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Konzerte
In Trier ist es heißer als in Rio de Janeiro

Das Gojo-Quartett auf der Sommerbühne bei „Jazz im Brunnenhof“ in Trier.
Das Gojo-Quartett auf der Sommerbühne bei „Jazz im Brunnenhof“ in Trier. FOTO: Birgitte Buddig
Trier. Für feurige Stimmung sorgen beim dritten Konzert der Reihe „Jazz im Brunnenhof“ in Trier neben hochsommerlichen Temperaturen die Musiker des Filippa Gojo-Quartetts. Von Dr. Rainer Nolden

Im Portugiesischen, eher in der transatlantischen zweieiigen Zwillingsschwester, dem noch weicheren Brasilianisch, klingt jedes Wort wie eine Schmeichelei und jeder Satz wie eine Liebeserklärung.  Was noch getoppt wird, wenn es gesungen wird.  Zum Beispiel von Filippa Gojo, Namensgeberin ihres Quartetts mit den drei Mitstreitern Sebastian Scobel (Klavier), David Andres (Bass) und Lukas Meile, Schlagzeug und Percussion. Die vier bestreiten die dritte Folge der „Jazz im Brunnenhof“-Reihe an einem Abend mit tropischen Temperaturen, was die Sängerin zwischen zwei Songs zu der Bemerkung veranlasst, in Trier sei es heißer als in Rio.

Zu der Stadt mit den zwei markanten Bergen (Zuckerhut und Corcovado) hat die Sängerin eine besondere Beziehung: Sie ist die musikalische Wahlheimat der gebürtigen Bregenzerin mit Wohnsitz in Köln. Ihr Repertoire ist geprägt von der Samba, die von der Copacabana aus die Welt eroberte und, unterstützt von Musikern wie dem Gitarristen Charlie Byrd und dem Tenorsaxophonisten Stan Getz, als Bossa Nova neu geboren wurde. ­Filippa Gojo allerdings hat den gefälligen, fast pop-ähnlichen  Sambasound – wie er dargeboten wurde von João und Astrud Gilberto, Antonio Carlos Jobim und Luiz Bonfa, um nur die bekanntesten Vertreter dieser Richtung zu nennen – weiterentwickelt zu einer ganz eigenständigen Ausdrucksform. Darin verbindet sie die Wurzeln dieser Musik mit ihren anspruchsvollen Interpretationen, die mal Erinnerungen an den Scat-Gesang wecken (wenn auch nicht jenen, den man etwa von Ella Fitzgerald kennt), bisweilen wie meditative Gedankenströme wirken, die einen geradezu magischen Sog entwickeln, in den man sich nur zu gern hineinziehen lässt, gewährt aber auch den übermütigen und lebensfrohen Sambarhythmen ausreichend Platz. Obwohl ihre Melodien sich nicht durchweg in die Gehörmuschel hineinschlängeln, haben sie nichtsdestoweniger etwas Einschmeichelndes. Als Zuhörer darf man sich getrost in den Klang hineinfallen und mittragen lassen – oft zu überraschenden Zielen. Auf dem Weg dorthin springt sie mit traumwandlerischer Sicherheit durch gut und gerne drei Oktaven, und wenn sie nach einem solch ausgelassenen Parforceritt ihr Lied ganz sacht ausklingen lässt, sind die Pausen bis zum einsetzenden Applaus wohlkalkuliert – und sicherlich auch dazu angetan, um die Musik nachwirken zu lassen.

Für reichlich Abwechslung – musikalisch, stilistisch, sprachlich – ist bei diesem Programm gesorgt, denn vom Brasilianischen wechselt sie ins Englische und in eine weitere Sprache, die zu identifizieren man allerdings ein ganzes Lied braucht (ohne jedoch wirklich alles verstanden zu haben): Es ist ihr Vorarlberger Dialekt, den sie sich für den Titelsong ihres jüngsten Albums ausgesucht hat. „Seesucht“ entpuppt sich als nostalgische Reise in die Vergangenheit, vielleicht ins eigene Ich.  Hier werden die Worte einmal mehr zu Lauten, die die Anmutung von beschwörenden Zaubersprüchen haben.  Das alles singt Filippa Gojo mit großer Innigkeit, fast  Inbrunst. In solchen Momenten ist sie ganz bei sich und scheint  das Publikum fast zu vergessen. Beinahe als Programmmusik kann man ihre Komposition „My Water“ nennen, ein akustisches Gemälde, bei dem Melodie, Gesang und Arrangement teils majestätisch dahinfließen, auf Stromschnellen treffen und sich zu einem ruhigen tiefen Fluss vergrößern, der zwischendurch auch mal zum stillen See werden darf: Musik der Ruhe und der Kontemplation.

Im Grunde genommen sind es vier Solisten, die diesen Abend bestreiten, mit der Sängerin als prima inter pares. Sebastian Scobel  liefert ein facettenreiches  Klavierspiel, in dem üppige Akkorde mit hingetupften Tönen abwechseln, perlende Läufe mit Stakkato-Clustern, ergänzt um melodienreiche Improvisationen. Lukas Melle entlockt Schlagzeug und Percussion atmosphärisch dichte und  farbenprächtige Klänge, und David Andres am Bass muss sich nicht damit zufrieden geben, die rhythmischen Linien vorzuzeichnen. Vielmehr erhält er Gelegenheit zu ausgiebigen fantasievollen Alleingängen. Und da die Zuhörer im gut besetzten Brunnenhof nicht mit Applaus sparen, werden sie am Ende dieser in jeder Hinsicht tropischen Nacht mit zwei Zugaben belohnt.

Das nächste Konzert im Brunnenhof findet am Donnerstag, 9. August, 20 Uhr, statt. Auf dem Programm steht das „Milt Jackson Project“.