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„Klassik um 11“ mit Victor Puhl und den Trierer Philharmonikern

Konzerte : Kompromisslos bis zum letzten Takt

„Klassik um 11“ mit Victor Puhl und den Trierer Philharmonikern beeindruckt in der Promotionsaula.

„Klassik um 11“ – eine akustische Zutat zum Sonntagsbraten, serviert in gelöster Atmosphäre und mit begrenztem Qualitätsanspruch? Wer immer das (noch) geglaubt haben mag, wurde in der Trierer Promotionsaula endgültig von diesem unseligen Klischee erlöst. Allein die Konzentration, mit der die klein besetzten Philharmoniker auftraten, die Spannung, die sie durch ihre Körpersprache vermittelten – all das spricht für sich.  Und jede Geste von Dirigent Victor Puhl signalisiert: Die Kompositionen von Haydn, Mozart und auch Leopold Kozeluch (1747-1818) sind nicht Anlass zu kultivierter Entspannung, sondern das Gegenteil: Musik von größtem Anspruch. Und das für Interpreten und Zuhörer zugleich.

Die Sinfonie 68 gehört zu Haydns mittlerer Periode und wird nicht immer ganz ernstgenommen. Doch Puhl und die Philharmoniker setzten an diese Komposition ihre ganze Energie. Haydns nur scheinbar harmlose Musik  verbreitete eine Kompromisslosigkeit, die die Formel vom „Papa Haydn“ als Klischee entlarvt (Übrigens: auch Mozart sprach vom „Papa Haydn“ – allerdings mit höchstem Respekt).  Wie theaternah ist diese Musik!  Vor allem der langsame Satz klingt wie ein Bühnenstück. Auf der Vorbühne läuft eine eher simple Handlung ab, hin und wieder öffnet sich der Vorhang für einen Moment. Bis dann das große Spektakel beginnt und das volle Orchester mit  großem weitem Klang einsetzt. Was für ein Stück! Und welch eine Interpretation!

Künstlerische Intensität und  Kompromisslosigkeit – sie zogen sich wie ein Leitmotiv durch das gesamte Konzert. Michael Corde, sonst unauffällig im Orchester-Bläsersatz, brilliert in Leopold Kozeluchs mozartnahem Klarinettenkonzert. Nicht allein der vokalnahe, kultivierte Ton besticht. Corde versteht es, Kozeluchs Melodik Profil zu geben. Und vor allem: Sogar in den zahlreichen heiklen Kadenzen und improvisierenden Ein- und Übergängen strahlt der Klarinettist eine erstaunliche Gelassenheit aus. Da ist nichts verspannt, überzogen oder auch nur banal. Und die Philharmoniker und Victor Puhl, sie begleiteten den Kollegen klangkultiviert und mit größter Aufmerksamkeit. Man hört und ist beeindruckt.

Mozarts große g-Moll-Sinfonie ist ein Fall für sich – allzu populär, abgenutzt, von Trivialität bedroht. Aber Victor Puhl und die Philharmoniker musizieren an gegen die Alterserscheinungen dieser oft allzu präsenten Musik. Und sie gewinnen. Sie befreien das Werk aus seinem Schattendasein als Hintergrund-Musik in Büros, Praxen und Verkaufsräumen. Sie geben ihm seine Würde zurück. Und sie vermitteln beides – die Kompromisslosigkeit dieser Musik und ihr Gebrochenes, Zwielichtiges. Es ist das Miteinander von entschiedenem Aufbegehren und leiser Resignation, von herrischem Künstlerstolz und subtiler Melancholie. 230 Besucher im ausverkauften Saal lauschten wie gebannt. Und feierten danach Victor Puhl und Triers Orchester. Draußen lagen die Jahresprogramme des Theaters zum Mitnehmen bereit. Nach diesem Konzert werden es alle Besucher wissen: Ohne professionelles Theater wäre das Leben in Trier um vieles ärmer.