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Karl Marx Musik
Karl Marx auf Augenhöhe

Trier. Aus der ganzen Welt haben sich Musiker durch die „wilden Lieder“ von Karl Marx zu neuen Kompositionen inspirieren lassen und ihre Werke eingereicht beim Kompositionswettbewerb in Trier. Unter 71 Einsendungen hat die Jury nun die Preisträger ausgewählt. Von Martin Möller

Die Stimmung im Kino-Raum des Trierer Stadtmuseums war so richtig aufgeräumt. Eine „tolle Nummer“ sei der Kompositionswettbewerb um die „Wilden Lieder“ des jungen Marx, sagte der Trierer Oberbürgermeister Leibe. Und machte für sich gleich einen „neuen Zugang zur Musik“ aus. Justizministerin Katarina Barley, „unsere Botschafterin in Berlin“ (Leibe), zeigte sich durch die angetragene Schirmherrschaft sichtlich geehrt. Rudolf Hahn, der das Trierer Projekt angestoßen hatte, hob ab auf dessen finanzielle Eigenständigkeit, wobei dem veranstaltenden Verein mit dem Bandwurm-Titel „Verein zur Förderung des Jubiläumsprogramms des Karl-Marx-Jahres in Trier e. V.“  mangels Sponsoren-Interesse auch wenig anderes übrig blieb. Immerhin 170 000 Euro landeten stattdessen von der öffentlichen Hand in der Projektkasse.

Damit waren die Honneurs abgehakt, und der künstlerische Leiter Stephan Meier kam zur Sache. Anfang dieses Jahres wurde der Wettbewerb ausgeschrieben. Ziel sei es, so Meier, von vorneherein gewesen, Marx künstlerisch zu aktualisieren. Seine poetischen Jugendsünden, die „Wilden Lieder“, sollten nicht Anlass werden zu nostalgischer Rückschau. Die Komponisten sollten Marx in der Gegenwart und auf Augenhöhe begegnen. Damit war klar: Aufwärmen veralteter Kompositions-Rezepte würde sicherlich nicht zum Wettbewerbserfolg führen. Handwerkliche Sicherheit, Ideenreichtum und der Wille, wirklich Neues zu erfinden – das waren die wichtigsten Kriterien der sechsköpfigen Jury (Julian Andersen, Carola Bauckholt, Stefan Fricke, Franz Martin Olbrisch, Celeste Oram, Stephan Meier).

Minder wichtig war, ob die Komposition den Marx-Text tatsächlich in den Mittelpunkt stellte oder nur zum Anlass nahm für die eigene Kreativität. 71 Personen weltweit haben sich an dem Wettbewerb beteiligt – niemand aus der Großregion.

Jedenfalls dürfen sich neun Personen bei acht Projekten über die mit insgesamt 16 250 Euro dotierte Auszeichnung freuen. Preise wurden vergeben in den Kategorien Ensemble, Duo und Klangkunst. Die Wohnorte der Preisträger verteilen sich über die ganze Welt: Amsterdam Florenz, ­Canterbury, Cedarburg (USA), Berlin, Alessandria, Lyon, Horb (Neckar) und Achern. Auch die Geburtsorte sind weit gestreut: Buenos Aires, Grosseto, London, New York, Izmir, Alessandria, Avignon, Regensburg und Achern. Die deutsche Präsenz unter den Preisträgern ist zwar gering, aber es gibt sie. Da erstaunt es schon eher, dass bei einer „großen Zahl chinesischer Bewerber“  (Meier) es niemand aus dem Reich der Mitte aufs Siegertreppchen geschafft hat.

In drei Konzerten sind demnächst die Uraufführungen der prämierten Werke zu hören. Sie finden statt am 1. September in der Promotionsaula Trier (20 Uhr, mit Werken von Fréderic Pattar und Sergej Newski sowie von vier Preisträgern) und im Stadtmuseum Simeonstift (22 Uhr, mit Werken der drei ausgezeichneten Klangkunst-Projekte) sowie am 2. September im Kurfürstlichen Palais Trier (11.30 Uhr, Konzert und Preisverleihung). Zudem stehen in den Konzerten die Aufführungen von sechs Auftragskompositionen an. Ein weiteres Konzert ist in Birmingham (Großbritannien) geplant.

Was erwartet die Zuhörer? Dass die überwiegend jungen Preisträger nicht Musik fürs heimische Sofa geschrieben haben, dürfte wohl klar sein. Aber an einem Werk lässt sich vielleicht ablesen, wie die jüngere Generation heute komponiert.

Seit Donnerstag hängt im Kinosaal des Trierer Städtischen Museums eine Klanginstallation – „Pierrot Laborieux (work & The Work) von Celeste Oram“ (*1990). Kurz gefasst sind es verfremdende Zwei-Sekunden-Aufnahmen von Schönbergs „Pierrot lunaire“. Die werden über einen Algorhythmus zu einer Folge geordnet, die nicht chronologisch ist, sondern „selbstähnlich“ Der Effekt ist faszinierend: Schönbergs Musik löst sich auf in Klangfetzen. Die konkurrieren mit Umgebungsgeräuschen, ohne ganz ihre Erkennbarkeit aufzugeben. Ein Ergebnis, das die Klangwelt der Moderne, wie wir sie auf Straßen oder in Kaufhäusern erleben, eindringlich widerspiegelt.