Theater: Keine Heilige, aber Heldin: Trierer Publikum huldigt Piaf

Theater : Keine Heilige, aber Heldin: Trierer Publikum huldigt Piaf

Jubel, Begeisterung, Standing Ovations – das Publikum des Trierer Theaters erlebte am Samstag mit Ulf Dietrichs Stück „Piaf“ die vielen Facetten des „Spatz von Paris“ – ein Schauspiel nach Pam Gems’ Vorlage mit ganz viel Musik.

Diese Inszenierung riss die Zuschauer schon von den Sitzen, da war der letzte Ton noch nicht verklungen. Edith Piaf, die legendäre Chansonnière, der Vasiliki Roussi auf der Bühne des Trierer Theaters eine wunderbar kraftvolle, emotionsgeladene Stimme verleiht, springt vom Totenbett auf, um trotzig und aufrecht ihr kurzes, exzessives Leben zu verteidigen, von dem sie nichts bereut („Je ne regrette rien“). Nicht den Verschleiß an Männern, Alkohol, Drogen, bereut sie, nicht die Härte, mit der sie Leute zurückwies, nicht ihre derben, gar nicht ladyliken Sprüche oder gar ihre Umtriebe im Pariser Nachtclub-Milieu, aus dem sie schließlich stammte. Auf all das pfiff die Edith Giovanna Gassion, die ihr Entdecker, der Nachtclubbesitzer Louis Leplée (Martin Geisen), 1935 zur „Piaf“ (deutsch: Spatz) gemacht hat.

„Je ne regrette rien“ von 1960, Schluss-Chanson im dreistündigen, nach der Pause etwas zu langen Trierer Theaterabend mit insgesamt 17 Songs, ist das letzte Solo-Piaf-Lied –, da war sie gezeichnet vom jahrzehntelangen Raubbau an ihrem Körper, schweren Autounfällen, anstrengenden Tourneen, die sie bis in die Carnegie Hall in New York führten, Alkohol und Drogen.

Und Depression.  Aber mit jedem Schmerz wurde ihr Gesang noch besser, intensiver, leidenschaftlicher, so als könne sie Trauer in Töne wandeln.

Regisseur Ulf Dietrich erzählt das Leben der Piaf als Rückblick, von ihrer Entdeckung, als sie sich neben der befreundeten Prostituierten Toine (Marsha Zimmermann) mit Straßenmusik durchs Leben schlug, bis hin zu ihrem Ende 1963 mit 47 Jahren. Eine Heldin eher als ein Enfant terrible, eine starke Frau, die wie selbstverständlich die Geschlechterrollen umkehrt, sich Männer nimmt, wie sie sie will, und rausschmeißt, wenn sie genug von ihnen hat. Eine Frau, die sich traut, vulgär zu sein und sich über männliche Potenz lustig macht. Eine, die auch noch politisch auf der richtigen Seite steht, im Nazi-Deutschland heimlich für die Resistance arbeitet. Und dann auch noch den musikalischen Nachwuchs fördert, von Ives Montand bis Georges Moustaki.

Eines aber hat Edith Piaf ganz bitterlich doch bereut: dass sie ihre große Liebe, den verheirateten Boxer Marcel Cerdan (Paul Hess), im Oktober 1949 anflehte, am nächsten Morgen das erste Flugzeug zu ihr zu nehmen – das dann über den Azoren abstürzte, ihn in den Tod und sie in schiere Verzweiflung stieß.

Eine Heldin hat die britische Feministin Pam Gems aus Piaf gemacht, und Dietrich hat sich, wie er sagt, eng an die Vorlage gehalten. Herausgekommen ist sicher kein Heiligenbild, aber doch eine Hommage an eine außergewöhnliche Frau, der auch das Trierer Publikum huldigt, das sich in puncto Beifall am Premierenabend keinerlei Disziplin auferlegt, sondern vom ersten Chanson an mit immer stürmischerem Applaus die Aufführung begleitet. Das karge Bühnenbild (Martina Lebert) gibt dem Star Raum zu wirken. Auf der Rückwand der Bühne geben Projektionen den Ort des Geschehens an: ein Pariser Straßenzug, ein Etablissement, manchmal schlicht eine leuchtend blaue oder rote Fläche, vor der die drei Musiker (Andrew Hannan am Klavier und musikalische Leitung, Alexander Konrad am Akkordeon und Gleb Levin am Cello) wie schwarze Schatten erscheinen.  Requisiten sind auf ein Minimum beschränkt – Bett, Tisch, Theke, Kostüme angemessen schlicht, die Piaf durchgängig in ihrem schwarzen Kleid.

Piaf und ihre Stimme sind das Zentrum der Inszenierung, ihre Eskapaden, ihre emotionsgeladenen, mit viel Vibrato gesungenen Lieder, in stimmiger Performance, die die Instrumentalisten mit feinem Gespür und gelungener Abstimmung begleiten und den anderen Akteuren bloß Nebenrollen zuweisen, ob Agent, Manager, Therapeut oder Liebhaber (Stephanie Theiß, Michael Hiller, Dimetrio-Giovanni Rupp). Die Lichtregie unterstreicht das, ein Spot rückt den Star immer wieder ins Zentrum. 

Weitere Vorstellungen: 3. und 23. November, 18. und 19, Dezember, jeweils um 19.30 Uhr,  und am 30. Dezember um 18 Uhr. Für die Vorstellung am 11. November, 16 Uhr, gibt es nur noch Resttickets. Kartentelefon 0651/718-1818.