Karl Marx  – Kind seiner Zeit: ein Blick in die Geschichte

Geschichte : Karl Marx – Kind seiner Zeit

Über Karl Marx hat fast jeder eine Meinung. Auch wenn das Wissen über ihn immer dürftiger wird, wie Experten feststellen. Wer war der Mann, den die einen als Heilsbringer und visionären Gesellschaftstheoretiker, die anderen als gottlosen Demagogen ansehen? Wie lebte er? Und: Auf welche Welt bezog er seine Gedanken? Ein Blick in die Geschichte.

Als Karl Marx am 5.5.1818 in Trier in der heutigen Brückenstraße geboren wurde, hatten die Großmächte Europa gerade völlig neu geordnet. Drei Jahre zuvor war das Rheinland – und damit auch Trier - preußisch geworden, hatte der Wiener Kongress in der Römerstadt die französische Herrschaft beendet. Für die Bürger bedeutete dies das Ende eines fortschrittlichen Rechts  (code civil), das allen (Männern) die Gleichheit vor dem Gesetz und Juden Toleranzerlasse gebracht hatte. Es läutete zudem den wirtschaftlichen Niedergang der vom Weinbau geprägten Region ein.  S Statt freiheitlicher Ideen zog mit den Preußen ein restaurativer Geist ein. 1819 bestimmten die Karlsbader Beschlüsse zum Beispiel ein Verbot öffentlichen Turnens, die Kontrolle der Universitäten und eine Zensur der Presse. Für Oppositionelle wurde es schwer, nicht mit dem  Gesetz in Konflikt zu geraten. 1815 zählte Trier- nun Garnisonsstadt - rund 11.000 Einwohner - fast ausschließlich Katholiken.

Karl Marx war das dritte von insgesamt neun Kindern des jüdischen Rechtsanwalts Heinrich Marx (1777-1838) ) und seiner Frau Henriette Presburg (1788-1863), der Tochter eines jüdischen Kaufmanns aus den Niederlanden. Fünf Geschwister sterben früh. Karl war der einzige überlebende Sohn neben drei Schwestern. Der Vater schätzte als Liberaler die Ideen der Aufklärung  von Rousseau und Voltaire. Da ihm in Preußen als Jude keine Zulassung zum Staatsdienst und zum neu entstandenen Landgericht gewährt wurde, ließ er sich zwischen 1816 und 1819 protestantisch taufen. Auch seine Frau und die Kinder wurden Protestanten - vermutlich mit Rücksicht auf die rabbinische Verwandtschaft aber erst 1824. Im Jahr 1834 wurde Karl in der Jesuitenkirche in Trier konfirmiert.

Über die Kindheit des späteren Philosophen ist wenig bekannt, wohl aber vieles über das geistige Klima, in dem er aufwuchs. Die Familie Marx wohnte ab Oktober 1819  vis-á-vis der Porta Nigra in der Simeonstraße 8.  Bis Karl im Alter von zwölf Jahren das Gymnasium neben der Jesuitenkirche besuchte (das spätere Friedrich-Wilhelm-Gymnasium), erhielt er Privatunterricht, vermutlich von seinem Vater. Dieser war Mitglied in der Casino-Gesellschaft, einer gebildeten Lesegesellschaft, die sich zum Austausch traf, Feste feierte und zunehmend politisch oppositionelle Ideen vertrat. Damit war sie der preußischen Regierung ein Dorn im Auge. Der Staat hielt mit aller Macht an der Monarchie fest – obwohl der König im Jahr 1815 eine „Repräsentation des Volkes“ versprochen  hatte.  Ein Kollege von Heinrich Marx wurde wegen Hochverrats angeklagt, weil er beim Hissen der Trikolore und dem Absingen der Marseillaise erwischt wurde. Auch der Direktor des Gymnasiums, Johann Hugo Wyttenbach, sowie mehrere Lehrer wurde als Oppositionelle denunziert.  An der Schule setzte die Regierung einen Spitzel ein.  Das Gymnasium stand für eine breite humanistische Bildung. Es weckte in Karl Marx die Begeisterung für klassische Literatur, ebenso sein späterer Schwiegervater Johann Ludwig von Westphalen, ein gebildeter preußischer Beamter, dem Marx 1841 seine Doktorarbeit über antike Naturphilosophie widmete.

In den 1820er Jahren herrschte an der Mosel vielfach Not – der Weinbau war durch Überproduktion und Preisverfall in eine akute Krise geraten – ähnlich dramatisch wie in den 1840er Jahren bei den schlesischen Webern, die den Aufstand wagten. Friedrich Engels, Marx‘ Freund und Weggefährte, hat später behauptet, die Lage der Moselwinzer habe Karls Bewusstsein für die Bedeutung ökonomischer Tatsachen geweckt. Auch die Familie Marx hatte übrigens einen Weinberg in Kürenz.

