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Letzter Auftritt von Jan Wilke tr

Klassische Musik : Jan Wilkes letzter Auftritt als Leiter des Trierer Speechors: Vergangenheit mit Gegenwart verbinden

Der Spee-Chor führt Maurice Duruflés Requiem und Carl Rüttis Dona nobis pacem in Trier-Heiligkreuz auf. Für den Leiter Jan Wilke war es das letzte Chor-Konzert. Er konzentriert sich nun auf eine andere Leidenschaft.

Maurice Duruflé – wie viel Musik klingt mit in diesem Namen! Man möchte meinen, dieser Komponist sei von Anfang an auserwählt für Klänge, die fließen, statt zu stocken, die sacht auftreten statt angestrengt zu überreden, und in denen sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen. So wird der Name zum Programm. Auch in seinem Requiem greift Duruflé zurück auf den uralten gregorianischen Choral. Er wird zum Mittelpunkt der Komposition. Immer wieder nimmt der Komponist aus der archaischen Einstimmigkeit Impulse auf und trägt sie weiter in ein modernes Lebensgefühl. Aber diese Musik ist nicht nur retrospektiv. Die Komposition entwickelt sich auch zu großen, vollstimmigen Fortissimo-Blöcken und zu raffinierten, impressionistischen Klangfarben.

Der Spee-Chor und sein Leiter Jan Wilke, sie haben sich auf Duruflés hintergründige Tonsprache eingelassen und sich sorgfältig in sie eingehört. Probleme bleiben marginal. Dass die Bässe zum Einstieg das vorgeschriebene Pianissimo zum Mezzoforte umbogen, dass die Tenorgruppe vielleicht etwas stärker besetzt sein könnte und den Sopranen nach einer Stunde angestrengten Gesangs der Abschluss „In Paradisum“ nicht mehr ganz so hell und leicht gelang – geschenkt! Wilke und der Spee-Chor treffen mit untrüglicher Sicherheit eine faszinierende Verbindung aus Intensität und Innhalten. Der Chor bewältigt die zahlreichen Lautstärke-Modifikationen und Taktwechsel mühelos. Er steigert den dritten Satz „Domine Jesu Christi“ Schritt für Schritt zu einem erschreckenden Höhepunkt im dreifachen Forte (fff) – „befreie alle Verstorbenen von den Qualen der Hölle“ – und sinkt dann doch wieder zurück in ein zartes Piano der Oberstimmen.

Die beiden Solisten fügten sich perfekt ein. Sie setzten nicht einseitig auf Brillanz, sondern auf Integration. Sie waren Teile eines Ganzen. So kam es, dass Hanna Roos ihrem Mezzosopran Wärme und Farbe mitgeben konnte und Andreas Post mit tenoraler Strahlkraft glänzte, (wobei der Komponist freilich Baritonpartien vorgibt). Die Trierer Philharmoniker praktizierten kluge Zurückhaltung glänzten aber in Soli (Violine, Violoncello). Und an der Orgel bewältigte Ulrich Krupp als Begleiter ein Riesenpensum und präsentierte sich in Jehan Alains „Deuxième Fantaisie“ auch mit solistischer Sicherheit.

Und der Konzert-Beginn? Eins steht fest: Carl Rüttis „Dona nobis pacem“ von 2018 war nicht, was man leichthin den „Einstieg“ nennt. Das Werk war deutlich mehr – eine Musik von entschiedener Kraft und in einer glänzenden Instrumentation. Rütti hat es verstanden, so zu komponieren, dass alle Irritationen ausbleiben. Seine Harmonik inte­griert auch fremde Töne und fremde Akkorde. Aber sie bewegt sich immer auf tonalem Fundament. Das sichert ihr eine fast universale Zugänglichkeit. Offen und zugänglich war denn auch die Interpretation mit Hanna Roos, Andreas Post, Ulrich Krupp und den Philharmonikern unter Jan Wilke.

 Speechor mit Jan Wilke
Speechor mit Jan Wilke Foto: Martin Möller
 Speechor mit Jan Wilke
Speechor mit Jan Wilke Foto: Martin Möller

Für Wilke war dieses Konzert das letzte mit dem Spee-Chor unter seiner Leitung. Er wolle sich künftig stärker dem Komponieren widmen, hatte er im Gespräch mit dem TV erklärt. Das eröffnet ganz neue Perspektiven – ein Konzert mit dem Spee-Chor und Wilke, dieses Mal als Komponist. Das indes bleibt Zukunftsmusik. Aber die Nachfolgerin steht schon in den Startlöchern. „Willkommen, Carina Brunk!“, verkündet das Programmheft. Und ergänzt „Wir sind gespannt, wo unser gemeinsamer Weg hinführt.“