| 17:45 Uhr

Karl-Marx-Jahr
Gewerkschaften: „Wir sollten mehr Marx wagen“

Diskutieren über die Bedeutung von Karl Marx für die Arbeitnehmer von heute (von links): Roland Schmidt (Friedrich-Ebert-Stiftung), TV-Chefredakteur Thomas Roth, Katarina Barley (Bundesjustizministerin) und Dietmar Muscheid (DGB-Vorsitzender Rheinland-Pfalz).
Diskutieren über die Bedeutung von Karl Marx für die Arbeitnehmer von heute (von links): Roland Schmidt (Friedrich-Ebert-Stiftung), TV-Chefredakteur Thomas Roth, Katarina Barley (Bundesjustizministerin) und Dietmar Muscheid (DGB-Vorsitzender Rheinland-Pfalz). FOTO: Mechthild Schneiders
Trier. Podiumsdiskussion: Können Gewerkschaften, Parteien, Arbeitnehmer heute auf Karl Marx’ Theorien zurückgreifen?  

Natürlich ist es die erste Frage, die Moderator Thomas Roth, Chefredakteur des Trierischen Volksfreunds, am Tag der Nominierung zur SPD-Spitzenkandidatin bei der Europawahl an Bundesjustizministerin Katarina Barley richtet, die nach ihren Gründen, nach fünf Jahren auf fünf Posten erneut den Job zu wechseln. Sie übernehme gerne die Verantwortung für ihre Partei und für Europa. „Es wird immer bedrohlicher“, sagt sie mit Blick auf die nationalen Bestrebungen einiger Länder. „Der Brexit ist für mich als Halbbritin eine Katastrophe, ein harter Brexit wäre eine doppelte.“

Und damit ist sie mitten im Thema der Podiumsdiskussion von Friedrich-Ebert-Stiftung und Deutschem Gewerkschaftsbund im ERA Conference Centre in Trier: „Wie viel Marx brauchen Arbeitnehmer heute (noch)?“. Mehr als 150 Gewerkschafter, Betriebsräte, Politiker und Bürger aus Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Nordrhein-Westfalen und Luxemburg haben an der Tagung „Wie halten es die Gewerkschaften mit Marx?“ teilgenommen. „Die Referenten haben Marx’ Theorien  aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet: historisch, soziologisch und auch aus der Sicht des frankophilen Raums“, erklärt James Marsh, DGB-Regionsgeschäftsführer und Organisator.

Hat Karl Marx vor der Verwandlung der Welt in einen Markt, einen riesigen Handelsplatz gewarnt, sieht Barley für die Arbeitnehmer auch Chancen: „Die Freizügigkeit hat ganz neue Möglichkeiten eröffnet.“

Grenzen werden Arbeitnehmern in der globalisierten Welt auf andere Weise aufgezeigt. Es gebe Parallelen zur Industrialisierung und Automatisierung im 19. Jahrhundert, sagt Barley auf Roths Frage, ob Marx noch aktuell sei. Auch heute gebe es technische Veränderungen, werde die Arbeitswelt verdichtet, werden Berufe und Arbeitsplätze überflüssig – durch die zunehmende Digitalisierung. 16 Prozent der Arbeitsplätze könnten gefährdet sein. Und das in Zeiten, in denen die Gewerkschaften über Mitgliederschwund klagen.  Ob diese zu brav geworden seien, will Roth wissen. „Unbestritten“, antwortet Muscheid. „Wir haben uns ein Stück weit von dem entfernt, was Marx gefordert hat.“ Er habe von Verelendung der Arbeiterklasse gesprochen. „Verelendung 2018 bedeutet, dass viele Menschen von ihrer Arbeit nicht mehr leben können, weil sie in einem prekären Arbeitsverhältnis stehen.“

Es sei eine Umverteilung notwendig, sagt Muscheid. Wie diese aussehen könne, dazu haben die Diskutanten unterschiedliche Ansätze: Eine neue Steuerpolitik (Muscheid) oder Lohngerechtigkeit (Barley), damit Menschen per se mit ihrer Arbeit genug zum Leben haben“.

Roland Schmidt, Geschäftsführer der Friedrich-Ebert-Stiftung, spricht eine weitere Gefahr an: die riesigen Datenmengen, die digital entstehen. Dieses „Rohöl des 21. Jahrhunderts“ solle sozialisiert, der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt werden, etwa für die Planung von Verkehrswegen.

„Man muss nicht nur Angst vor der Digitalisierung haben“, sagt Muscheid. Es würden auch immer Menschen gebraucht, die analog arbeiten: in der Pflege, Gastronomie, Hotellerie und im Handwerk. Aber es müsse über die Arbeitsverteilung geredet werden, damit etwa die Pfleger mehr Zeit für ihre Patienten bekämen.

Den Gewerkschaften gibt er mit auf den Weg: „Wir müssen an einigen Punkten den Finger in die Wunde legen. Wir sollten mehr Marx wagen.“

Diskutieren über die Bedeutung von Karl Marx für die Arbeitnehmer von heute (von links): Roland Schmidt (Friedrich-Ebert-Stiftung), TV-Chefredakteur Thomas Roth, Katarina Barley (Bundesjustizministerin) und Dietmar Muscheid (DGB-Vorsitzender Rheinland-Pfalz).
Diskutieren über die Bedeutung von Karl Marx für die Arbeitnehmer von heute (von links): Roland Schmidt (Friedrich-Ebert-Stiftung), TV-Chefredakteur Thomas Roth, Katarina Barley (Bundesjustizministerin) und Dietmar Muscheid (DGB-Vorsitzender Rheinland-Pfalz). FOTO: Mechthild Schneiders