Mit 17 Jahren machte Karl Marx  Abitur. Auf Wunsch des Vaters ging er nach Bonn, um Rechtswissenschaften zu studieren. Bereits dort befasste er sich auch mit Philosophie und Geschichte. Ausschweifungen gehörten damals wohl zu den meisten Studentenleben – Duelle, Ruhestörungen und die entsprechenden Strafen im Karzer.  Auch schwülstige Gedichte sind aus dieser Zeit überliefert, bis Marx einsah, dass er zum Dichter nicht taugte. Schon in Bonn lebte der spätere Gelehrte über seine Verhältnisse – ein Problem, das für sein ganzes weiteres Leben gelten sollte.  Zu Hause meldete der Student sich nur sporadisch, was seine Familie ihm übelnahm, ein starkes Band nach Trier bestand dennoch fort: Mit Jenny von Westphalen (geboren 1814), seiner großen Liebe, die in der Trierer Neustraße aufgewachsen war und deren ebenfalls liberal denkende und literarisch gebildete Familie die Marxens gut kannten, verlobte Karl sich 1836 heimlich und 1837 offiziell. Sechs Jahre sollte es noch dauern, bis die beiden im Juni 1843 in Bad Kreuznach heirateten – es verstand sich von selbst, dass der Mann sich erst in die Lage versetzen musste, eine Familie zu ernähren.  Als bescheidene Mitgift bekam Jenny Silber ihrer schottischen Vorfahren und Wäsche aus Damast, die später immer mal wieder ins Pfandhaus gebracht wurden, wenn die Familie Marx dringend Geld brauchte.

1836 wechselte Marx nach Berlin. Dort war 1810 die Humboldt-Universität gegründet worden, ein Zentrum der Aufklärung und des freien Geistes inmitten eines ganz und gar unfreien Umfeldes: der Hauptstadt eines Staates ohne Parlament, ohne unabhängige Justiz und mit strenger Zensur. Berlin wuchs rasant – in den 1830er Jahren strömten jährlich rund 10.000 Menschen auf der Suche nach Arbeit in die Metropole, quasi obdachlos und unter der Steuergrenze. An der Universität wurde Religion wissenschaftlich-kritisch hinterfragt, derweil der Staat sich zunehmend auf Religion zurückbesann. Marx wechselte das Studienfach von Jura auf Philosophie, befasste sich intensiv mit Hegel und mit den religionskritischen Schriften der Junghegelianer. In seiner Doktorarbeit offenbart er seinen Hass auf „alle himmlischen und irdischen Götter, die das menschliche Selbstbewusstsein nicht als die oberste Gottheit anerkennen“.

Eigentlich wollte Karl Marx in die Wissenschaft gehen. Sein Mentor und Förderer Bruno Bauer, ein führender Junghegelianer, wollte ihm eine Anstellung verschaffen. Doch dann verlor der Professor wegen einer religionskritischen Schrift seinen Lehrstuhl. Karl wandte sich  dem Journalismus zu, ging im Oktober 1842 nach Köln zur liberalen Rheinischen Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe und schrieb dort als Redakteur polemische Artikel  über Holzdiebstahl, über die Lage der Moselwinzer oder über Freihandel und Schutzzoll. Schon hier war seine Haltung radikal, Kommunist wurde er aber erst 1844. Da war die Zeitung längst verboten worden und Karl  mit Jenny nach Paris umgesiedelt.

In der französischen Hauptstadt, in der viele Intellektuelle um Sozialismus und Demokratie debattierten, begann Marx sich intensiver mit der politischen Ökonomie zu beschäftigen. Legendär sind die Redaktionssitzungen, in denen man vor lauter Qualm nichts mehr sehen konnte: „zwölf bis 14 Menschen, die teils auf Bett und Koffer sitzend, teils stehend oder herumgehend, alle furchtbar rauchten, dabei mit der größten Aufregung und Leidenschaftlichkeit debattierten“, berichtete Vorwärts!-Herausgeber Heinrich Börnstein. „Die Fenster konnte man nicht aufmachen, weil sich sonst bald ein Volksauflauf auf der Straße gebildet hätte.“ Mit Arnold Ruge gab Marx die Deutsch-Französischen Jahrbücher heraus – doch das Vorhaben scheiterte. Auch das Projekt einer Wohngemeinschaft von drei Kommunisten und ihren Frauen scheiterte bereits nach 2 Wochen.  Im deutschsprachigen „Vorwärts!“ griff Marx immer wieder die preußische Regierung an – und musste dann erfahren, dass deren Arm weiter reichte als ihr Staatsgebiet: Preußen setzte die Ausweisung von Karl Marx aus Frankreich durch. Die junge Familie siedelte 1845 nach Brüssel um.

