| 17:24 Uhr

Kultur
Geburt und Tod mit Licht und Ton

Lichtinstallation Inkubator: Werden und Vergänglichkeit sind das Thema der neuen multimedialen Ausstellung im Generator, dem als Ausstellungsort genutzten ehemaligen Heizungskeller des Geozentrums auf dem Trierer Petrisberg.
Lichtinstallation Inkubator: Werden und Vergänglichkeit sind das Thema der neuen multimedialen Ausstellung im Generator, dem als Ausstellungsort genutzten ehemaligen Heizungskeller des Geozentrums auf dem Trierer Petrisberg. FOTO: Joerenessen + Kessner 2017 / Medienhaus Trierischer Volksfreund
Trier. Die Installation des Künstlerduos Joeressen+Kessner verwandelt den größten Heizungskeller Triers in ein einzigartiges Raumerlebnis. Von Rainer Neubert
Rainer Neubert

Als der mehrgeschossige Heizungskeller des ehemaligen französischen Hospitals im Frühjahr 2016 als innovativer Ausstellungsraum wiederbelebt wurde, erlebten die Besucher ein Blitzlichtgewitter. Kurze Eindrücke des mächtigen Raumes brannten sich auf der Netzhaut der Betrachter förmlich ein, wie es das Konzept des Lichtkünstlers Mischa Kuball vorsah. Mit dem eher verspielten Umgang mit Blindtext verzauberte Hartung & Trenz (das Duo Detlef Hartung und Georg Trenz) dann vor einem Jahr die Besucher des Medienkunstlabors der Universität Trier. Die dritte Licht- und Klanginstallation – „inKUBATOR – rückt nun wieder die Nüchternheit und Größe der Säulenhalle in den Mittelpunkt.

„Es war auch in diesem Jahr eine finanzielle Zitterpartie, ob wir diese Ausstellung realisieren können“, sagt Ulrike Gehring, Professorin für Kunstgeschichte, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Stephan Brakensiek und engagierten Studierenden für die Etablierung des Generators als Ausstellungsraum kämpft. Erst drei Wochen vor der Eröffnung am 30. November seien die Verträge mit den Künstlern in trockenen Tüchern gewesen.

„Unser künstlerischer Anspruch wächst mit jeder Ausstellung“, sagt Gehring. Dass hochwertige und individuell für diesen Standort entworfene Lichtinstallationen ihren Preis haben,  erleichtert die Sache nicht unbedingt. So war das Künstlerduo Joeressen+Kessner alias Eva-Maria Joeressen und Klaus Kessner insgesamt viermal für mehrere Tage in Trier, um den inKUBATOR zu entwerfen und zu programmieren.

Andrea Günther betrachtet einen der Keramikvögel von Nelienke van Wieringen. Werden und Vergänglichkeit sind das Thema der neuen multimedialen Ausstellung im Generator, dem als Ausstellungsort genutzten ehemaligen Heizungskeller des Geozentrums auf dem Trierer Petrisberg.
Andrea Günther betrachtet einen der Keramikvögel von Nelienke van Wieringen. Werden und Vergänglichkeit sind das Thema der neuen multimedialen Ausstellung im Generator, dem als Ausstellungsort genutzten ehemaligen Heizungskeller des Geozentrums auf dem Trierer Petrisberg. FOTO: Rainer Neubert / Medienhaus Trierischer Volksfreund

Das Ergebnis macht jeden Besuch in den Katakomben der ehemaligen Klinik zu einem einmaligen Erlebnis: Vier leistungsstarke Beamer schicken nun computergesteuert gleißende Rechtecke aus Licht in immer neuer Kombination durch den Raum. Zu den wechselnden Takten und Tonhöhen einer Klanginstallation ertasten die sich unablässig verändernden Lichtfinger wie Suchscheinwerfer Betonsäulen, Decken und Wände. Das offenbart ständig neue und überraschende Eindrücke von den räumlich-verschachtelten Strukturen des riesigen Raumes. Besucher sollten sich Zeit nehmen, um die manchmal schnellen, dann wieder langsamen Variationen erleben zu können.

Spektakuläre Lichtinstallation im Generator Trier FOTO:

„Die Projektion sehr einfacher, bewegter geometrischer Formen, gekoppelt an unterschiedliche Klangfarben und Lautstärken, unterlegt dem Raum eine ständige, sich nie wiederholende Veränderung“, erklärt Kuratorin Andrea Günther. „Wie ein Inkubator, ein Brutschrank, schaffen die Künstler hier labor­artige Bedingungen, unter denen ständig neue Raum-, Licht- und Klangsynthesen möglich werden.“ Die Kunsthistorikerin ist als Doktorandin maßgeblich an Vorbereitung und Betreuung der Ausstellung beteiligt.

Doch nicht nur das Werden ist Thema in der alten Heizzentrale. Im  Kohlekeller, wo sich die Besucher  an Multivisionsstelen über die militärisch geprägte Geschichte des Petrisberges infomieren können, warten zwei weitere zeitgenössische Kunstwerke, die nur auf den ersten Blick in dem weiß getünchten Raum etwas verloren wirken.

Auf dem Plasmabildschirm eines an der Wand befestigen Fernsehers ist in Dauerschleife die Video-arbeit „Still Life“ der britischen Fotografin Sam Taylor-Johnson zu sehen. In Anlehnung an die Stillleben alter Meister erlebt der Betrachter mit Blick auf eine Obstschale im Zeitraffer den Verfall organischer Materie.  Die lebensecht wirkenden und doch scheinbar toten Vögelchen, von der niederländischen Künstlerin Nelienke von Wieringen auf weißen Stelen abgelegt, greifen das Ende des Werdens in der Tierwelt auf. „Kleine Malerei“ nennt sie ihre filigrane Keramikarbeit.

Bis Ende März wird im Generator der metaphorisch-zeitgenössische Bogen von Geburt bis Tod gespannt. „Danach wollen wir etwas zum Karl-Marx-Jahr machen“, verrät Ulrike Gehring. Die Lichtinstallation wurde – wie die aus dem Vorjahr – angekauft. Jederzeit, so versichert Stephan Brakensiek, können sie wieder gezeigt werden. Sofern die finanziellen Probleme dem ungewöhnlichen Ausstellungsraum kein Ende setzen. Denn: „Wenn es den Generator nicht mehr gibt, dann gibt es diese Kunstwerke nicht mehr.“