem in einschlägigen Foren mein Name genannt wird. Neulich war ich als Beobachter in Ingelheim beim Rudolf-Hess-Gedenkmarsch. Da haben mich einzelne Nazis winkenderweise begrüßt. Um mir klarzumachen: „Wir sehen dich!“

Haben Sie Angst – auch angesichts radikaler Entwicklungen und Thesen in der AfD –, dass die Situation in Deutschland schlimmer wird?

HINDRICHS Persönlich Angst habe ich nicht. Aber ich habe große politische Sorge wegen des gesellschaftspolitischen Klimas. Es hat gesamtgesellschaftliche Gründe, dass die extreme Rechte deutlich radikaler geworden ist, weil sie das Gefühl hat, Rückhalt in größeren Teilen der Bevölkerung zu haben.  Und sie halten sich für die Mutigen, die sich trauen, das auszusprechen, was sich andere wegen der angeblichen politischen Korrektheit nicht trauen.

Letztlich wird ja mit Musik Propaganda gemacht. Was kann der Staat tun, um das zu verhindern?

HINDRICHS Der Staat muss etwas tun, er tut etwas, könnte aber mehr tun. Er müsste nicht unbedingt nur die Propaganda verhindern, sondern es geht tatsächlich darum, die Netzwerke und Geldströme zu zerschlagen. Das Gefährliche ist, dass sich die rechte Szene damit finanziert und stabilisiert. Es ist nicht alleine die Musik. Nehmen wir das NSU-Kern-Trio. Das hätte nie funktioniert über so viele Jahre, wenn es nicht das soziale Netz der Rechtsrock-Szene gehabt hätte. Das hat ihnen ermöglicht unterzutauchen, und es hat sie auch finanziert.

Verleihen Sie der Musikszene da nicht zu viel Gewicht?

HINDRICHS Es hört sich immer pathetisch an, wenn ich sage: „Rechtsrock tötet.“ Aber wenn Sie es in letzter Konsequenz mit dem NSU-Kern-Trio zu Ende denken, war die rechte Musikszene durchaus an den Morden beteiligt – indirekt. Da muss staatliche Intervention her. Es ist eine ganz massive Bedrohung der Demokratie.

Thorsten Hindrichs ist Musikwissenschaftler an der Universität Mainz. Foto: Andreas Linsenmann

Interview: Christian Kremer

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