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Kulturmacherin Helke Salzburg: Von den Wechselfällen des Lebens

Kulturmacherin: Helke Salzburg : Von den Wechselfällen des Lebens

Die langjährige Hausherrin von „Schülers Mühle“ hat kurz vor ihrem achtzigsten Geburtstag einen Gedichtband veröffentlicht.

Wenn sie an die kleine flache Vitrine geht, um das blaue Schulheft herauszunehmen, kommt einem unwillkürlich Anna Achmatowas zärtliche Gedichtzeile in den Sinn: „in diesem blauen Hefte hier stehn meine ersten Kinderlieder“. Kinderlieder hat Helke Salzburg nicht aufgeschrieben. Ihr blasses, schon leicht abgegriffenes Heft enthält die Gedichte vieler Jahrzehnte, niedergeschrieben in ihrer prägnanten Handschrift. Jetzt hat der Rhein-Mosel-Verlag in Zell eine Auswahl daraus als Gedichtband veröffentlicht. „Es gibt Worte“ heißt der schmale Band, der eigentlich auch eher ein Heft ist und zu dessen Bezeichnung das französische „Cahier“ viel besser passte, als das deutsche „Bändchen“.

Wir haben uns zum Gespräch im lichten Dachgeschoss der Wohnung der Autorin in Wittlich getroffen. Ein Raum, fein abgestimmt in Grau- und Brauntönen und von einer ruhigen strengen Ordnung, die alles Unordentliche, Widersprüchliche und Verletzliche der Welt draußen auszusperren scheint.

Aufregendes gab es schließlich genug im Leben der hochgewachsenen schlanken Frau, die ihrem achtzigsten Geburtstag entgegensieht und dabei zeitlos jung wirkt, wenn sie begeistert von ihren Projekten erzählt, von den Jahrzehnten als Hausherrin in „Schülers Mühle“ bei Hunolstein, von ihren Künstlerfreunden und ihrer Liebe zur Musik. Zuweilen wird dann wieder die junge Frau sichtbar, die Studentin der Architektur an der Technischen Hochschule Hannover, die sich in ihren ersten Mann, einen Kommilitonen, der Laute wegen verliebte, die er so klangvoll spielte.

Mit der Mühle im Hunsrück ist Helke Salzburgs Name untrennbar in der Region verbunden. Als Eigentümerin und Gastgeberin machte sie das Haus zu einem Tagungs-, Kultur- und Konzertort, zu dem Gäste von weither kamen, darunter zahlreiche Künstler und Intellektuelle, mit denen sie bis heute befreundet ist. Alljährlich richtete sie in der Mühle im Rahmen des Mosel Musikfestivals das Konzertformat „Bach am Bach“ aus. Der barocke Großmeister ist bis heute ihr Lieblingskomponist. „Ich liebe die strenge Form der Musik, in der sich so viel emotionale Tiefe und innere Vielfalt auftut“, sagt Helke Salzburg leise, so als ob sie etwas Persönliches von sich eher widerwillig preisgäbe.

Das tut sie umso offener in ihren Gedichten. Aus ihnen führt der Weg unmittelbar als Seelenklang ins Wesen der Verfasserin. „Es gibt Worte“: als Foto umspülen die Wellen des Meerfelder Maars den grauen Band, so wie Worte und Sätze, die kommen und gehen. Hier am Maar habe sie oft gesessen und geschrieben, erzählt die 1940 bei Berlin geborene Kulturmacherin. Die ist die Tochter eines Lehrerehepaars spätestens seit sie 1972 nach dem Studium im geerbten Anwesen in Bissendorf bei Hannover die Galerie Werkhof Bissendorf gründete. Gut 10 Jahre später wechselte sie in die Mühle im Hunsrück. „Ich war hin und weg“, erinnert sie sich an ihre erste Begegnung mit der Anlage. Dass die Jahre dort ihre schönste Zeit wurden, habe nicht zuletzt an der „wunderbaren Natur“ gelegen.

Eigenwillig, entdeckungsfreudig, zupackend und voller Lebenswillen war die Mutter eines Sohns wohl schon immer, die bereits damals als kleines Mädchen lieber die Gegend mit dem Rad erkundete, statt Klavier zu üben. Turbulente Kriegsjahre führten sie über Prag nach Bayern und ins Rheinland. Nicht nur schöne Erinnerungen prägten die folgenden Jahre. So wie Achmatowa schreibt:“ Wie oft war Schmerz und Gram um mich“. Sie alle, Glück und Leid hat Helke Salzburg in ihre Gedichte gefasst, für die sie eine strenge traditionelle Versform wählte. Auch wenn sie nicht immer konsequent im erwarteten Rhythmus bleibt, so sind ihre Verse doch voller Beseeltheit und einem anrührenden inneren Drang nach Öffnung.

Eine Offenheit, die wohl nur die künstlerische Überformung ermöglicht. Um verpasste Jahre geht es, um enttäuschte Liebe, Verzweiflung, Einsamkeit und Fremdheit. Die Seele spiegelt sich vielfarbig In der Natur, so wie in einem der schönsten Gedichte, „Herbstastern“. Die deutsche lyrische Tradition klingt durch diese Gedichte, in denen dennoch die Autorin ganz bei sich ist.

Längst lebt Helke Salzburg in Wittlich im so genannten Ruhestand. Aufgeben oder ausruhen ist ihr Ding auch jetzt nicht. „ich versuche mich körperlich fit zu halten“, sagt die passionierte Wanderin. Das gilt auch für ihre Kreativität als Kunsthandwerkerin. Ihr aktuelles Projekt sind selbstgenähte und entworfene Bücher- und Stoffetuis für Schmuck oder Geldscheine. „Man verschenkt ja nicht gern Geld einfach so nackt“ sagt sie. Beim Nachhausegehen begegne ich vor der Tür ihrem ehemaligen Mühlen-Nachbarn, einem Frankfurter Filmemacher. „Eine bemerkenswerte Frau“ sagt er. Wohl wahr.

Helke Salzburg, „Es gibt Worte“, Rhein-Mosel-Verlag, 8 Euro, 48 Seiten. ISBN 978-3-89801-436-6.