Johannes Kram bringt Satire über Boulevardjournalisten mit nach Trier

Theater : Süße Katze frisst iPhone ...

..., und schon lesen Sie weiter. Auch wenn es im folgenden Text nicht wirklich um Kätzchen geht – bleiben Sie dran!

Plakative Schlagzeilen, intime Details, Befriedigung einfacher Instinkte: Wenn Boulevard-Journalist Marco eine Story wittert, kennt er kein Erbarmen. Aus dem einfachen Anliegen einer 19-jährigen Musikerin, auf ihre CD aufmerksam zu machen, zimmert Marco eine Geschichte zusammen, bei der die junge Frau am Ende nicht gut dasteht. Das sei sie doch selbst schuld, findet der Journalist. Mit 19 Jahren müsse man wissen, wie das läuft. Wir schicken junge Männer in diesem Alter sogar in den Krieg. Und schließlich bedienten die Medien nur das, was die Leute sehen wollen. „Süße Katze frisst iPhone und vibriert nun beim Miauen“ – das seien die Meldungen, die das Volk lesen wolle. Und wenn etwas nicht sensationell genug ist, wird eben nachgeholfen.

In Johannes Krams Theaterstück „Seite Eins“ schafft es ein einziger Schauspieler, über 100 Minuten auf einer ansonsten leeren Bühne mit seinem Spiel eine derartige Energie zu halten, dass nicht eine Minute davon langatmig ist. Ingolf Lück ist dieser großartige Schauspieler. Man kennt ihn aus Formaten wie „RTL Samstag Nacht“, „Formel Eins“ oder „Let‘s dance“. Doch er zeigt hier vor etwa 400 Menschen in der Trierer Europahalle, was er wirklich kann, und nimmt am Ende seiner Hochleistung erschöpft stehende Ovationen entgegen.

In den letzten 100 Minuten hat er seine Bühnenfigur umherlaufen, sich setzen, schreien, lachen, flüstern – und ganz nebenbei das Leben einer jungen Frau ruinieren lassen. Der Klingelton von Marcos Handy –„Don‘t stop me now“ von Queen – ist gleichzeitig sein Motto: Nichts und niemand kann den skrupellosen Journalisten aufhalten bei der Jagd nach seinem Opfer. Am Ende hat Marco seine Story: entstanden aus Halbwahrheiten, Falschmeldungen und erpresserischer Manipulation.

Johannes Krams Mediensatire „Seite Eins“ führt die längst bekannten Machenschaften des Boulevard-Journalismus vor. Aber ist ein bekannter Umstand deshalb uninteressant oder nicht mehr aktuell? Gerade heute sei es wichtig, dass die Menschen sich über die Unterschiede zwischen Journalismus und Unterhaltung und Begrifflichkeiten wie Wahrheit und Wirklichkeit im Klaren seien, erklärt Kram in der anschließenden Podiumsdiskussion, bei der TV-Chefredakteur Thomas Roth die Moderation übernimmt.

Warum der gebürtige Trierer Johannes Kram seine Mediensatire erst jetzt, fast fünf Jahre nach der Uraufführung in Gütersloh, nach Trier  bringe, fragt Roth. „An Ingolf und mir lag es nicht“, antwortet der Autor. Es habe eben keiner der letzten drei Intendanten das Stück im Theater Trier ins Programm aufgenommen.

„Seite Eins“-Autor Johannes Kram (links) und Ingolf Lück plaudern unter der Moderation von TV-Chefredakteur Thomas Roth (Mitte) mit dem Publikum. Foto: Karin Pütz

Wie er auf Lück als Protagonisten gekommen sei, will Roth weiter wissen. Ein Freund von Kram und Lück, Schauspieler Thomas Hackenberg („Quiztaxi“), sitzt im Publikum und gibt die Antwort: „Ich habe das Textbuch gelesen und hatte gleich den atemlosen, ADHS-artigen Ingolf Lück vor Augen.“ Als die Fragen aus dem Publikum politischer werden, klinkt Lück sich aus. „Für eine politische Diskussion bin ich zu kaputt – und zu gut gelaunt“, erklärt er, und wohl niemand im Publikum nimmt ihm das übel.

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