Belgien war ein ganz junger Staat, der sich 1830 durch eine Revolution  von den Niederlanden gelöst hatte. Wegen ihrer fortschrittlichen Verfassung – es galten Presse- , Versammlungs- und Religionsfreiheit – wurde die Hauptstadt zum Sammelbecken vieler Oppositioneller und Migranten. Marxens waren auf vielfältige Unterstützung angewiesen. Doch auch hierhin reichte der Einfluss Preußens gegen den jungen Revolutionär. Marx gab dem Druck schließlich nach und gab seine  Staatsbürgerschaft ab – er hoffte, dadurch der Überwachung zu entgehen. Bis zu seinem Lebensende blieb er ein Staatenloser – Versuche, die Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen oder später in England eingebürgert zu werden, blieben erfolglos.

Ende 1847 beauftragte der Londoner Bund der Kommunisten Marx und Engels, für diesen ein Programm zu verfassen.  Das „Manifest der Kommunistischen Partei“  kam so genau am Vorabend der Pariser Februarrevolution 1848 heraus.  Die rhetorisch brillante Schrift gehört heute zum Weltdokumentenerbe der Unesco. Sie erklärt die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Widersprüchen und ruft die Arbeiter zum kommunistischen Umsturz auf: „Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder vereinigt euch!“

Im „Manifest“ setzte Marx für den Sieg des Kommunismus ganz besonders auf die Entwicklung in Deutschland. Als ihn die belgische Polizei 1848 bei Ausbruch der Pariser Februarrevolution verhaftete und des Landes verwies, kehrte er zusammen mit Engels zurück nach Köln. In der 90.000-Einwohner-Stadt war jeder Dritte auf die Armenfürsorge angewiesen, die Arbeitslosigkeit lag bei 25 Prozent.  Marx wurde Chefredakteur der Rheinischen Zeitung, soll übrigens einen diktatorischen Führungsstil gepflegt haben. Hier erlebte er die 48er Revolution hautnah mit und kommentierte sie in dem „Organ der Demokratie“  auf überraschende Weise: Denn statt der proletarischen Revolution propagierte Marx – taktisch - die einheitliche Republik auf Basis einer breiten Volksbewegung, zu der neben den Arbeitern auch der Mittelstand gehörte. Im November 1848 war Karl Marx einer der Initiatoren der Steuerverweigerungskampagne im Rheinland.  Der Kommunismus sollte warten.

Mit dem Scheitern der Revolution musste Marx Preußen innerhalb eines Tages verlassen. Seine Emigration im Mai 1849 über Paris nach London hatte er sich als kurze Episode gedacht, doch blieb er dort dann für den Rest seines Lebens – knapp 34 Jahre. Hier entwickelte er sich zum Universalgelehrten, hier schrieb er seine wichtigsten Werke, „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ (1859) und „Das Kapital“ (1867), heute ebenfalls Weltdokumentenerbe. Hier kommentierte er aber auch das Weltgeschehen journalistisch, unter anderem für die  New York Daily Tribune.

In London erfuhr die Familie neben vielen schweren Schicksalsschlägen auch bittere Armut - was bedeutet: Bettelbriefe, Zwangsräumung der Wohnung, Flucht vor dem Gläubiger, fehlende medizinische Hilfe. Sie ernähren sich, wie Marx  schrieb, von Brot und Kartoffeln. „Marx führt ein wahres Zigeunerleben“, heißt es in einem Spitzelbericht über die frühe Zeit in London. Von Jennys und Karls sieben Kindern starben vier zwischen 1844 und 1857 noch im Kindesalter, Tochter Franziska einjährig an Bronchitis. Marx schrieb in den ersten Jahren in London: „Ich bin so geplagt wie Hiob, nur nicht so gottesfürchtig.“  Trotz mehrerer Erbschaften begleiten Geldsorgen die Familie, bis Engels in den 1870er Jahren eine stattliche jährliche Leibrente für den Freund aussetzte.  Danach konnte die Familie mit den drei überlebenden Töchtern ein bürgerliches Leben führen.

Jenny übertrug die Manuskripte ihres Mannes zeitlebens in leserliche Handschrift und hielt auch sonst zu ihm. Dabei hatte sie neben all den Geldsorgen und Umzügen manche Zumutung zu ertragen – vor allem den unehelichen Sohn von Haushälterin Helene Demuth aus Trier, die seit Brüsseler Zeiten bei ihnen lebte. Es gilt als nahezu sicher, dass Karl Marx der Vater war. Der Junge, Freddy genannt, wuchs in einer Pflegefamilie auf, Engels zahlte für seinen Unterhalt.

Das unstete, ungesunde Leben setzte der Familie Marx in London schwer zu. Jenny starb 1881 an Krebs, Tochter Jenny 1883 ebenso. Dass die beiden anderen Töchter Selbstmord begingen, hat der Vater nicht mehr erlebt. Er starb am 14. März 1883 in London.