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Kunstwerk der Woche: Hiltrud Kirchner-Plum

Kunstwerk der Woche : Aus der Linie Welten schaffen

Sie ist schon deshalb eine Ausnahmeerscheinung, weil sie sich ausschließlich auf die Bleistiftzeichnung konzentriert. „Ich liebe die Linie“, sagt Hiltrud Kirchner-Plum aus Kanzem (Landkreis Trier-Saarburg).

Nicht, dass sie etwas gegen die Farbe hätte. „Aber die Malerei ist nun mal nicht mein Ausdrucksmittel“.

Schon früh war die Entscheidung für den Graphitstift gefallen: „Ich habe schon als Kind nur gezeichnet“. Was aus Leidenschaft begann, wurde zur lebenslangen Profession. Aus der Linie entwickelt die Künstlerin und studierte Kunsterzieherin bis heute ihre grau-weißen Bildwelten, nuancenreiche Spannungsfelder aus Lineament und weißen Flächen. Mittels der Linie macht sie in Landschaften und Gesichtern erfassbar, was nicht augenscheinlich ist.

Wer ihre gezeichneten Porträts kennt, weiß dass ihr Bleistift bisweilen einem Skalpell gleicht, das sich einfühlsam dem Seelenleben darin annähert und es feinsinnig frei legt. Noch eine andere Eigenart prägt die Bildschöpfungen der Zeichnerin. Hiltrud Kirchner-Plum ist eine „umgestellte“ Linkshänderin. Weshalb sie inzwischen sozusagen zwei rechte Hände hat. Beim Zeichnen ist die linke Hand weiterhin fürs Spontane, Kraftvolle, Lockere zuständig. Der rechten Hand bleibt das Nachdenkliche, die Feinzeichnung vorbehalten. Mit links entstehen auch die weiten Linien ihrer Landschaftsbilder, wenn die in Kanzem lebende Zeichnerin draußen unterwegs ist, um vor der Natur zu zeichnen.

In der stillen Abgeschiedenheit der Pandemie hat sich die Künstlerin mit ihrem Zeichenstift zunehmend der belebten, vielfältigen Welt der Erinnerung zugewandt. Bewusste und unbewusste Bilder, Fundstücke, aber auch Tagesaktualitäten wie die Hof-und Balkonkonzerte des Lockdowns, richteten den Blick gleichermaßen nach innen wie nach außen.

Aus solcher Verschränkung von Innen-und Außenschau sind jetzt wunderbar poetische Zeichnungen entstanden. In ihren feinen Grautönen tut sich ein fantastischer vielschichtiger Raum auf, dessen Gestalten einer märchenhaften Welt zu entstammen scheinen. Sie geben dem großen Erzähler Honoré de Balzac recht, nach dem man zweimal lebt: das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung.

Kontakt: 06501 1 68 72