Literatur: "Zornfried" und "Stella"

Literatur : Forsten der Finsternis: Zwei Autoren, ein düsteres Thema

Die Romane von Jörg-Uwe Albig und Takis Würger: Nur einem folgt man gern ins Dunkel.

Zwei Bücher, beide miteinander verbunden durch das Thema Nationalsozialismus und dessen Wiedergänger von den „Neuen Rechten“. Und beide doch so unterschiedlich: Das eine – „Stella“ von Spiegel-Redakteur Takis Würger – ist höchst umstritten. Und bereits ein Bestseller. Das andere – „Zornfried“ von Jörg-Uwe Albig – ist gerade erst herausgekommen. Und wird hoffentlich einer.

„Stella“ brachte die Kritik gegen sich auf wie kaum ein anderer Roman der vergangenen Jahrzehnte. Die Verrisse – alle niederschmetternd. Tenor: Würger habe die wahre, immens traurige Lebensgeschichte der Stella Goldschlag für einen Reißer ausgeschlachtet.

Der wahre Anteil: Stella Goldschlag, 1922 geboren, war eine Jüdin, deren Eltern von den Nationalsozialisten gefangen genommen und als Druckmittel gegen die Tochter benutzt wurden, die untergetauchte Juden aufspüren und an die Gestapo verraten sollte. Sie gehorchte. Hunderte Menschen wurden aufgrund ihrer Spitzeldienste in die Vernichtungslager gebracht – und sie machte damit sogar noch weiter, als ihre Eltern längst selbst deportiert waren. Nach dem Krieg wurde sie vor Gericht gestellt und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Vor 25 Jahren nahm sie sich das Leben.

Und hier liegt der Grund für das Unbehagen, mit dem man den Roman liest: Würger bastelt um die wahre Geschichte eine fiktive, lässt einen Erzähler aus gutem – und seltsam zurechterfundenem – Schweizer Elternhaus nach Berlin fahren und sich dort in diese Frau verlieben. Auf Länge gebracht wird das Ganze durch Auszüge aus den Prozessprotokollen, in denen dargelegt wird, wen Stella Goldschlag wann an die Mörder auslieferte. Und so macht der Roman nicht nur seine zentrale Figur, sondern auch diese Menschen erneut zu Opfern, indem er sie für seine Zwecke einspannt.

Um nicht mit allen Wölfen zu heulen: Takis Würger, das muss man ihm zugestehen, schafft es, für Stella Goldschlag, die durch Folter gefügig gemacht wurde, Mitgefühl zu erzeugen. Aber das rettet die Sache nicht. Und beantwortet auch nicht die Frage, wo ein Autor die Traute hernimmt, eine solche Geschichte zu verschmökern. Vielleicht muss man dafür beim Spiegel sein.

Im direkten Vergleich, auch wenn es unfair sein mag, erweist sich Albigs – ebenfalls knappes – Buch als Sprachkunstwerk, dem man sich freudig hingeben kann: Er schickt seinen Erzähler, den Journalisten Jan Brock, tief in den Spessart, auf die titelgebende Burg Zornfried. Dort hat sich der Dichter Storm Linné zum Vordenker der „Neuen Rechten“ gemacht. Brock hat dessen jüngsten Band (erstklassig erfundener Titel: „Eiserne Ernte“) verrissen und erhält daraufhin vom Burgherrn Hartmut Freiherr von Schierling die Einladung zum „zwanglosen Gedankenaustausch“.

Zwanglos wird’s dann eher nicht. Für den Leser aber oft sehr komisch: Jedem Kapitel vorangestellt ist ein bräunlich dampfendes Gedicht von Storm Linné, alle schwerst an Genitivismus, Kleinschrift und Interpunktionsanämie leidend. Albig trifft darin, mit spürbarem Vergnügen an der lyrischen Mimikry, den völkisch-schmockigen Ton der Neurechten Deutschlandretter: „Es gibt kein aufwärts ohne stufen/Die mählich gliedern volkes gang/Die unten klar von oben trennen/Und bremsen geilen überschwang/So steigt der wald vom schlichten moose/Vom pilz zum farn zum unterholz/Und endlich zu der buche krone/des ganzen schirm des ganzen stolz“.

Takis Würger: Stella. Hanser, 220 Seiten, 22 Euro. Foto: Hanser/Repro Hanser
Thema ähnlich, Resultate unterschiedlich: Jörg-Uwe Albig (links) und Takis Würger. Foto: Klett-Cotta/Christina Zück
Jörg-Uwe Albig: Zornfried. Klett-Cotta, 160 Seiten, 20 Euro. Foto: Klett-Cotta

Auch hier wächst Unbehagen, Albig beschreibt eine reale Gefahr und einen Menschenschlag, dem mit Vernunft nicht mehr beizukommen sein dürfte. Er nimmt ihn ernst, und dann nimmt er ihn hoch. Man liest mit bibbernder Begeisterung.

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