Klingt gut, der Stress in England

Konzert : Genesis-Show mit Steve Hackett: Klingt gut, der Stress in England

Aufgestanden: Der frühere Genesis-Gitarrist Steve Hackett lässt sich im vollen Club der Rockhal Esch zu Recht feiern – nicht nur wegen einer Überraschung im Programm.

Alle sind tot – das bedeutet dann wohl: unentschieden. Ein Münzwurf muss darüber entscheiden, wer ihn gewonnen hat, den blutigen Kampf zwischen rivalisierenden Gangs im Londoner Norden, den „Battle of Epping Forest“. Das ist das Fazit, das der Sänger am Ende der progressiven Mini-Oper zieht. Peter Gabriel hat die Geschichte einst kreativ zusammengesponnen, mit einer Vielzahl an Charakteren und Wortspielen, auf die Bühne gebracht fast wie ein Theaterstück. Es ist eine üppig orchestrierte Gesellschaftskritik, einigermaßen skurril, wie einige andere Stücke von „Selling England by the Pound“ auch. Kings of Verschrobenheit, ungekrönt.

Rund 45 Jahre ist es her, dass Steve Hackett gemeinsam mit Peter Gabriel in der wohl bedeutendsten Genesis-Phase auf der Bühne gestanden hat. Oder besser: Gesessen hat er, an der Seite, das Gesicht halb verdeckt vom langen Haar. Unauffällig, an der Grenze zur Unsichtbarkeit. Nur sein Ton, der machte die Musik. Für manche Fans war Genesis tot, als Peter Gabriel die Band verließ. Das war 1975 – Schlagzeuger Phil Collins übernahm den Gesang. Aber erst als auch Hackett 1977 die Band verließ, ging es vom Progressive-Rock zielstrebig zum musikalisch kaum noch ambitionierten Stadionrock. Bergab nach ganz oben.

Am Sonntagabend im vollen Club der Rockhal Esch: Die langen Haare hat Steve Hackett noch, inzwischen 69 Jahre alt. Aber er sitzt nicht mehr, er steht im Zentrum. Das Selbstbewusstsein ist sehr angemessen: Hackett nimmt sich unter dem Motto „Genesis Revisited“ des Frühwerks mit großer Leidenschaft an. In Luxemburg spielt er das komplette „Selling England by the Pound“-Album. Im Gegensatz etwa zu „The Musical Box“ – einer sehr erfolgreichen Tributband, die einige Monate zuvor an gleicher Stelle spielte – sehen sich Hackett und Band nicht nur als Konservatoren ohne eigene Impulse. So wird „I know what I like (in your wardrobe)“ um lange Solo-Parts erweitert. Höhepunkte sind „Firth of Fifth“ mit seinen wundervollen Melodiebögen und die Romeo-und-Julia-Variation „The Cinema Show“.

Die Band, bei der Nad Sylvan stimmlich überzeugend den oft schwierigen Part von Gabriel übernimmt, überrascht auch mit einem neuen alten Genesis-Song, „Deja vu“. „Das war eine Skizze, die wir fertiggestellt haben“, sagt Hackett, der im ersten Teil des über zweistündigen Konzerts ohne Genesis-Stücke auskam – die waren zwar wohl für die Mehrheit der Zuschauer der Grund, zum Konzert zu gehen. Hacketts eigene Songs gehören aber ebenfalls zum Inventar im Prog-Rock. Dass Bands live ein komplettes Album am Stück spielen, ist längst Konzertalltag geworden. Hackett ist einer der Ersten, der gleich zwei Alben fast komplett spielt. Neben „Selling England...“ präsentiert er sein Soloalbum „Spectral Mornings“ zum 40. Geburtstag fast komplett.

Der Abend ist ein gelungener Trip in die 1970er mit Musik, die kaum einmal anachronistisch rüberkommt. Und während parallel bei der Europawahl die Brexit-Partei von Nigel Farage ihren Sieg feiert, geben die Musiker um Hackett ihr Statement in Form von Stickern ab: „Fck Brxt“ klebt auf Keyboards, Ständern und Koffern. Im Epping Forest wird nicht mehr gekämpft. Im London des frühen 21. Jahrhunderts schon.

Der frühere Genesis-Gitarrist Steve Hackett mit seiner Band beim Auftritt in der Rockhal Esch. Foto: TV/Andreas Feichtner

Nächste Show von Steve Hackett: 29. Mai, Zitadelle Mainz (open air). Am 17. und 18. April 2020 bringen Steve Hackett und Band „Selling England by the Pound“ mit Orchester und Chor in Wuppertal auf die Bühne.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Fotos: Steve Hackett und Band in der Rockhal Esch

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