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Kompositionswettbewerb Karl Marx Gedichte Aufruf Trier

Musik : Hinhorchen, wie Karl Marx klingt

Der junge Karl Marx hat Gedichte geschrieben. Nun sind Musiker im Rahmen eines Kompositionswettbewerbs aufgerufen, sie zu vertonen.

Es ist ja richtig: Auch ein Komponist des 20. Jahrhunderts hieß Marx. Aber im Übrigen nimmt sich der Familienname des großen Philosophen und ambitionierten Revolutionärs reichlich unmusikalisch aus. Das könnte ein Irrtum sein. Jedenfalls steht im breit gefächerten Trierer Marx-Programm ein Teilprojekt ins Haus, auf das in Trier von allein wohl niemand gekommen wäre: ein Kompositionswettbewerb mit Musik auf Gedichte des revolutionären Dialektikers. „Wilde Lieder“ hat er sie für die erste Druckausgabe von 1841 genannt. Es war seine erste Publikation, immerhin sieben Jahre vor dem „Kommunistischen Manifest“. Die poetische und vielleicht musikalische Seite des Revolutionärs ist danach bis zum Mauerfall untergegangen.

Auch heute hinterlässt der Hinweis auf die literarischen Jugendsünden von Marx eher Ratlosigkeit. Immerhin sind dabei zwei Hürden zu nehmen. Dass Marx überhaupt gut war für Poesie und die dann auch noch drucken ließ, ist überraschend genug. Und dass Marx und Musik vielleicht zueinander passen, gehört auch nicht gerade zum allgemeinen Bildungsgut.

Stephan Meier hat es trotzdem gewagt. Der Dirigent und Komponist, Jahrgang 1966, hat in Verbindung mit Rudolf Hahn von der Trierer Karl-Marx-Gesellschaft einen Kompositionswettbewerb über Marx ausgeschrieben. Die Referenzen für Meier sind glänzend. Er ist Schüler von Komponisten-Größen wie Pierre Boulez, Mauricio Kagel, Luigi Nono oder Peter Eötvös. Meier ist unter anderem künstlerischer Leiter der Birmingham Contemporary Music Group. „Frische Veranstaltungskonzepte und -ideen, neue Musik in neuen Kontexten zu platzieren“ sei Basis seiner Arbeit, sagt er im Gespräch mit dem TV. Meier hatte bereits 2016 einen Wettbewerb um den Universalgelehrten  Gottfried Wilhelm Leibniz  veranstaltet. Von dem ist immerhin der Schlüsselbegriff der „prästabilisierten Harmonie“ überliefert. „Leibniz‘ Harmonien“ hieß denn auch der Wettbewerb.

Nun also Marx. Und da wird bei eingehender Betrachtung relativ rasch deutlich, dass dieser Wettbewerb genau passt in das offene Konzept zum Marx-Projekt, das Projektkoordinator Rudolf Hahn und seine Mitstreiter erarbeitet haben. Bei diesem Wettbewerb geht es um nicht weniger als um die Frage: Wie nehmen die Komponisten Marx wahr? Und wie setzen sie diese Wahrnehmung in Klänge, Rhythmen und – vielleicht – Geräusche um?

Zeitdauer der Komposition und Besetzung sind festgelegt, hauptsächlich aus organisatorischen Gründen. Die Wettbewerbsregeln schreiben zudem vor, dass der Komponist persönlich anwesend sein muss bei der Uraufführung. Im Übrigen gibt es keine Vorgaben. Es bleibt beispielsweise den Komponisten überlassen, ob sie ein ganzes Gedicht vertonen oder nur ein Zitat. Was bedeutet: Jeder Komponist muss in sich hineinhorchen und kann dann selber entscheiden, wie sein persönlicher Marx klingt. Wird die reichlich wild-sentimentale, manchmal auch ironische Poesie Basis für Neue Musik, für Klassik, Romantik, Barock oder Renaissance? Gibt sie Raum vielleicht für Improvisationen? Sind die Texte möglicherweise Grundlage außereuropäischer Melodien und Rhythmen? Oder reimen sich die Gedichte des Revolutionärs eher auf Heavy Metal oder Ähnliches? Eins ist allerdings klar: Umfangreiche Orchestermusik, Sinfonische Dichtungen vielleicht, kommen aus praktischen Gründen nicht in Frage. Und ein Wagnernahes Musikdrama bleibt auch tabu. Aber im Übrigen können die Marx-Gedichte ein Feld werden, auf dem der kompositorischen Phantasie praktisch keine Grenzen gesetzt sind. Einsendeschluss für Wettbewerbs-Beiträge ist der 29.  Juni.

Partner im Wettbewerb sind die Karl-Marx-Ausstellungsgesellschaft, die Stadt Trier, die Kammermusikalische Vereinigung Trier und die Birmingham Contemporary Music Group. Die Jury besteht aus Prof. Julian Anderson, Prof. Carola Bauckholt, Prof. Stefan Fricke und Stephan Meier als Artistic Director. Die Schirmherrschaft hat Bundespräsident Steinmeier übernommen. Die prämierten Arbeiten werden am 1. und 2. September in Trier vorgestellt. Weitere Aufführungen in London und Birmingham.  Die Preisgelder bewegen sich zwischen 4000 und 500 Euro.