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Geschichte
„Invalide, trunkergeben, bettelsüchtig“ - Kennt ihr die Armenkarte in der Karl-Marx-Ausstellung?

In dieser Karte von Trier sind die Adressen aus der Armenliste verzeichnet, die die Behörden Anfang der 1830er Jahre angefertigt haben. Für die Karl-Marx-Ausstellung haben Historiker der Universität Trier sie anhand eines Stadtplans aus der Zeit um 1845 (angefertigt von August Berthold) und der Original-Listen erstellt und interaktiv aufbereitet.
In dieser Karte von Trier sind die Adressen aus der Armenliste verzeichnet, die die Behörden Anfang der 1830er Jahre angefertigt haben. Für die Karl-Marx-Ausstellung haben Historiker der Universität Trier sie anhand eines Stadtplans aus der Zeit um 1845 (angefertigt von August Berthold) und der Original-Listen erstellt und interaktiv aufbereitet. FOTO: Stadtarchiv Trier / Stadtmuseum / Archiv Stadtarchiv Trier / Stadtmuseum
Trier. Die „Armenkarte“ ist eines der Highlights der Karl-Marx-Ausstellung im Stadtmuseum Simeonstift. Sie macht das Schicksal von Hunderten Armen in Trier Anfang der 1830er Jahre wieder lebendig. Von Annemarie Heucher
Annemarie Heucher

Susanne Weber hätte es sich nicht träumen lassen, dass die Nachwelt jemals auch nur die leiseste Notiz von ihr nimmt. Für arme Leute interessierte sich die Geschichtsschreibung damals nicht. Die 34-Jährige, die im Jahr 1832 in Trier Sankt Paulin 37 wohnte, war arm und „halbinvalide“, wie es in den Akten heißt. Fünf Kinder hatte sie zu versorgen – 16, zwölf, zehn, sechs und vier Jahre alt. Warum sie alleinerziehend war, ist nicht überliefert. Beamte vermerkten, sie sei „arbeitsfähig“. Zu was? Einen Beruf hatte die junge Frau offenbar nicht. Schicksalsgenossinnen strickten, nähten oder wuschen Wäsche für andere. Oder sie gewährten einem Soldaten Unterkunft.

Susanne Weber ist nur ein Fall unter 936 Trierer Haushalten, die die preußischen Behörden Anfang der 1830er Jahre über arme und damit choleragefährdete Trierer auflisteten.  1831 zog eine Epidemie durch Mittel- und Westeuropa, die Trierische Zeitung berichtete im Mai 1831 von ersten Toten in Danzig, Berlin und Magdeburg. „Man hatte damals noch keine Kenntnis der bakteriologischen Verbreitung der Cholera, wusste aber aus Erfahrung, dass dort, wo die Menschen in ärmlichen Umständen lebten, potenzielle Herde der Krankheitsverbreitung anzusiedeln sind“, erklärt Dr. Stephan Laux, Professor für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Trier. Unter seiner Leitung haben Wissenschaftler die von den preußischen Behörden in Trier zur Cholera-Vorbeugung gesammelten Daten über arme Haushalte im Rahmen der Karl-Marx-Ausstellung aufbereitet und zu einer interaktiven Medienstation gestaltet. Sie gibt detailliert Einblick in die Lage der kleinen Leute vor rund 180 Jahren, deren Not auch dem jungen Karl Marx nicht entgangen sein dürfte.

Während die Epidemie näher rückte, der 1831 allein in den östlichen Provinzen Preußens mehr als 25 000 Menschen zum Opfer fielen, wollten die Behörden in Trier genauer wissen, wo die Cholera in der Stadt Einzug halten könnte. Schließlich galten hier bis zu 80  Prozent der knapp 15 000 Einwohner als arm oder gefährdet, im Winter erhielt jeder dritte Haushalt öffentliche Unterstützung durch Kohlen, Nahrungsmittel oder Geld. Und so nahmen die Beamten jeden Haushalt in Augenschein, notierten nicht nur Namen, Anschrift, Beruf und Kinderzahl, sondern auch ihren Eindruck von der Arbeitsfähigkeit, Moral und Bedürftigeit der Betroffenen. Grundlage dafür war die Überzeugung der Trierer Gesundheitskommission, dass die Cholera begünstigt würde „durch Trunk, liederliche Lebensweise, Unreinlichkeit, verpestete Luft bei Anhäufung von Schmutz, gedrängtes Zusammenwohnen in engen Räumen und durch Mangel der notdürftigen Bekleidung und Nahrungsmittel von gesunder Beschaffenheit“.

Der Eindruck auf die Beamten: Um staatliche Unterstützung zu bekommen, musste man bei den Behörden einen entsprechenden  Eindruck machen. „Man hatte die Vorstellung von einer verschuldeten und einer unverschuldeten Armut, und diese beiden Gruppen, die man meinte voneinander trennen zu können, wollte man durch Hausbesuche identifizieren“, erläutert Professor Laux. Dass die Beamten subjektiv urteilten, wenn sie, vor allem bei Frauen, von „liederlich“ sprachen oder, vor allem bei Männern, von „Trunksucht“, sei eben den moralischen Standards der damaligen Zeit geschuldet, in der ein Schicksal immer auch als Folge der charakterlichen Prägung und teils auch als gottgegeben angesehen wurde. Zudem wollten die Behörden neben der Choleraprävention die Armenfürsorge deckeln – nach dem schon damals populären Motto, das Unterstützen der Armen dürfe nicht deren Zahl vermehren –, weshalb die Betroffenen in verschiedene Bedürftigkeitsklassen eingeteilt wurden (ganz arm, minder arm, periodisch arm). Geld sollte nur das allerletzte Mittel der Hilfe sein.Die Listen von damals hat das Stadtarchiv aufbewahrt – vergilbte Papierbögen, handschriftich ausgefüllt. Daraus Bilder von lebendigen Menschen und den Verhältnissen zu machen, in denen sie lebten, das war die große Aufgabe des Projekts „Trierer Armenkarte“. Begegnen kann man ihnen nun im Rahmen der Karl-Marx-Ausstellung im Städtischen Museum Simeonstift, wo ein Tisch mit Medienstation im ersten Stock ermöglicht, sich auf mehreren Ebenen mit dem Thema zu beschäftigen.

Die Medienstation: Im Zentrum der Medienstation steht die Armenkarte – ein digitalisierter historischer Stadtplan von Trier aus der Zeit um 1845, in den alle Adressen aus der Armenliste eingearbeitet sind – soweit sie auf Stadtplangebiet liegen: 833 Anschriften. Klickt man eine an, öffnet sich eine Karte mit sämtlichen damals amtlichen Informationen: Schanz 616, ein Gebäude nahe der Römerbrücke, zum Beispiel, gibt Auskunft über die Witwe Binz: 48 Jahre,  fünf Kinder – 20, 16, 13, zehn und vier Jahre alt – eines der Kinder blind, kein Beruf, valide, Moralität: gut, Frau Binz erhielt das Attribut „ganz arm“, mit dem sie auf staatliche Unterstützung zählen konnte. Nachbar Franz Walter ebenfalls „ganz arm“, der 49-Jährige musste seine sechsköpfige Familie als Tagelöhner über Wasser halten und hatte sich, so die Einschätzung der Behörde, „ganz dem Trunk ergeben“ – genau so wie zwei weitere Nachbarn, Niklas Schommer (59, „arbeitsscheu und dem Trunk ergeben“), Vater eines achtjährigen Kindes, und Herr Mombach (82), der als ganz arm und invalide galt.

 Die interaktive Karte ermöglicht auch die systematische Auswertung der städtischen Armenlisten  unter speziellen Kriterien: der Verteilung nach Armutsklassen, Geschlechtern, Alter, Validität, Kinderzahl  oder Gewerben. Wie war die Lage der Tagelöhner, die der Frauen? Hier kann  man auch alphabetisch geordnet alle verzeichneten Personen (Haushaltsvorstände) aufrufen und Einblick in das nehmen, was die Behörde über sie verzeichnet hat.  Besonders groß war die Not nahe der Römerbrücke, an den Ausfallstraßen der Stadt und rund um den Hauptmarkt, über den auch der Schulweg von Karl Marx führte.

Zu 20 Schicksalen hält die Armenkarte Erläuterungen und eine historische Einordnung bereit. Es handelt sich um Lebensbilder mit besonders markantem Profil oder Werturteil: „Vermeintliche moralische Schwäche“, „invalide, trunkergeben und bettelsüchtig“, „bettelt, säuft und flucht auf Gott und die Menschen“, oder „arm und krank, die Töchter liederlich“. „Trotz aller Willkür der getätigten Zuschreibungen“, resümiert Professor Laux, „eröffnen gerade die Kommentarfelder einen spannenden Einblick in die Lebenswirklichkeit von Personen und Familien, die in der Zeit des jungen Karl Marx am unteren Ende der Gesellschaft verortet wurden“.

Welche Hilfe die Armen tatsächlich bekamen, ist meist nicht bekannt. In einigen Fällen, erläutert Matthias Schneider, der als Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am „Trier Center for Digital Humanities“ die Digitalisierung der Armenkarte umsetzte, sollten laut den Dokumenten Finanzhilfen nicht an die männlichen Haushaltsvorstände, sondern deren Frauen gezahlt werden, damit das Geld nicht in den Alkohol floss.

Das Projekt Armenkarte, an dem auch das Forschungszentrum Europa und das Stadtmuseum Trier beteiligt waren (Programmierung: Niklas Alt, Design: Peter Albertz), verdankt seine Entstehung dem Karl-Marx-Jubiläum. Ein Glücksfall – denn längst nicht jede mit Trier vergleichbare Stadt verfügt über solch detaillierte Quellen zur eigenen Sozialgeschichte. Ohne die Armenkarte aber wären die Spuren vieler Trierer Vorfahren für immer in der Versenkung verschwunden.

Dr. Stephan Laux, Professor für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Trier (links), und Matthias Schneider, wissenschaftlicher Mitarbeiter, zeigen einen Ausschnitt der Trierer Armenliste von 1832.
Dr. Stephan Laux, Professor für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Trier (links), und Matthias Schneider, wissenschaftlicher Mitarbeiter, zeigen einen Ausschnitt der Trierer Armenliste von 1832. FOTO: TV / Anne Heucher
Die Zeichnung (rechts) der Simeonstraße um das Jahr 1830 stammt vom dem belgischen Kunst-
maler Paul Lauters und liegt im Stadtmuseum 
Simeonstift Trier.
Die Zeichnung (rechts) der Simeonstraße um das Jahr 1830 stammt vom dem belgischen Kunst- maler Paul Lauters und liegt im Stadtmuseum Simeonstift Trier. FOTO: Stadtarchiv Trier / Stadtmuseum / Archiv Stadtarchiv Trier / Stadtmuseum